Die Folge erzählt die Geschichte einer Familie aus Eschweiler, deren zwölfjährige Tochter auf Facebook von einem fremden Mann zur Übersendung von Nacktbildern gedrängt wurde. Nachdem die Ermittlungen eingestellt wurden, wächst die Wut der Eltern, bis sie gegen einen anderen Mann vorgehen, den sie für den Täter halten.
Die Psychologin Julia von Weiler ordnet ein, was solche Rachefantasien mit Eltern machen können. Außerdem geht es um den Prozess vor dem Landgericht Aachen und die späteren Revisionsentscheidungen, in denen unterschiedlich bewertet wurde, wer an der Tat beteiligt war und wessen Schuld wie schwer wiegt.
Hörerinnen und Hörer erfahren, warum Selbstjustiz keinen Kinderschutz darstellt.
In dieser Folge Laura Wohlers, Paulina Krasa, Björn Hühne, Julia von Weiler
Die Abschrift dieser Folge über den Mord an Bela Kettler entstand mit der Technologie von HappyScribe, mit der sich Untertitel für Videos erstellen lassen.
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Mordlust.
Willkommen bei "Mordlust", einem Podcast über wahre Verbrechen, produziert von der Partner and Crime in Zusammenarbeit mit Studio Bummens. Mein Name ist Paulina Krasa. In jeder Folge hört ihr hier einen Kriminalfall aus Deutschland, und dabei schauen wir immer auf juristische, psychologische und gesellschaftliche Aspekte, und wir sprechen mit Menschen mit Expertise, Beteiligten oder Betroffenen. Ja, und True Crime heißt eben auch, dass hinter jedem Fall echte Menschen und ihre Schicksale stehen. Das solltet ihr beim Hören nicht vergessen; wir berücksichtigen das auch immer bei unserer Arbeit. Wenn ihr merkt, dass euch bestimmte Themen nicht gut tun, dann passt lieber auf euch auf und skippt die Folge.
Und weil wir bei all der Schwere zwischendurch auch mal ein bisschen Luft brauchen, sind hier manchmal kleine Abschweifungen erlaubt, das ist aber natürlich nicht despektierlich gemeint. Also, der Fall, von dem ich euch heute erzähle, der dreht sich um eine Familie, die erst mal jemanden beschützen will, und um die Frage: Was passiert, wenn aus einem vermeintlichen Kampf um Gerechtigkeit blinde Wut wird? Diese Geschichte beginnt aber erst mal mit einer Emotion, die die meisten Eltern wohl nur zu gut kennen, nämlich mit der Angst.
Die Namen aller Beteiligten haben wir geändert. Das Jahr 2015 ist noch nicht weit vorangeschritten, als Holger und Johanna Henning von ihrer Tochter etwas offenbart bekommen, das ihren Gemütszustand ähnlich düster werden lässt, wie es der graue Himmel über Eschweiler dieser Tage so oft ist. Obwohl zu dieser Jahreszeit das Wetter oft nass, kalt und ungemütlich ist und das Leben für viele ein bisschen mehr auf die eigenen vier Wände zusammenschrumpft, hatte die 12-jährige Sina in den vergangenen Wochen trotzdem ein Tor zur Außenwelt: das Internet.
Für ihren 10-jährigen Bruder ist das noch nichts, aber Sina wollte, wie so viele in ihrem Alter, einen Account auf Facebook haben. Holger und Johanna hatten ihrer Tochter daraufhin ein Profil angelegt. Doch jetzt offenbart Sina ihren Eltern, dass sie vor einigen Wochen eine Nachricht in ihrem Posteingang hatte. Eine anonyme Person hatte sie angeschrieben und sich als "Binana" vorgestellt. Am Anfang hätten sie normal geschrieben, Binana habe dann aber erzählt, dass er Modelagent sei und Sina einen Vertrag mit einer Agentur vermitteln könne.
Das sind Worte, die sicher viele Eltern bereits jetzt in Alarmbereitschaft versetzen würden. Sina jedenfalls, das erfahren ihre Eltern jetzt, hatte Binana daraufhin mehrere Fotos von sich geschickt. Danach standen die beiden weiter im Austausch. Binana schrieb mal freundlich, mal lockend, aber irgendwann hatten seine Worte auch etwas Forderndes bekommen. Damit er ihr einen Modelvertrag besorgen könne, brauche er noch weitere Fotos von ihr, schrieb er. Dieses Mal jedoch nicht angezogen, sondern nackt.
Holger und Johanna sind geschockt, als sie das erfahren, und malen sich nun vielleicht auch schon das Schlimmste aus. Doch Sina berichtet, dass sie sich geweigert habe. Binana habe aber dann immer mehr Druck ausgeübt: 699 Euro habe er dann von ihr verlangt, wenn sie keine weiteren Fotos schicke. Für den finanziellen Aufwand, den sie der Agentur beschert habe. Wenn sie das nicht zahle, dann müssten es ihre Eltern tun, hatte er gedroht. Und offenbar hat das Sina nun dazu gebracht, sich ihnen anzuvertrauen.
Mutter Johanna ist seit Längerem arbeitslos, Holger arbeitet als Gartenbauhelfer. So viel Geld, das weiß auch schon die 12-Jährige, hat die Familie nicht. Aber vermutlich war es ja nicht wirklich das Geld, auf das es Binana abgesehen hatte. Den Kontakt hatte er jedenfalls kurz darauf abgebrochen. Statt ihm weitere Fotos zu schicken, hat Sina sich also ihren Eltern gegenüber geöffnet. Und das kostet natürlich Überwindung, gerade wenn neben der Angst auch noch Scham im Spiel ist. Aber jetzt können sich die Erwachsenen der Sache annehmen. Und für Holger und Johanna bedeutet das, dass sie zur Polizei gehen.
Wer ihre 12-jährige Tochter dazu drängen will, Nacktbilder von sich zu verschicken und sie anschließend auch noch erpressen will, der soll dafür zur Rechenschaft gezogen werden. Doch ausgerechnet dieser Wunsch wird für Familie Henning zum Ausgangspunkt einer verhängnisvollen Eskalation. Dass Johanna und Holger Henning Anzeige gegen Binana beziehungsweise Unbekannt erstattet haben, ist nun vier Monate her. Vier Monate, in denen sich die Sorge der Eltern nicht gelegt hat. Denn offenbar läuft da draußen jemand frei herum, der online jederzeit nach weiteren Minderjährigen suchen könnte.
Kaum auszumalen, was passieren würde, wenn Binana Erfolg mit seiner Masche hätte. Die Hoffnung ist also groß, dass Binana bald ermittelt und dingfest gemacht werden kann. Und dann erreicht Familie Henning endlich eine Mitteilung der Staatsanwaltschaft. Mit ihr allerdings auch die Nachricht, dass all das Warten vergebens war. Das Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt, teilt die Staatsanwaltschaft mit, wurde vor knapp drei Wochen, am 21. Juli 2015, eingestellt. Es sei nicht möglich gewesen, die Identität von Binana zu ermitteln.
Um die Person hinter dem Profil zu identifizieren, hatten die Ermittlungsbehörden Daten bei Facebook angefragt. Diese Anfrage wurde allerdings nie beantwortet. Und so gibt es jetzt auch keinen weiteren Ermittlungsansatz. Holger und Johanna Henning sind fassungslos, dass sie nicht erfahren, wer ihre Tochter so unter Druck gesetzt hat. Seinem Ärger verschafft Holger in den nächsten Tagen auch auf Arbeit Luft und erzählt seinen Kollegen am laufenden Band von der Einstellung des Verfahrens. Allerdings macht sich neben der anfänglichen Sorge nun auch noch ein anderes Gefühl breit: Wut.
Wut auf Binana, aber auch auf die Tatsache, dass er womöglich einfach so weitere Kinder anschreiben kann. Auch wenn die Ermittlungsbehörden nichts unternehmen können, für Johanna und Holger ist das Thema damit noch lange nicht vom Tisch. Wie es bei solchen Krisen bei den Hennings weitergeht, entscheidet in der Beziehung regelmäßig Holger. Der 38-Jährige mit Schnauzbart und glatt rasiertem Kopf ist zwar kein Muskeltyp, sondern eher schmächtig, aber wenn er einen Raum betritt, dann tut er dies mit geradem Rücken und herausforderndem Blick.
Auf andere wirkt er wie jemand, dem Angst fremd ist und der sich jeder Herausforderung stellt. Seine acht Jahre jüngere Frau Johanna dagegen wirkt eher reserviert. Sie ist eine kleine, zierliche Frau, lange blonde Haare, schmaler Mund, die vor allem für ihre Kinder lebt. Beide eint in dem Moment die Ohnmacht. Gegenüber der Anonymität des Internets sind Männer wie Holger genauso hilflos wie die eher zurückhaltende Johanna. Zwei Tage nach der Einstellung des Verfahrens schreibt Johanna mit Jannik, einem Freund der Familie, der mit Holger im selben Team die Grünanlagen der Stadt pflegt.
Jannik mag die Kinder des Ehepaars und erkundigt sich, wie es den beiden jetzt mit der Einstellung gehe. Ob Johanna über die Sachen reden will, fragt er. Sie antwortet: "Reden bringt eh nichts." Holger wolle handeln, bevor, Zitat, "schlimmeres passieren" tut. Holgers Handeln beinhaltet aber nicht, Tochter Sina den Zugang zu Facebook zu verwehren. Trotz der "pädophilen Täter" - so nennen die Hennings Binana jetzt auch - die im Internet so unterwegs sind, erlauben sie ihr, sich weiterhin einzuloggen.
Mit schwerwiegenden Folgen. Es dauert gerade mal eine Woche, da ploppt am Morgen des 30. Juli in Sinas Nachrichtenfach wieder eine Nachricht auf. "Hi, wie geht's dir?", schreibt ein Profil mit dem Namen Bela Kettler. Sina hatte vorher noch nie Kontakt mit ihm. Am selben Tag, mitten in der Nacht, kommt die nächste Nachricht: "Guten Abend." Allen Anschein nach steckt ein erwachsener Mann dahinter. Auf einem Bild, das er auf seinem Profil hochgeladen hat, sieht er aus, als sei er in seinen späten Zwanzigern. Er trägt einen kurzen Bart, sein blondes Haar wird vorne schon etwas schütter.
Der Chat ist zwar harmlos, doch diesmal weiß Sina gleich, was zu tun ist. Sie lässt die Nachrichten unbeantwortet. Als Holger davon erfährt, dass sich so kurz nach der Einstellung der Ermittlungen schon wieder ein offenbar erwachsener Mann bei seiner Tochter gemeldet hat, wird die Wut, die seit der Einstellung der Ermittlungen gegen Binana in ihm schwelt, plötzlich zu einem riesigen Brand. Holger ist überzeugt, dass die Nachrichten wieder von Binana kommen und er diesmal nur ein anderes Profil benutzt hat, damit seine Tochter keinen Verdacht schöpft.
Auf Arbeit redet sich Holger vor Jannik und den anderen Kollegen immer wieder in Rage, dass Binana es "wieder" bei seiner Tochter versucht habe. Dass er ein Pädophiler sei, dem er eine Abreibung verpassen werde. Als Holger den anderen Belas Facebook-Profil zeigt, erkennt einer aus seinem Team, dass die beiden gemeinsame Freunde haben. Dabei wird Holger hellhörig. Für ihn ist klar, dass die Sache diesmal anders laufen muss. Er wird nicht noch einmal darauf hoffen, dass die Polizei etwas tut, nur damit am Ende doch wieder nichts passiert.
Seit der Einstellung des Verfahrens hatte Holger sich gewünscht, Binana doch noch irgendwie dranzukriegen. Und diesmal verbirgt sich die Person, die seiner Tochter schreibt, nicht hinter einem Pseudonym. Das Profil trägt einen richtigen Namen und zeigt ein Gesicht. Und jemanden, der einen Namen und ein Gesicht hat, den kann man finden. Ja, also für Holger scheint mit Bela plötzlich jemand greifbar, gegen den er seine Wut richten kann. Julia von Weiler ist Psychologin und Expertin für digitale Kindheit, die seit vielen Jahren betroffene Kinder und ihre Bezugspersonen begleitet.
Und sie weiß, wie sehr es Eltern erschüttern kann, wenn ihr Kind sexualisierte Gewalt erlebt, in der realen Welt oder im Internet.
Eltern von betroffenen Kindern durchlaufen so eine ganze Fahrt lang an Gefühlen. Ganz sehr unterschiedlich: große Traurigkeit, große Verzweiflung, wahnsinnig große Wut auf den Täter oder die Täterin, aber natürlich auch auf sich selber. Die sind verzweifelt, die fühlen sich sehr ohnmächtig, sie fühlen sich auch selber schuldig, dass sie es nicht gemerkt haben. Und sie trauern um das, was ihrem Kind angetan wurde.
"Warum habe ich nichts bemerkt? Hätte ich mein Kind besser schützen müssen?" Also, neben der Wut auf die verantwortliche Person geht es viel um solche Selbstvorwürfe. Eltern fühlen sich oft ohnmächtig und wünschen sich, wieder was tun zu können. Und in ihren Gesprächen hört Julia von Weiler dann auch von der Vorstellung, dem Täter oder der Täterin selbst etwas anzutun. Solche Gedanken aussprechen zu können, ohne dafür verurteilt zu werden, hält sie für wichtig. Denn man müsse verstehen, was die Eltern in diesen Fantasien suchen.
Sie helfen, glaube ich, den Eltern dann, wenn sie in dieser Fantasie wirklich alles ausleben, sozusagen in ihren Gedanken alles ausleben, was sie jetzt tun könnten, um sich wieder kraftvoll zu fühlen. Und auch nur dann, glaube ich, wenn sie ein Gegenüber haben, mit dem sie das besprechen können und das ihnen auch hilft, das einzusortieren.
Gefährlich wird es aber natürlich, wenn aus so einer Vorstellung ein konkretes Vorhaben wird. Rache auszuleben könne vielleicht für eine Nanosekunde Erleichterung bringen und diesen unerträglichen Zustand auflösen, sagt von Weiler. Danach stehe man allerdings vor einem noch viel größeren Scherbenhaufen. Dabei beginnt das Problem schon viel früher. Eigentlich wollen die Eltern ihr Kind ja beschützen. Also, das steht ja oft dahinter. Wenn das Kind dann aber miterlebt, dass die Erwachsenen von ihrer Wut beherrscht werden, dann kann man damit auch was ganz anderes erreichen.
Für betroffene Kinder ist es sehr wichtig, Eltern als stabil und stark zu erleben und nicht als rasende Berserker, sozusagen, oder schwerstdeprimierte, traurige Wesen. Weil die Kinder sich sofort verantwortlich dafür fühlen, dass die Eltern sich so fühlen, wie sie sich fühlen. Und es ist unser Job als Eltern, an der Seite unserer Kinder zu stehen. Und es ist nicht der Job der betroffenen Kinder, an unserer Seite zu stehen.
Dabei fühlen sich betroffene Kinder häufig sowieso schon schuldig für das, was ihnen passiert ist, sagt Julia von Weiler. Teilweise wollen Täter oder Täterinnen auch genau dieses Gefühl hervorrufen. Wenn jetzt aber noch die Sorge um die Eltern dazukommt, dann kann es sein, dass das Kind versucht, das Erlebte herunterzuspielen und zu relativieren. Einfach, damit es die Erwachsenen dann wieder entlastet. Von Weiler empfiehlt deshalb eine Fachberatungsstelle, das Hilfetelefon Missbrauch, juristische Beratung und als spezialisierte polizeiliche Anlaufstelle das Kriminalkommissariat für Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung.
Mehr Infos dazu findet ihr in der Folgenbeschreibung. In jedem Fall sei wichtig, dass Eltern einen Raum bekommen, um über ihre Gefühle zu sprechen. Doch auf Janniks Angebot hatte Johanna nur geantwortet: "Reden bringt eh nichts." Holger wolle jetzt handeln. Er möchte Bela viel lieber gegenübertreten, ihn persönlich konfrontieren. Aber wie an ihn herankommen? Dann aber passiert etwas, womit wohl niemand von ihnen gerechnet hat. Anfang August bekommt Johanna auf Facebook eine Nachrichtenanfrage.
Und zwar von Bela. Dass nun ausgerechnet der Mann, den Holger für die geforderten Nacktfotos von seiner Tochter zur Rechenschaft ziehen will, auch noch seine Frau anschreibt, wirkt wie ein absurder Zufall. Doch damit ergibt sich für die beiden auch eine Gelegenheit. Johanna antwortet ihm und gibt sich in den Nachrichten als frisch getrennte Mutter und Noch-Ehefrau aus. Sie schlägt vor, dass sie und Bela sich ja ein wenig hin und her schreiben könnten. "Du bist süß", antwortet Bela ihr daraufhin. Johanna spielt in ihren Nachrichten Interesse vor, um Bela bei Laune zu halten und ihn bald zu einem persönlichen Treffen zu bewegen.
Doch bis dahin kann Holger offenbar nicht warten. Noch während Johanna daran arbeitet, Belas Vertrauen zu gewinnen, schreibt Holger Bela selbst an. Sollte er Sina noch einmal eine Nachricht schicken, werde er kommen, droht er. Wenig später gehen keine seiner Nachrichten mehr durch. Das Einzige, was Holger damit erreicht hat, ist, dass Bela ihn blockiert hat. Johanna schreibt Bela daraufhin, dass Holger ihr Ex-Mann sei und Sina ihre gemeinsame Tochter. Ihr angeblicher Ex mache ihr jetzt Stress wegen der Nachrichten, die Bela an Sina geschrieben habe.
Also so, als würde sie jetzt Holgers Wut abbekommen. Für Holger sehe es so aus, schreibt sie, als wolle Bela über sie an ihre Tochter herankommen. Bela erklärt, dass er Sina, Zitat, "nur so" angeschrieben und ihr wahres Alter nicht gekannt habe. Mehrfach entschuldigt er sich und verspricht, das nie wieder zu tun. Doch Johanna erhöht den Druck. "Weil es um die Kinder geht, geht er über Leichen", schreibt sie über Holger. Dass Bela ihn blockiert habe, sei für ihn ein Schuldeingeständnis. Allerdings präsentiert sie ihm auch gleich einen Ausweg.
Zitat: "Ich gebe dir noch eine Chance. Kläre das mit meinen Ex bitte persönlich, dass ich hier weniger Ärger habe, sonst kannst du das vergessen." Ich lese jetzt hier die fehlende Zeichensetzung mit, ja? Durch ein Treffen mit Holger könne Bela also zum einen ihren Ex besänftigen und sich zum anderen so die Möglichkeit auf den Flirt mit Johanna weiterhin offenhalten. Sonst könnte die Situation jederzeit eskalieren, sagt Johanna. Holger hätte Kontakte. Daraufhin schreibt Bela Holger noch am selben Abend, Zitat: "Ich wollte mich schuldigen, dass ich ihr geschrieben habe, und was sie mir gesagt haben, werde ich mich dran halten, dass ich ihr nicht mehr schreibe."
Bela siezt Holger, und seine Nachricht ist sehr beschwichtigend und kleinlaut. Holger reicht das nicht. Er bezeichnet Bela als Wurm. Zitat: "Sei mal ein Mann und lass uns treffen." Wenn er das nicht tue, sei Bela in seinen Augen ein, Zitat, "Kinderficker". Aber Bela geht darauf nicht ein. Holger hat ihm gedroht, ihn beschimpft und seine Entschuldigung zurückgewiesen. Zu einem persönlichen Treffen hat er ihn damit nicht bewegen können. Und trotzdem rückt Holger seinem Ziel etwas näher.
Nachdem sein Kollege, mit dem er sonst gemeinsam die öffentlichen Grünflächen der Stadt pflegt, erkannt hatte, dass er und Bela gemeinsame Bekannte haben, hatte der sich bei denen über Bela erkundigt und liefert Holger das Ergebnis seiner Recherche. Belas Wohnadresse. Am Morgen des 7. August schreibt Holger Bela, dass er wisse, wo er wohnt. Eine halbe Stunde später nennt er auch seinen Arbeitsplatz. "Ich kenne eine Menge Leute", schreibt er, "und ich weiß, wie du aussiehst."
Bela soll wissen, dass Holger ihn nicht mehr nur auf Facebook erreichen kann. Doch mittlerweile haben auch die Hennings begriffen, dass sich Bela nach all den Drohungen nicht mehr zu einem freiwilligen Treffen bewegen lässt. Bela reagiert nicht mehr. Aber die Hennings haben eine andere Idee. Denn sie meinen, Belas Schwachstelle gefunden zu haben. Und die wollen sie nutzen, um ihn in eine Falle zu locken und damit, in ihren Augen, Gerechtigkeit wiederherzustellen. Es ist der 15. August 2015, kurz nach 12 Uhr mittags.
Ein Sommertag und ein guter Zeitpunkt für einen kleinen Spaziergang entlang der Bahngleise in Eschweiler. Vorbei an Bäumen, Grünflächen, Kreuzungen hin zum Angelweihe. Doch der Mann, der an diesem Samstag mit seinem Hund eine Gassirunde dreht, wird diesen Tag wahrscheinlich bis zum Ende seines Lebens nicht vergessen. Denn sein Blick bleibt an etwas hängen, das hier ganz sicher nicht auf den Asphalt gehört. Zwei Füße. Den Rest des Körpers kann man vom Weg erst nicht ausmachen, denn er ist im hohen Grünstreifen daneben verborgen.
Es ist ein Mann, der auf der linken Seite liegt, abgerissene Grasbüschel in den verkrampften Fäusten haltend. Unter ihm eine Blutlache. Nachdem der Spaziergänger den Notruf gewählt hat, beugt sich wenig später ein Notarzt über den am Boden liegenden Mann. Er kann nur noch seinen Tod feststellen. Die spätere Obduktion der Leiche zeigt, mit welcher Wucht der Mann attackiert wurde. 14 Stichverletzungen werden an seinem Körper gezählt. Die Tatwaffe hatte Arme und Oberkörper durchdrungen, Rippen durchtrennt und Lunge, Herz und Leber verletzt.
Drei der Stiche wären schon jeweils für sich tödlich gewesen. Der Mann muss in der Nacht zuvor nach dem Angriff innerhalb weniger Minuten verblutet sein. Seine Verletzungen haben jetzt verraten, was der Mann am Abend zuvor durchlebt hatte. Und der Personalausweis, den man in seinen Taschen gefunden hatte, wer er war. Der Name, der auf den Dokumenten steht, ist Bela Kettler. Nur wieso er angegriffen wurde und was ihn überhaupt auf den abgelegenen Weg geführt hatte, auf dem er gefunden wurde, müssen die Ermittelnden erst herausfinden.
Noch am selben Tag bekommen sie einen ersten Hinweis. Ein Freund des Opfers meldet sich und erzählt der Polizei, Bela Kettler sei am Vorabend gegen 22 Uhr am Angelweihe, also in der Nähe des Leichenfundortes, verabredet gewesen. Mit einer Frau, die er vor Kurzem über das Internet kennengelernt habe und die er an jenem Tag zum ersten Mal treffen wollte. Dem Freund sei der abgelegene Treffpunkt zu dieser späten Uhrzeit nicht geheuer gewesen. Er habe Bela davon abgeraten, ihn schließlich aber bis zur vereinbarten Kreuzung begleitet.
Nach der Ankunft habe er einen Blick auf die dort wartende Frau werfen können. Sie sei in dem Moment mit ihrem Handy beschäftigt gewesen. Daraufhin sei er beruhigt gewesen und habe sich von Bela verabschiedet. In den nächsten zwei Tagen kommen noch zwei weitere Hinweise dazu. Belas Handy hatte man zwar nicht gefunden, bei der Auswertung seiner Facebook-Chats, die kann man ja auch über einen Computer zum Beispiel dann einsehen, stößt man auf die Nachrichten einer Frau. Möglicherweise der Frau, die seinen Freund hat warten sehen.
Außerdem meldet sich eine Zeugin bei der Polizei, die ihre eigene Familie in den Fokus rückt. Sie berichtet, dass ein anderes Familienmitglied ihre Schwägerin, also die Frau ihres Bruders, am Abend der Tat gegen 22 Uhr an der Kreuzung nahe des Angelweihe gesehen habe. Bei ihr sei auch ein Arbeitskollege ihres Bruders gewesen. Tatsächlich stellt sich heraus, dass die Schwägerin auch die Frau ist, die vom Freund des Opfers gesehen wurde und deren Nachrichten man im Chatverlauf mit Bela Kettler fand.
Ihr Name ist Johanna Henning. Zugleich gerät ihr Ehemann ins Visier. Möglicherweise hatte das Paar Bela Kettler gemeinsam mit einem Komplizen zum Angelweihe gelockt, wo auf den 29-Jährigen der Tod wartete. Kurze Zeit später klicken die Handschellen. Als Johanna Henning den Beamt*innen in einem Vernehmungsraum gegenübersitzt, hoffen sie auf Antworten, die sie weiterbringen. Doch Johanna gibt sich erstmal ahnungslos. Am Angelweihe will sie an dem Tattag zunächst gar nicht gewesen sein.
Als die Beamt*innen ihr aber erwidern, dass sie dort sehr wohl gesehen wurde, räumt sie dann doch ein, dass sie dort war. Holger habe Cannabis besorgen, sie bei der Übergabe aber nicht dabei haben wollen. Deshalb habe sie allein am Weihe gewartet, bis Jannik, ein enger Freund der Familie, sie abgeholt habe. Doch ihre Geschichte passt nicht zu dem, was die Polizei bisher herausgefunden hat. Als die Beamt*innen ihr das vorhalten, erzählt Johanna eine andere Version. Sie sei gemeinsam mit Holger und Jannik dort gewesen, weil sie nach dem Cannabis-Kauf einen Dreier im Gebüsch haben wollten.
Ihr sei das dann aber doch zu peinlich gewesen. Wenig später klingt ihre Geschichte dann wieder anders. Holger habe ihr auf dem Weg zum Weihe eröffnet, dass sie sich als Belas Verabredung ausgeben solle, damit er ihn dort wegen der Nachrichten an Sina zur Rede stellen könne. Bela sei aber gar nicht erschienen. Doch auch bei dieser Version bleibt die 30-Jährige nicht. Immer wieder kündigt Johanna an, jetzt die Wahrheit auf den Tisch packen zu wollen. Nur ist den Beamt*innen irgendwann klar: Johanna erzählt viel, ändert und ergänzt ihre Versionen, nur die ganze Wahrheit bekommen sie von ihr nicht.
Ähnlich sieht es bei dem Freund der Hennings aus. Dass die Verbindung zwischen Jannik Welser und Holger Henning weit über den Feierabend hinausreicht, wissen die Ermittelnden bereits. Aber was Janniks Rolle an jenem Abend war, ist noch unklar. Dass er am Abend des Boots mit am Angelweihe war, räumt er, anders als Johanna, gleich von Anfang an ein. Doch wer Bela die tödlichen Stiche versetzt hat, dazu hat auch er unterschiedliche Versionen. Immerhin bringt er die Ermittlungen trotzdem voran. Denn Jannik weiß, wo wichtige Beweismittel sind, hat uns sein Anwalt Björn Hüne verraten.
Der Mandant hat die einzelnen versteckten Gegenstände der Polizei gezeigt und gesagt, wo die sind. Es wurde eine sogenannte Garotte, ein Würgedraht, mitgeführt. Der sollte dazu dienen, ihn festzuhalten. Die wären sonst auch nach Angaben der ermittelnden Polizeibeamten niemals aufgefunden worden, ohne seine Mitwirkung. Durch den 26-Jährigen Jannik findet die Polizei auch das versteckte Tatmesser und andere Beweismittel. Belas Handy entdecken die Beamt*innen bei der Durchsuchung seiner Wohnung.
So können sie nun Stück für Stück zusammensetzen, was an jenem Abend passiert sein könnte. Am 9. Februar 2016, ein halbes Jahr nach dem Fund seiner Leiche, beginnt der Prozess im Mordfall Bela Kettler vor dem Landgericht Aachen gegen jene Personen, die auf besonders brutale Weise Selbstjustiz verübt haben sollen. Über Schuld und Strafe entscheiden hierzulande aber Gerichte und nicht jene, die das Recht gern in die eigene Hand nehmen wollen. Nun müssen sich diejenigen, die selbst ein Urteil sprechen wollten, vor denen verantworten, denen das tatsächlich zusteht.
Holger Henning sieht beim Prozessauftakt nicht aus, als könne ihn das aus der Ruhe bringen. Breitbeinig und selbstsicher wirkt er auf andere, er zwinkert jemandem zu und lässt seinen Blick über die Zuschauerreihen schweifen, als sitze dort sein Publikum. Seine Frau scheint mit ihrer zurückhaltenden Art der lebend gewordene Kontrast zu ihm. Über ihrer weißen Bluse hängt ein Rosenkranz, um ihr Handgelenk windet sich ein zweiter. Vielleicht glaubt sie, jede Hilfe von oben dringend zu benötigen. Mit ihnen angeklagt ist Holgers Arbeitskollege und Freund der Familie Jannik Welser.
Ein unauffälliger Typ, der entscheidend zur Aufklärung des Falls beigetragen hat. Ihm und dem Ehepaar Henning wirft die Staatsanwaltschaft gemeinschaftlichen Mord und räuberische Erpressung mit Todesfolge vor. Doch die drei sind nicht die einzigen, die auf der Anklagebank Platz genommen haben. Im Laufe der Zeit hatten die Ermittlungen zu Tage gefördert, dass noch weitere Personen beteiligt gewesen sein sollen. Eine Frau namens Bonnie, die Bela im Auftrag der Hennings auf Facebook angeschrieben und ein Treffen vereinbart haben soll. Und ein weiterer Bekannter, der laut Staatsanwaltschaft vom Racheplan der Hennings gewusst und währenddessen auf ihre Kinder aufgepasst haben soll.
Beide müssen sich wegen Beihilfe zur gefährlichen Körperverletzung verantworten. Ja, und kurz dazu: Die beiden sind jetzt nicht wegen der Beihilfe zum Mord angeklagt, weil die Staatsanwaltschaft hier davon ausgeht, dass sie nicht wussten, dass Bela getötet werden sollte. Wohl aber, dass er gefährlich verletzt werden sollte. Also, da geht es dann immer auch darum, was denken die Beteiligten, wobei sie helfen. Also, wer jetzt dabei helfen will, jemanden zu verprügeln, der hilft dann nicht automatisch auch bei einem Mord, wenn das dann später daraus wird. Also, vereinfacht gesagt, ja.
In Bezug auf die Hennings geht der Staatsanwalt davon aus, dass das Ehepaar nach Holgers einschüchternden Drohungen nach einem anderen Weg gesucht hatte, Bela in einen Hinterhalt zu locken. Aus dem bisherigen Austausch wusste das Ehepaar, dass Bela auf Facebook nach einer Frauenbekanntschaft suchte. Deshalb hatte Holger seine Ex-Bonnie kontaktiert, mit der er als Jugendlicher einmal kurz zusammen war, und ihr erzählt, Bela habe seine Tochter belästigt. Er hatte ihr erzählt, Bela habe seine Tochter belästigt. Die Frau hatte vor der Polizei später angegeben, dass sie Bela ködern sollte, damit er, Zitat, "eins auf die Schnauze kriegen" könne.
Die ausgewerteten Nachrichten zwischen ihr und Holger zeigen, wie die beiden das Treffen angebahnt hatten. Regelmäßig schickte sie ihrem Ex Updates. Bela habe gut angebissen, schrieb Bonnie. Und Holger hatte vorgegeben, wohin sie ihn bestellen sollte: an den Angelweihe um 10 Uhr abends. Vor Ort sollte allerdings Johanna auf ihn warten, sich als Bonnie ausgeben und ihn Richtung einer unbeleuchteten Straße führen, wo er seine Abreibung bekommen sollte. Jannik hatte der Polizei erzählt, was sie am Nachmittag vor der Tat im Keller der Hennings besprochen hatten.
Bela sollte nicht nur verprügelt werden. Er sollte zugeben, Nacktbilder von Sina verlangt zu haben. Anschließend hätten sie ihm beide Mundwinkel seitlich nach oben aufschneiden wollen, ihm ein Grinsen ins Gesicht ritzen, weil Holger gehört hatte, dass einem Kindermörder aus Eschweiler vor Jahren sowas im Gefängnis angetan wurde. Die Narben sollten Bela für andere als pädosexuellen Täter kenntlich machen. Holger habe dafür ein Bajonettmesser mit einer etwa 15 Zentimeter langen Klinge und noch ein weiteres Messer eingepackt.
Jannik selbst habe einen Schlagring und den Würgedraht aus seiner Waffensammlung mitgebracht. Mit dem Draht habe er Bela fixieren wollen, während Holger ihm die Mundwinkel aufschneidet. Die geplanten Verletzungen sollten Bela für alle sichtbar als das kennzeichnen, wofür Holger ihn hielt. Vor Gericht kommen nun aber Menschen zu Wort, die Bela tatsächlich gekannt haben. Sie beschreiben den 29-Jährigen als fröhlich, hilfsbereit und gutmütig, vielleicht auch ein bisschen naiv. Er hilft, wo er kann, und teilt, was er hat, auch wenn das oft nicht mehr als ein Schlafplatz ist.
Auf Fotos wirkt Bela freundlich, manchmal auch ein bisschen skeptisch. Sein blondes Haar trägt der Fußballfan kurz. Mal lässt er sich einen Schnauzer stehen, mal sollen helle Bartstoppeln sein Gesicht. Zwischenmenschliche Situationen können ihn schnell überfordern. Wenn ihm jemand aggressiv gegenübertritt, zieht er sich eher zurück, als sich zu wehren. Menschen, die ihm nahestehen, haben deshalb oft das Gefühl, auf ihn aufpassen zu müssen. Tagsüber arbeitet Bela in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderungen, zuletzt in einer Schreinerei.
Holz hat es ihm besonders angetan. Er lebt in einer Wohnung des betreuten Wohnens. Wegen einer Lernbehinderung bekommt er Unterstützung durch eine gesetzliche Betreuerin. Der Grad der Behinderung beträgt 50, und damit gilt er als schwerbehindert. Eine Partnerin zu finden, gelingt ihm lange nicht, dabei wünscht er sich das so sehr. Bela hatte zwar schon mal eine Freundin, aber seit eineinhalb Jahren ist er wieder allein. Und weil er schüchtern ist und sich nicht traut, Frauen persönlich anzusprechen, versucht er sein Glück auf Facebook. Aber auch online läuft es nicht so gut.
Seine Nachrichten enthalten viele Rechtschreibfehler. Seiner Mutter erzählt er damals, dass ihn deswegen schon einige Frauen blockiert hätten. Bela schafft es oft nicht, seine Gedanken klar auszudrücken. Er benutzt eher einfache Worte, die seine Nachrichten unbeholfen erscheinen lassen. Ganz anders als die von Binana, der mit geschickten Versprechungen Sinas Vertrauen gewonnen und sie dann gezielt unter Druck gesetzt hatte. Auch die Fotos von Sina, die sie Binana schickte, fand man auf Belas Handy nicht.
Und noch etwas passt nicht zu dem Bild, das Holger von ihm hatte. Seine Betreuerin, eine Mitarbeiterin des betreuten Wohnens und zwei Freunde beschreiben Bela als einen Mann, der sich eine Partnerin wünschte. Für minderjährige Mädchen habe er sich nicht interessiert. Als Bela Sina Ende Juli 2015 anschrieb, glaubte er, eine erwachsene Frau anzuschreiben. Denn laut Sinas Facebook-Profil war sie 22 Jahre alt. Johanna und Holger hatten das Profil ihrer 12-jährigen Tochter damals selbst angelegt und sie dabei zehn Jahre älter gemacht.
So hatte sie Facebook uneingeschränkt nutzen können. Es waren also ihre eigenen Eltern, die sie im Netz als erwachsene Frau ausgegeben hatten. Und Bela konnte, als er sie anschrieb, nicht wissen, dass Sina minderjährig ist. Und er konnte es auch nicht aus vorherigen Nachrichten mit ihr wissen. Denn Bela war nicht Binana. Als Bela am 8. August von einer fremden Frau angeschrieben wird, die sagt, dass sie ihn gerne kennenlernen möchte, ist es erst ein Tag her, als Holger ihm zuletzt gedroht hatte, er würde Bela an seiner Arbeitsstelle oder vor seiner Wohnung auflauern.
Bela war damit heillos überfordert. Er sprach auch mit seiner Mutter darüber, wie viel Sorge ihm diese Situation machte. Dabei hatte er ja gar keinen Fehler gemacht. Dass Bonnie ihm jetzt schreibt, dass sie ihn direkt sympathisch gefunden und gedacht habe, "den muss ich mal anschreiben", scheint die Angst zunächst etwas in den Hintergrund zu rücken. Die beiden texten sich regelmäßig, und wenige Tage später schreibt die Frau schon: "Ich vermiss dich so." Sie fragt, wie lange er am Freitag arbeiten müsse. Aber Holgers Drohungen wirken noch nach.
Bela schreibt seiner neuen Bekanntschaft, dass er befürchte, dass sie ihm Leute schickt. "Ich habe Angst, aufs Maul zu bekommen", schreibt er, offenbart aber auch, dass er sich mal wieder Sex wünsche. "Genau deshalb habe sie die Verabredung am Freitag vorgeschlagen", antwortet sie und nennt den abgelegenen Angelweihe in Eschweiler als Treffpunkt. Er liegt am Rand eines Wohngebiets und in der Nähe der Bahngleise. Und Bela sagt zu. Auch wenn Bela selbst schon die Sorge vor einer Attacke hatte und ihm auch seinen Freund abriet, scheint der Wunsch, endlich wieder eine Frau zu treffen, die Interesse an ihm zeigt, größer als seine Bedenken.
Zwar schlägt Bela noch vor, sich doch lieber bei der McDonald's-Filiale in der Nähe zu treffen, aber seine neue Bekanntschaft wartet da schon am Weihe auf ihn. Über 20 Minuten zu früh. Nachdem sein Freund ihn begleitet und sich vergewissert hat, dass dort wirklich eine Frau auf Bela wartet, stapft der alleine weiter. Richtung der Frau, die er für Bonnie hält. Sein Kumpel schreibt Bela vorsichtshalber noch eine Nachricht. "Und?", fragt er. "Alles okay", antwortet Bela um 22:06 Uhr.
Es ist sein letztes Lebenszeichen. Dass die Frau, die auf ihn wartet, eigentlich Johanna ist, also die, mit der er schon mal geschrieben und dessen Ehemann ihm gedroht hatte, weiß er in dem Moment nicht. Er hält sie für sein Date und folgt ihr einen unbeleuchteten Weg entlang, weil er glaubt, dass die beiden gleich Sex haben werden. Doch vor dem Geländer an den Bahngleisen passiert etwas anderes. Dort wartet ein Mann auf Bela. Plötzlich geht alles ganz schnell. Bela bekommt einen heftigen Schlag mit der Faust rechts gegen den Kopf, dabei verliert er seine Brille.
Dann durchdringt ihn ein Messer. Sieben Stiche, von denen manche mit so großer Wucht ausgeführt werden, dass sie seine Arme durchdringen und dahinter den Oberkörper treffen. Die Klinge verletzt seine inneren Organe. Bela schleppt sich noch einige Meter Richtung Straße, doch weit kommt er nicht. Die Wunden sind zu tief und er verliert immer mehr Blut, bis er schließlich auf seiner linken Seite zum Liegen kommt. Als er wenig später verblutet, umklammert er in seinen Händen zuvor abgerissene Grasbüschel.
Wer so grausam mit dem Messer auf Bela eingestochen hatte, dazu hatte Jannik gleich bei seiner ersten Beschuldigtenvernehmung ausgesagt, hat uns sein Anwalt Björn Hüne erklärt. Er hat sich damals, also mein Mandant hat sich damals in der ersten Vernehmung dahingehend geäußert, er hätte das alles alleine gemacht, hat das alles auf sich genommen. Jannik hatte damals gestanden, Bela getötet zu haben. Bei der Vernehmung beobachteten die Ermittelnden allerdings, dass Jannik übermäßig viel Wasser trank. Er hatte glasige Augen, schaute immer wieder ins Leere und wirkte unnatürlich euphorisch.
Die Beamt*innen bekamen den Eindruck, er erzählte das alles mit Stolz und Freude. Die Beamt*innen sagen nun vor Gericht, sie hätten damals den Eindruck gehabt, dass Jannik unter Amphetamineinfluss stand. Aber auch seine Schilderung passte nicht zu den Verletzungen. Als er vorführte, wie er zugestochen haben wollte, stimmten seine Bewegungen nicht mit dem Verletzungsbild überein. Auch die Zahl der Stiche passte nicht. Björn Hüne sagt, Jannik habe die Tat auf sich genommen, damit die Kinder von Johanna und Holger nicht ohne ihre Eltern aufwachsen müssten.
Doch schon am nächsten Tag nahm er sein falsches Geständnis zurück. Nicht er habe zugestochen, sondern Holger. Jannik sagt, es sei folgendermaßen gelaufen: Die drei hätten sich zunächst an dem Treffpunkt getrennt. Holger habe bei den Bahngleisen auf Bela gewartet. Jannik selbst sollte erstmal bei der Brücke Johanna im Blick behalten und verhindern, dass Bela flieht. Später sollte er dazukommen und Bela mit dem Draht festhalten. Doch dann habe er gezögert. Als er ihnen schließlich doch hinterhergehen wollte, sei Johanna ihm aber schon wieder allein entgegengekommen.
Kurz darauf sei Holger aufgetaucht und habe gesagt: "Alter, ich hab zugestochen." Darüber sei Jannik entsetzt gewesen. Zu Hause habe Holger sich dann ordentlich was anhören müssen. Was habe er da getan? Trotzdem hilft Jannik anschließend noch, Spuren zu beseitigen. Er nimmt Belas Handy mit nach Hause, wäscht Holgers blutige Kleidung und entsorgt sie in einem Altkleidercontainer. Das Tatmesser versteckt er in einem Wald. Die mittlerweile 31-jährige Johanna möchte sich vor Gericht nicht zur Tat äußern.
Ihr Ehemann Holger bestätigt hingegen, dass er beim Angriff allein gewesen sei und selbst zugestochen habe. Unter dem Einfluss von Alkohol und Amphetaminen und in der festen Annahme, dass Bela hinter dem Pseudonym Binana steckte, habe er an diesem Abend die Kontrolle verloren. War es wirklich Sorge um seine Tochter, aus der Wut und schließlich Gewalt wurde? Holger hat sich gegenüber seinem Umfeld als Vater dargestellt, der sein Kind schützen will, koste es, was es wolle. Aber wer Holger kennt, der weiß: Gewalttätig war er schon lange vor den Nachrichten an Sina.
Mehrere Zeug*innen beschreiben Holger als dominanten Patriarchen. Er will bestimmen, was passiert und gemacht wird. Führt er sich provoziert oder infrage gestellt, schlägt er zu. Immer wieder sehen Menschen aus dem Umfeld der Familie blaue Flecken an Johannas Körper. Eine Freundin von ihr berichtet auch, dass sie mit angesehen hat, wie Holger seiner Frau ins Gesicht geschlagen hat. Holger gesteht vor Gericht sogar, Johanna geschlagen zu haben, weil sie sich erst geweigert habe, als Lockvogel mitzumachen. Neben der körperlichen gab es in der Ehe der Hennings aber auch psychische Gewalt.
In der Erklärung, die Johanna von ihrem Anwalt vorlesen lässt, heißt es, dass sie zum Tatzeitpunkt körperlich und psychisch am Ende gewesen sei. Kurz zuvor soll Holger bei einem Streit zu ihr gesagt haben: "Du bist schlimmer als ein Pädophiler." Als Johanna und er sich im Jahr 2000 kennenlernten, war Holger 23 Jahre alt und Johanna erst 15, also noch minderjährig. Dieses Machtverhältnis zieht sich auch noch Jahre später durch die Beziehung. Regelmäßig soll Holger seiner Frau gedroht haben, ihr die gemeinsamen Kinder wegzunehmen, wenn sie nicht das tue, was er von ihr verlange.
Auch finanziell ist Johanna von ihm abhängig. Seit sie ihre Stelle verloren hat, verdient nur noch Holger das Geld, aber das reicht oft nicht. Die Hennings haben Schulden, unbezahlte Hundesteuer und offene Rechnungen bei Versandhändlern. Und noch etwas belastet die Haushaltskasse regelmäßig, sagt Björn Hüne. Alkohol und Drogen haben einen sehr zentralen Platz eingenommen. Es gab im Keller wohl einen Raum, der dazu genutzt wurde, um eben Betäubungsmittel zu konsumieren.
Das waren Dinge wie Amphetamine, wie Cannabis. Und bei Alkohol waren es durchaus auch härtere Sachen, die getrunken wurden. Das hat man insbesondere zum Wochenende hin dann gemeinsam konsumiert oder auch gelegentlich in der Woche nach Feierabend. Johanna selbst schätzt vor Gericht, dass sie und ihr Mann pro Monat ungefähr 300 bis 400 Euro für ihren Konsum ausgegeben hätten. Wegen Drogenhandels stand Holger auch schon mehrfach vor Gericht. Seine kriminelle Karriere begann bereits mit gerade einmal 16 Jahren.
Es folgten Vorstrafen wegen Trunkenheit am Steuer und Fahrens ohne Führerschein. 2001 dann die erste Gefängnisstrafe. Sechs Monate Haft, weil er Beamte verprügelt und mit einem Messer bedroht hatte. Seine Gewalt zieht sich also schon durch sein ganzes Leben. Und offenbar ist er stolz drauf. Ein Arbeitskollege berichtet, Holger habe sich immer wieder gebrüstet, früher "Straßenschläger" gewesen zu sein. Sein Team, mit dem er die Grünflächen pflegte, musste sich immer wieder Holgers Prallgeschichten anhören.
Für die Facebook-Story bekam er aber nicht nur Zuspruch. Dass er das Alter seiner Tochter nicht runtersetzte, nachdem Binana versucht hatte, sie zu erpressen, hatte teilweise für irritierte Blicke gesorgt. Ein Kollege von Holger erinnert sich, dass er eine Woche vor der Tat davon erfahren hatte, dass Sinas Alter auf 22 eingestellt war und dass er das nicht habe nachvollziehen können. "Da musst du dich nicht wundern, wenn die von Männern angeschrieben wird", habe er gesagt. Dabei wäre das Alter runtersetzen der einfachste Weg gewesen, um sicherzugehen, dass andere Erwachsene wissen, dass Sina erst 12 Jahre alt ist.
Stattdessen hatte sich Holger offenbar lieber in der Erzählung des sich rächenden Vaters wiedergefunden. Selbst am Tatort bezog er sich vor Bela noch darauf. Offenbar wollte er, dass Bela weiß, mit wem er es jetzt zu tun bekommt. Jannik behauptet, er habe von seinem Posten aus gehört, wie Holger sich Bela zu erkennen gab. Die Frau, mit der Bela verabredet sei, sei seine Ehefrau und das Mädchen, das Bela angeschrieben habe, seine Tochter. Dieses Detail führt das Gericht zu einer entscheidenden Frage.
Holger sagt, der Angriff sei außer Kontrolle geraten. Aber wenn er sich Bela zu erkennen gegeben hatte, hätte dieser ihn, nachdem ihm ein Grinsen ins Gesicht geritzt wurde, ja identifizieren und anzeigen können. War Belas Tod also doch von Anfang an geplant? Am 17. Mai 2016 verkündet das Landgericht Aachen sein Urteil. Mehr als drei Monate lang hat die Kammer Zeug*innen gehört, die Chatverläufe gelesen und die unterschiedlichen Schilderungen der Angeklagten geprüft.
Jetzt geht es darum, welchen Anteil die einzelnen Angeklagten zur Tat beigetragen haben. War Belas Tod die Tat eines Einzelnen oder tragen alle fünf auf der Anklagebank dafür Verantwortung? Von der Arroganz, mit der Holger zu Beginn des Prozesses aufgetreten ist, ist heute zur Urteilsverkündung nicht mehr viel übrig. Er sitzt zusammengesunken auf der Anklagebank. Seine Frau fixiert starr den Tisch vor sich. Den Rosenkranz hat sie auch heute wieder in der Hand. Regungslos hören sich die Hennings und ihr Freund Jannik das Urteil an, das nun über sie gesprochen wird.
Alle drei werden wegen gemeinschaftlichen Mordes zu lebenslangen Freiheitsstrafen verurteilt. Bela habe nicht gewusst, dass beim Angelweihe ein Angriff auf ihn wartete. Er sei davon ausgegangen, dass er mit seinem Date dort Sex haben würde. Diese Erwartung hätten die drei genutzt, um ihr Opfer in einen Hinterhalt zu locken. Deshalb sieht die Kammer das Mordmerkmal der Heimtücke als erfüllt an. Außerdem sieht die Kammer in der Tat einen gemeinsamen Racheakt. Die drei wollten Bela für etwas bestrafen, obwohl sie für ihre Annahme, dass er Binana sei, gar keine Beweise hatten.
Auf die Drohungen reagierte Bela kleinlaut und nachgiebig. Seine Nachrichten waren in einfachen Worten geschrieben. Binana dagegen war offenbar ein geschickter Manipulator. Dass sich Holger, Johanna und Jannik das Recht rausgenommen hatten, über Belas Leben zu entscheiden, bewertet das Gericht als niedrigen Beweggrund. Die Richter*innen glauben Holger nicht, dass der Angriff unter dem Einfluss von Alkohol und Amphetaminen außer Kontrolle geraten sei. Für sie steht fest: Es war geplant, dass Bela nicht nur eine Abreibung bekommen sollte.
Die drei hätten spätestens am Nachmittag des Tattags gemeinsam beschlossen, ihn zu töten. Damit glaubt die Kammer auch Jannik nicht, dass er lediglich an einer schweren Misshandlung beteiligt sein wollte und Holger allein entschieden habe, Bela zu töten. Vielmehr sieht sie Jannik und Johanna als Mittäter*innen an und geht von einer gemeinschaftlichen Tat mit Holger aus. Dafür spricht aus der Sicht des Gerichts schon die Vorbereitung. Die drei nehmen zwei Messer, einen Würgedraht und einen Schlagring mit. Die Kammer wertet das als Hinweis darauf, dass sie Bela nicht nur verletzen und entstellen, sondern eben auch töten wollten.
Auch den besonders abgelegenen Tatort hätten sie für eine Abreibung aus Sicht der Richter*innen nicht gebraucht. Die meisten anderen Straßen, auf denen abends wenig los ist, hätten dafür auch ausgereicht. Und dann gibt Holger sich Bela gegenüber auch noch zu erkennen und seiner Ex Bonnie, die das Treffen eingefädelt hat, versichert er vor der Tat noch, sie solle sich keinen Kopf machen. Bela werde nicht herausfinden, dass sie ihn in die Falle gelockt habe. Auch darin sieht das Gericht Hinweise auf einen gemeinsamen Tötungsplan. Wenn Bela nicht überlebt, kann er anschließend auch niemanden mehr verraten.
Außerdem, so der Vorsitzende, hätten die drei nach der Tat weiterhin zusammengehalten. Johanna und Jannik hätten Holger geholfen, Spuren zu beseitigen, statt sich von ihm abzuwenden. Für die Kammer ist auch das ein Zeichen dafür, dass Holger nicht gegen ihren Willen gehandelt hat. Dass Holger behauptet, Johanna zum Mitmachen gezwungen zu haben, ändert für die Kammer nichts an ihrer Verantwortung für den Mord. Bei Holger stellt das Gericht zusätzlich die besondere Schwere der Schuld fest. Die Staatsanwaltschaft hatte wegen Janniks Hilfe bei der Aufklärung für ihn auch eine mildere Strafe von 13 Jahren in Betracht gezogen.
Die Richter*innen sehen davon aber ab. Für alle drei gibt es die Höchststrafe. Bonnie, die Ex von Holger, die Bela Interesse vorgespielt und zum Treffpunkt gelockt hatte, wird wegen Beihilfe zur gefährlichen Körperverletzung zu zwei Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt. Der Bekannte, der am Tatabend auf Sina und ihren Bruder aufgepasst hat, wird freigesprochen. Dass er als Babysitter wissentlich den geplanten Angriff unterstützte, ließ sich nicht beweisen. Damit hat das Gericht die Verantwortung verteilt. Für die Kammer ist Belas Tod das Ergebnis eines gemeinsamen Mordplans von Holger und Johanna Henning und Jannik Welser.
Doch Janniks Verteidiger Björn Hüne hält gerade diese Schlussfolgerung für falsch und legt Revision ein. Die Gründe, aus denen das Gericht einen gemeinsamen Tötungsplan ableitet, überzeugen ihn nicht, hat er uns erzählt. In der ersten Runde hat das Gericht einfach gesagt, nach den Einlassungen des Mandanten, die man an den Punkten, wo sie belastend waren für meinen Mandanten, hat man sie als glaubhaft unterstellt. Aber an anderen Punkten, wo ganz klare Anhaltspunkte dafür gewesen sind, dass man ihm den Tod des Opfers nicht zusprechen kann, da hat man es als Schutzbehauptung einfach abgetan.
Und das hat auch der Bundesgerichtshof kritisiert. Ja, wie Björn Hüne hier auch schon gesagt hat, tatsächlich hebt der BGH am 20. Dezember 2017 das Urteil gegen Jannik Welser und auch gegen Johanna Henning auf. Die Beteiligung der beiden am Tod von Bela müsse neu verhandelt werden. Unter anderem kritisiert der BGH, dass die Anzahl und die Art der Waffen für sich genommen noch nicht beweise, dass alle drei Bela gemeinsam töten wollten. Die Kammer hätte auch prüfen müssen, ob sie Bela damit nicht einfach einschüchtern und dazu bringen wollten, sein Handy rauszugeben.
Auch, dass Holger sich Bela gegenüber zu erkennen gab, ließe sich nicht ohne weiteres Johanna und Jannik zurechnen. Woher wolle die Kammer wissen, dass das vorher mit den anderen beiden abgesprochen war? Auch, dass sie an der Beseitigung der Spuren beteiligt waren, beweise nicht, dass sie auch wollten, dass Bela stirbt. Immerhin könne man auch ein Interesse daran haben, nicht aufzufliegen, wenn eine Gewalttat aus dem Ruder läuft, die man vorher anders geplant hatte. Der BGH spricht die beiden damit nicht frei, aber ob sie damit auch den Mord mitgetragen haben, muss neu verhandelt werden.
Für Holger und seine Ex-Freundin Bonnie bleiben die Verurteilungen aber bestehen. Ihre Revision hatten keinen Erfolg, weil der BGH in Bezug auf sie keine Rechtsfehler feststellen konnte. Im neuen Prozess geht es also vor allem um die Frage: Was war der gemeinsame Plan? Und ab wann handelte Holger allein? Am 8. November 2018 beginnt vor dem Landgericht Aachen der zweite Prozess. Diesmal ist die Anklagebank deutlich leerer. Nur noch Johanna und Jannik sitzen dort.
Johanna hüllt sich auch diesmal in Schweigen, nur Jannik erzählt. Und das in aller Ausführlichkeit. Über mehrere Stunden beantwortet er Fragen der Prozessbeteiligten. Er erzählt vom Plan, den sie gemeinsam geschmiedet hatten, wo er während des Angriffs war und wie Holger das Tatmesser danach gereinigt und er es dann versteckt hat. Aber wie verlässlich sind seine Angaben? Immerhin hatte er zunächst behauptet, selbst zugestochen zu haben, und auch danach konnte er sich offenbar nicht auf eine Version der Abläufe festlegen.
Allerdings hatte er der Polizei nicht nur verraten, wo das Messer und Holgers Kleidung war, er hatte ihnen auch von seiner Aufgabe, Bela mit dem Würgedraht festzuhalten, erzählt. Und damit hatte er Dinge eingeräumt, die ihn zusätzlich belasteten. Für seinen Verteidiger Björn Hüne ist gerade das entscheidend. All diese Umstände, die ihn auch selber belastet haben, also meinen Mandanten nochmal zusätzlich mit belastet haben, haben in letzter Konsequenz dazu geführt, dass man gesagt hat, die Einlassung ist insgesamt nachvollziehbar, die ist in sich schlüssig und glaubhaft und widerspruchsfrei und haben dann zu den rechtlichen Feststellungen geführt.
Am 12. Dezember 2018 wird die neue Entscheidung verkündet. Johanna und Jannik werden erneut verurteilt. Diesmal kommen die Richter*innen aber zu einer anderen Bewertung als jene im ersten Prozess. Diese Kammer ist überzeugt, dass es sich so abgespielt haben muss. Während Holger auf Bela einsticht, ist er allein. Als Jannik sich eigentlich gerade auf den Weg zu den beiden machen will, kommt Johanna ihm bereits entgegen. Dass einer von beiden die Messerstiche überhaupt nur sieht, lässt sich nicht feststellen.
Johanna und Jannik hören aber Bela vor Schmerzen schreien. Als Holger zurückkommt, verkündet er, dass er zugestochen hat, sagt aber nicht, wie oft und wie schwer er Bela verletzt hat. Johanna und Jannik gehen zu dem Zeitpunkt offenbar noch davon aus, dass Bela lebt. Zu Hause stellt Jannik Holger dann zur Rede. Was habe er da für eine Scheiße gebaut? Holger antwortet, er wisse es selbst nicht, er habe den Schlagring verloren, dann sei es einfach passiert. Auf Nachfrage zeigt er, wie er Bela in den Arm und in den Bauch gestochen hat.
Obwohl Jannik Holger Vorwürfe macht, hilft er ihm, die Spuren zu beseitigen. Auch ohne einen gemeinsamen Tötungsplan, so die Kammer, hat Jannik allen Grund, seine Beteiligung an dem brutalen Überfall zu verbergen. Andere Dinge sprechen aus Sicht der Richter*innen sogar gegen einen gemeinsamen Tötungsplan. Holger und Jannik erzählten vorher auf Arbeit von der bevorstehenden Abreibung. Warum sollten sie selbst dafür sorgen, dass andere sie später mit einem Mord in Verbindung bringen können? Und auch die geplante Entstellung, von der sie erzählten, passt nicht zu einem Mordplan.
Die Narben sollen Bela für andere sichtbar brandmarken. Ja, und das kann man sich ja denken, damit andere das dann sehen, hätte Bela ja am Leben bleiben müssen. Dass man Johanna und Jannik nicht nachweisen kann, dass sie Belas Tod gemeinsam mit Holger geplant haben, entlastet sie aber nicht von jeder Verantwortung. Beide tragen den gefährlichen Überfall mit. Und das, obwohl sie wissen, dass Holger unter Alkohol und Drogen schnell aggressiv wird und gefährliche Waffen bei sich hat. Dass dieser Überfall tödlich enden kann, hätten Johanna und Jannik aber vorhersehen können und müssen.
Dafür müssen sie auch selbst nicht zugestochen haben. Die Kammer berücksichtigt zwar, dass Johanna selbst unter Holgers Gewalt litt, dass er sie aber zu einer Beteiligung gezwungen hat, lässt sich nicht feststellen. Dafür handelte sie bei der Vorbereitung zu eigenständig. Beide werden diesmal wegen Körperverletzung mit Todesfolge verurteilt. Johanna bekommt sechs Jahre Haft, Jannik vier. Weil er zur Aufklärung beigetragen, sich selbst belastet und damit Details offengelegt hat, die sonst nicht hätten aufgedeckt werden können, wendet das Gericht die sogenannte Kronzeugenregelung an.
Deshalb bekommt er eine mildere Strafe. Etwa zwei Jahre und sieben Monate haben beide bereits in Untersuchungshaft verbracht. Seit neun Monaten sind sie wieder auf freiem Fuß. Die Zeit hinter Gittern wird auf ihre Strafen angerechnet. Sechs Jahre für Johanna, vier für Jannik. Das Gericht unterscheidet zwischen der Verantwortung der beiden und der von Holger, der Bela getötet hat. Für Belas Mutter ändert diese Unterscheidung aber nichts daran, dass ihr Sohn nicht mehr nach Hause kommt. In einem Interview mit dem WDR-Format "Mordorte" sagt sie: "Kein Urteil der Welt kann mir meinen Sohn zurückbringen."
Die Hennings sahen in Bela einen Menschen, vor dem sie ihre Tochter beschützen mussten. Dabei war er eigentlich nur ein junger Mann, der sich nach Nähe sehnte. Der jemanden finden wollte, mit dem er sein Leben teilen konnte. Auch Belas Mutter wollte, dass ihr Kind sicher ist. Dass niemand seine Gutmütigkeit ausnutzt. Und dass ihm Menschen begegnen, die es gut mit ihm meinen. Am Ende war es Bela, der Schutz gebraucht hätte. Vor denen, die in blinder Wut glaubten, mit einer Bestrafung das Richtige zu tun und dabei nicht erkannten, dass er gar nicht die Bedrohung war.
Noch dazu hatte Tochter Sina ihre Eltern nicht darum gebeten, in ihrem Namen Rache zu üben. Und die Tat hat auch keine einzige Nachricht von Binana ungeschehen gemacht. Sie hat nicht einmal erklärt, wer hinter diesem Account steckte. Und vielleicht liegt darin das Bedaste an dieser Geschichte. Angeblich sollte Sina ja nur beschützt werden. Am Ende kommen sie und ihr Bruder ins Heim. Und eine andere Mutter verliert ihren Sohn. Also, ich muss wirklich sagen, mich macht diese Sinnlosigkeit in dieser Tat so betroffen.
Ich bin fassungslos darüber, und zwar aus mehreren Gründen. Ich finde, diese blinde Wut in Bezug auf Holger passt hier wirklich wie Arsch auf Eimer. Denn ich habe so ein bisschen den Verdacht, dass Holger sich diesem Gefühl einfach komplett hingegeben hat und darin vielleicht auch so ein bisschen aufgegangen ist, also in dieser Rolle des sich rächenden Vaters. Ohne auch nur, zumindest jetzt nicht für die Außenwelt, ersichtlich einmal darüber nachzudenken, was eigentlich dafür spricht, dass Bela die Person ist, die seine Tochter Monate zuvor kontaktiert hat.
Das war am Ende nämlich nichts. Außer, dass Bela auch jemand war, den Sina nicht persönlich kannte und der sie angeschrieben hat. Mehr hatte er nicht. Und deswegen wirkt es auf mich auch so, als hätte er mit Absicht die Sachen, die dagegen sprechen, auch gar nicht gelten lassen. Weil er sich da so festgelegt hatte. Also, ich frage mich, was hätte Bela denn jetzt eigentlich noch machen können? Er erklärt sogar, dass er nicht wusste, dass Sina so jung ist. Er entschuldigt sich und er verspricht auch, Sina nicht mehr anzuschreiben. Abgesehen davon, dass das Holger ja wirklich überhaupt nicht gejuckt hat, interpretiert er, dass Bela ihn dann blockiert hat, nachdem er ihn mehrfach bedroht hat, als Schuldeingeständnis.
Darauf muss man ja erst mal kommen. Also, egal, was Bela tut, es wird irgendwie als Futter für die eigene Erzählung gewertet. Also, nach und nach kommen angeblich immer mehr Sachen dazu, die so in die eigene Geschichte passen. Zumindest interpretiert man die so, dass man sich manchmal in so einem Gefühl verliert. Das hatte ja bestimmt jeder schon mal. Das kann man ja auch nachvollziehen. Aber Julia von Weiler hat uns auch im Interview erzählt, dass es auf dem Weg zu so einer Tat ganz viele Abzweigungen gibt, in denen man sich immer noch mal anders entscheiden kann. Selbst in letzter Sekunde noch.
Aber hier zwischen vergehen ja sogar mehr als zwei Wochen, in denen es Drohungen gibt, die Adresse wird ausfindig gemacht, der Arbeitsplatz, es werden zwei Lockvögel eingesetzt und man bewaffnet sich dann sogar noch. Und gleichzeitig, und das finde ich ja auch so absurd daran, werden ja auch ganz viele Leute darüber unterrichtet und involviert. Holger erzählt auf seiner Arbeit von dieser bevorstehenden Abreibung. Dann wird sogar noch die Adresse organisiert. Einer hat vor Gericht sogar gesagt, ja, er hätte noch gesagt, jetzt den Bela aber nicht totschlagen und so.
Also, es ist jetzt nicht so, als hätte diese ganze Planung hier im Verborgenen stattgefunden, abgesehen von den Personen, die sowieso dann nachher auf der Anklagebank saßen und später dann verurteilt wurden. Wieso hat da niemand mal gesagt, vor allem, wenn ja jedem bekannt war, wie Holger so drauf ist? Ey, stopp, hier schiebe ich jetzt mal einen Riegel vor. Und ich frage mich, ob natürlich dieses Framing dieser Tat, also ich verübe jetzt selbst Justiz, denn meiner Tochter wurde Unrecht angetan und der Staat, der eigentlich das Gewaltmonopol hat, der tut jetzt nichts dagegen und ich bin jetzt der gute Rächer, erhebe mich moralisch dann vielleicht ja auch noch.
Also, zumindest wird es ja so dargestellt. Ob das die Leute jetzt hier wirklich so doll beeindruckt hat, dass sie sagen, ja, verprügeln oder misshandeln oder auch entstellen, da ziehen wir jetzt mal keine Grenze, wird ja als Kinderschutz verkauft. Obwohl das, auch wenn man die Wut ja wirklich nachvollziehen kann, das ja nicht die Lösung sein kann und darf. Also, gerade auch diese Pedo-Hunter-Szene, die ist ja wirklich total problematisch, weil auch da die Schuld gar nicht vorher geklärt wird und Gewalt so gerechtfertigt wird.
Mir tut das alles für Sina auch so wahnsinnig leid. Ich hoffe, dass sie begreift, dass sie an all dem wirklich gar keine Schuld trägt und dass sie auch genau das Richtige gemacht hat, das damals natürlich ihren Eltern mitzuteilen. Und dass sie begreift, dass sie überhaupt nichts dafür kann, was ihre Eltern dann daraus gemacht haben und dass diese Verantwortung für die Tat wirklich alleine bei denen liegt. Das war es zu der Folge diese Woche. Nächste Woche führt uns unser Fall an einen Ort, an dem Recht gesprochen werden soll, an dem aber ein furchtbares und tödliches Verbrechen passiert.
Und die Frage ist, wie konnte es dazu kommen? Dann wieder mit Laura. Bis dahin. Das war ein Podcast der Partner in Crime in Zusammenarbeit mit Studio Bomance. Hosts: Paulina Kraser und Laura Wohlers. Redaktionelle Leitung: John Hantschin und wir. Redaktion: Lisa Ludwig und wir. Schnitt: Pauline Korb. Rechtliche Abnahme und Beratung: Abel und Kollegen.
Inhaltswarnung: In dieser Folge geht es um sexualisierte Gewalt gegen Kinder und häusliche Gewalt.
Als die zwölfjährige Sina ihren Eltern von den Nachrichten eines Fremden erzählt, sind Holger und Johanna Henning entsetzt. Ein Unbekannter hat sich auf Facebook als Modelagent ausgegeben und versucht, ihre Tochter zur Übersendung von Nacktbildern zu drängen. Die Eltern wenden sich an die Polizei. Doch als die Ermittlungen eingestellt werden, bleibt neben ihrer Sorge vor allem eines: Wut.
Wenig später schreibt schon wieder ein fremder Mann Nachrichten an Sina. Für Holger steht fest, dass dieselbe Person dahintersteckt. Diesmal hat er einen Namen und ein Gesicht. Und Holger will nicht noch einmal darauf warten, dass die Polizei etwas unternimmt. Gemeinsam mit Johanna und einem Arbeitskollegen beginnt er, einen gefährlichen Plan zu schmieden.
In dieser Folge von „Mordlust – Verbrechen und ihre Hintergründe“ geht es um Selbstjustiz und darum, wie aus blinder Wut vermeintliche Gewissheit wird. Wir sprechen darüber, was Rachefantasien mit Eltern machen können und warum nicht alle, die an einer Tat beteiligt sind, auch dieselbe Schuld tragen.
Expert:innen dieser Folge
Julia von Weiler, Psychologin und Expertin für digitale Kindheit
Björn Hühne, Strafverteidiger des Angeklagten ‘Jannik’
Hilfe und Beratung
Hilfe-Telefon Sexueller Missbrauch: Beratung für Betroffene, Angehörige und Menschen mit einem Verdacht. https://t1p.de/roji2
Unterstützung bei sexualisierter Gewalt finden Betroffene, Angehörige und Menschen mit einem Verdacht über das Hilfe-Portal Sexueller Missbrauch. Die Beratung ist auch anonym möglich. https://t1p.de/rqb8x
Weitere Informationen zum Schutz von Kindern vor sexualisierter Gewalt im digitalen Raum: Innocence in Danger https://t1p.de/hxn3t
Credit
Hosts: Paulina Krasa, Laura Wohlers
Producer: Paulina Krasa, Laura Wohlers und Jon Handschin
Redaktion: Lisa Ludwig
Schnitt: Pauline Korb
Rechtliche Abnahme: „Abel und Kollegen“; Benedikt Müller
Quellen (Auswahl)
Landgericht Aachen: Urteil vom 12. Dezember 2018 – liegt uns vor
Bundesgerichtshof: https://t1p.de/7zq3h
Aachener Zeitung: https://t1p.de/axspt
Aachener Zeitung: https://t1p.de/4750t
Aachener Zeitung: https://t1p.de/vm7xe
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