Transkript von #256 Gefahr im Verzug

01:09:16 49 Min. Lesezeit 0 Aufrufe Veröffentlicht vor 17 Tage

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Zusammenfassung der Folge

In dieser Folge von Mordlust rekonstruiert der Podcast das Zugunglück von Bad Aibling im Februar 2016, bei dem zwei Regionalzüge frontal zusammenstießen und zwölf Menschen starben. Erzählt werden die Rettungseinsätze aus Sicht von Feuerwehrkommandant Wolfram Höfler und dem Überlebenden Thomas Staudinger.

Im Mittelpunkt steht die Suche nach der Ursache: Fehler des Fahrdienstleiters im Stellwerk und ein Handyspiel, das er während seiner Schicht spielte und das laut Gericht seine Konzentration beeinträchtigte. Behandelt werden auch das Urteil und die Frage, ob ein einzelner Mann die Verantwortung trägt oder ob zusätzlich das Sicherheitssystem versagte.

Zuhörende erfahren, wie Sicherungstechnik funktioniert und welche Lehren aus dem Unglück gezogen wurden.

In dieser Folge Laura Wohlers, Paulina Krasa, Thomas Staudinger, Wolfram Höfler

Das Transkript zu dieser Folge über das Zugunglück von Bad Aibling entstand mit der Technologie, die HappyScribe nutzt, um KI Protokoll schreiben zu lassen.

Sprecher 100:00:07

Mordlust.

Paulina Krasa00:00:11

Willkommen bei "Mordlust", einem Podcast über wahre Verbrechen, produziert von der Partner & Crime in Zusammenarbeit mit Studio Boomins. Mein Name ist Paulina Krasa.

Laura Wohlers00:00:19

Und ich bin Laura Wohlers. In jeder Folge erzählen wir euch von einem Kriminalfall aus Deutschland, und dabei schauen wir uns juristische, psychologische und gesellschaftliche Aspekte an und sprechen mit Menschen mit Expertise, Beteiligten oder Betroffenen.

Paulina Krasa00:00:33

Ja, und True Crime heißt eben auch: Das sind in jedem Fall echte Menschen, und ihre Schicksale stehen da. Das solltet ihr beim Hören nicht vergessen; wir berücksichtigen das auch bei unserer Arbeit. Wenn ihr merkt, dass euch bestimmte Themen nicht guttun, dann passt lieber auf euch auf und skippt die Folge. Und weil wir bei all der Schwere zwischendurch aber auch mal etwas Luft brauchen, erlauben wir uns manchmal kleine Abschweifungen. Das ist aber natürlich nicht despektierlich gemeint.

Laura Wohlers00:00:55

In dem Fall, den wir heute erzählen, wird ein ganz gewöhnlicher Morgen innerhalb weniger Minuten zur Katastrophe. Was passiert ist, ist schnell klar; warum es passiert ist, dagegen lange nicht. Und dass es dann eine Antwort gibt, ist die kaum zu fassen. Den Namen des Täters haben wir geändert. Thomas Staudinger ist aufgeregt. Hinter der Bühne des Care-Vita-Theaters beobachtet er, wie Jörg Pilawa die Gäste begrüßt. Aber so richtig kann er dem ganzen Spektakel nicht folgen.

Denn Thomas muss sich auf das konzentrieren, was gleich bei seinem Auftritt passiert. An diesem 5. Oktober 2016 sollen hier wieder die "Helden des Alltags" auf großer Bühne geehrt werden. Und Thomas, ein sportlicher Typ mit kurzen Haaren, soll gemeinsam mit seiner besten Freundin einen der Preise übergeben. Der 23-Jährige trägt Anzug, Jacke und Fliege. Dass er nervös ist, sieht man ihm von außen zum Glück nicht an. In den kommenden Minuten werden jetzt die anderen Nominierten und Preistragenden des Abends vorgestellt.

Eine Krebspatientin, die einen Verein gegründet hat, um anderen an Krebs erkrankten einen Wunsch zu erfüllen. Oder die Ehefrau eines Mannes mit Querschnittslähmung, die wie viele Angehörige in der häuslichen Pflege unermüdlich oft Unsichtbares leistet. Dann bittet Pilawa den pensionierten Feuerwehrkommandanten Wolfram Höfler auf die Bühne. Ein Mann in dunkelblauer Ausgehuniform der Bayerischen Feuerwehr. Höfler hat ein offenes, sonnengebräuntes Gesicht und noch durchziehen blondes Tränen sein grau werdendes Haar.

Kein Husten, kein Handyklingeln oder sonstige Störgeräusche sind zu hören, als Höfler auf der Bühne beginnt, von dem Tag zu erzählen, der ihn heute hierhergebracht hat. "Es war in einer Form so brutal und grausam, wie man es sich eigentlich nicht vorstellen kann", sagt er über das, was er erlebt hat. Jetzt ist es Zeit: Thomas und seine Freundin werden als Überraschungsgäste von Jörg Pilawa auf die Bühne gebeten. Als sich Thomas und Wolfram Höfler begrüßen, lächeln beide. Die beiden sind sich zwar vorher noch nie begegnet, aber sie wissen, dass sie beide Teil derselben Katastrophe waren.

Die junge Frau überreicht Wolfram Höfler die Auszeichnung "Held des Alltags" und bedankt sich bei ihm und seinem Team für ihren Einsatz und dafür, dass sie an diesem Morgen so vielen Menschen geholfen haben. Darunter auch Thomas. Denn ihn und Wolfram Höfler verbindet ein Tag, der so niemals hätte passieren dürfen. Denn dass Thomas heute hier auf der Bühne steht, ist alles andere als selbstverständlich. Andere haben diesen Tag nicht überlebt.

Paulina Krasa00:03:34

Zwischen der Abendgala im Care-Vita-Theater in Hamburg und dem Tag, der Thomas Staudinger und Feuerwehrkommandant Wolfram Höfler verbindet, liegen knapp 8 Monate. Der 9. Februar 2016 ist ein Faschingsdienstag. Zwar ist das nirgends in Deutschland ein gesetzlicher Feiertag, aber in Bayern bleiben die Schulen wegen der Frühjahrsferien geschlossen. Und auch sonst haben in den bayerischen Faschingshochburgen viele frei. In der Firma, in der der damals 22-Jährige Thomas in einem Labor als chemisch-technischer Assistent arbeitet, gilt der Faschingsdienstag als halber Arbeitstag.

Aber Thomas hat sich freiwillig einteilen lassen: Er will Überstunden ansammeln, um außer der Reihe Urlaub machen zu können. Als an diesem Tag also viele andere noch in den Federn liegen, muss er schon um kurz nach 6 raus. Draußen ist es noch stockfinster. Normalerweise hat er keine Probleme mit dem Aufstehen, doch heute kommt er irgendwie nicht so richtig in die Gänge. Als er endlich mit dem Duschen fertig ist, verlässt er kurz darauf, ohne Kaffee oder zu frühstücken, seine Wohnung und tritt raus in einen milden Februarmorgen mit Plusgraden.

Er muss sich beeilen, um den Zug um 6:41 noch zu erwischen. Um zur Arbeit zu kommen, muss Thomas von der Haltestelle Bad Aibling Kurpark durchs oberbayerische Alpenvorland ins etwa 10 Kilometer entfernte Rosenheim fahren. Immerhin ist es bis zum kleinen Bahnhof nur ein Katzensprung. Von seiner Wohnung aus kann er sogar das Rattern der Züge hören. Als Thomas abgehetzt am Bahnhof einbiegt, ist er schon zu spät. Trotzdem steht sein Zug, der Meridian 79505, tatsächlich noch am Gleis. Er hat einige Minuten Verspätung.

Thomas sprintet los, erreicht gerade noch rechtzeitig die erste Tür des ersten Waggons und springt hinein. Geschafft. Thomas lässt sich rechts den Gang runter auf einen Platz am Fenster fallen. Direkt danach, um 6:45, setzt sich der Regionalzug der Bayerischen Oberlandbahn wieder in Bewegung. Der Zug nimmt Fahrt auf. Nächster Halt: die Kleinstadt Kolbermoor. Schülerinnen und Schüler tummeln sich heute nicht in den Gängen, aber selbst an diesem Faschingsdienstag sind viele Pendelnde auf den Beinen.

Thomas nimmt von ihnen kaum Notiz, genauso wenig wie von den winterlichen Feldern, Wiesen, dem Fluss Mangfall oder von dem atemberaubenden Alpenpanorama, das am Fenster vorbeizieht. Denn er schaut auf sein Handy und tippt eine Nachricht bei WhatsApp an eine gute Freundin. "Ich schreib dir, sobald ich aus der Arbeit raus bin, dann hol ich dich ab und wir gehen Sushi essen." Aber dann, gegen 6:47, kracht es mit einem Mal ohrenbetäubend laut. Als Thomas wenige Momente später zu sich kommt, ist es um ihn herum schwarz wie die Nacht.

So, als hätte jemand das Licht ausgeknipst. Thomas versteht nicht, wo er sich befindet oder was geschehen ist, aber er sieht, fühlt und hört auch erst mal nichts. Offenbar hatte er einen Schlag auf den Kopf gekriegt. Er war doch eben erst in den Zug gestiegen und hatte sich hingesetzt, gefühlt vor Sekunden. Dann horcht er und tastet um sich und merkt, dass sein Handy weg ist und auch seine Brille. Er versucht, sich aufzurichten, der Boden scheint ihm merkwürdig schief zu sein. Und noch etwas kommt ihm geradezu gespenstisch vor, hat er uns erzählt.

Sprecher 400:06:45

Das war komplett mucksmäuschenstill am Anfang, ja. Und erst wie ich dann die ersten Leute rumgraben gehört habe und ein bisschen stöhnen gehört habe, hat man realisiert: Okay, zum Glück, ich bin jetzt nicht der Einzige, der überlebt hat, weil eigentlich dachte man, dass alle tot sind, außer ich.

Paulina Krasa00:07:00

Thomas begreift: Er ist noch immer im Zug. Der 22-Jährige muss kurz ohnmächtig gewesen sein, denn als sie losgefahren sind, saß er noch am Fenster. Jetzt aber sitzt er im Gang auf dem Boden. Und irgendwo im Dunkeln befinden sich, in welcher Lage auch immer, die anderen Passagier*innen. Langsam gewöhnen sich Thomas' Augen an die Dunkelheit des frühen Morgens. Wirklich klar sieht er aber immer noch nicht. Immerhin hat er seinen Sitzplatz jetzt wieder gefunden. Aber die Sitzlehne ist in mehrere Stücke gebrochen. Er sucht links und rechts davon nach seinen Sachen, findet aber nur die Brille einer älteren Dame, die ihre ebenfalls verloren hatte.

Alle fragen sich: Was ist eigentlich passiert? Und was sollen wir jetzt tun? Plötzlich hört Thomas, wie hinter ihm jemand mit dem Handy Hilfe rufen will. Wie der Mann mit einem Notarzt oder einer Notärztin spricht oder der Polizei, und keine Ortsangaben machen kann. Aber Thomas weiß ja, dass der Zug gerade erst seine Haltestelle Bad Aibling Kurpark verlassen und die nächste noch nicht erreicht hat. Folglich müssen er und die anderen sich in einem Abschnitt zwischen Bad Aibling Kurpark und Kolbermoor befinden. Obwohl das nicht seiner ruhigen Art entspricht, brüllt Thomas den ungefähren Standort nach hinten, damit der Mann am Handy ihn auf jeden Fall hört und die Information weitergeben kann.

Denn eines ist klar: In diesem Zug brauchen Menschen dringend Hilfe. Auch wenn Thomas in diesem Moment noch nicht ahnt, wie dringend.

Laura Wohlers00:08:25

Einige Kilometer entfernt, im Zentrum von Bad Aibling, schläft Wolfram Höfler in seinem mehrstöckigen Einfamilienhaus noch. Es ist Faschingsdienstag, der dreifache Vater hat an diesem Morgen frei. Dann, um 6:52, reißt ihn sein Funkmeldeempfänger aus dem Schlaf. Der 62-Jährige ist Feuerwehrkommandant der Stadt und steht nur wenige Monate vor seinem Ruhestand. Auf sein Piepser laufen gleich mehrere Alarmschleifen ein. Während er aufspringt und sich ansieht, beginnt in seiner Garage bereits das Faxgerät zu rattern.

Es drückt die Einsatzdepesche aus. Das Faxgerät gehört zur technischen Ausstattung der Feuerwehr. Im Alarmfall übermittelt es automatisch wichtige Einsatzdaten von der Leitstelle, also den Einsatzort und erste Stichworte zum Vorfall. Höfler sieht, wie das Gerät druckt und druckt und druckt. Der Ausdruck ist ungewöhnlich lang. Irgendwas Großes muss passiert sein. Er nimmt die Einsatzdepesche an sich, um sie gleich genauer zu lesen. Als Feuerwehrkommandant weiß er: Ab jetzt zählt jede Sekunde.

Wenig später sitzt er im Auto.

Sprecher 400:09:29

Wir sind dann losgefahren. Mein Sohn, der im gleichen Haus wohnt, war mein Fahrer, mein Führungsassistent. Und ich hatte Zeit, bei der Anfahrt jedenfalls die ersten drei Seiten, die ich da mitgenommen habe, mir mal anzuschauen, was da eigentlich los war.

Laura Wohlers00:09:44

Auf den Seiten steht das Alarmstichwort "Zug gegen Zug". Der 62-Jährige versucht, die Meldung einzuordnen. Vielleicht ein Rangierunfall? Einen schweren Zusammenstoß zweier Personenzüge kann er sich kaum vorstellen. Dass es hier in der Gegend seit Jahrzehnten nicht mehr passiert. Während Höfler und sein Sohn im Kommandowagen losfahren, rücken von der Feuerwache mehrere größere Einsatzfahrzeuge aus. Die Unfallstelle soll irgendwo zwischen den Bahnhöfen Bad Aibling und Kolbermoor liegen. Doch die richtige Zufahrt dorthin zu finden, ist schwierig.

Entlang der Bahntrasse gibt es keine Straße, nur einen schmalen, geschotterten Rad- und Versorgungsweg. Auf der einen Seite steigt ein bewaldeter Hang an, auf der anderen schlängelt sich der Mangfallkanal parallel zu den Gleisen. Und nur wenige Minuten nach der Alarmierung erreicht Wolfram Höfler zusammen mit den ersten Rettungskräften den schmalen Weg auf dem Mangfalldamm, wo sich die Unfallstelle befinden soll. Als er aussteigt und vom Damm aus zu den Gleisen hinunterblickt, sieht er, was eigentlich nicht sein dürfte: Kurz vor einer Kurve zwischen dem Bahnhof Kolbermoor und der Haltestelle Bad Aibling Kurpark sind auf der eingleisigen Mangfalltalbahn zwei Regionalzüge frontal aufeinander geprallt.

Also tatsächlich Zug gegen Zug. Die Spitzen der beiden Regionalzüge haben sich ineinander gebohrt. Bei einem der vorderen Wagen ist die Seitenwand der Länge nach aufgerissen und nach außen gebogen. Das Innere liegt offen, als hätte der eine Zug den anderen regelrecht aufgeschlitzt. Ein Waggon ist sogar aus den Gleisen gesprungen, umgestürzt und kaum noch als Zugabteil zu erkennen. Nie wieder wird Wolfram Höfler das Bild vergessen, was sich da am Unfallort geboten hat.

Sprecher 400:11:24

Also, man konnte nicht mal beim ersten Blick erkennen, dass das zwei Züge waren. Und erst bei der Erkundung konnte man erkennen, dass das zwei Züge waren. Was man hinterher so hat, ist: Der Eindruck, der bleibt irgendwie mehr hängen als die Situation selber. Also, man erinnert sich an Vogelgezwitscher, man erinnert sich an Morgendämmerung, und man erinnert sich, wie das Ganze irgendwie gerochen hat.

Laura Wohlers00:11:47

Höflers Team bereitet den Rettungseinsatz vor. Die Feuerwehrleute legen Scheren, Spreizer und weiteres hydraulisches Gerät bereit. Damit können sie Metall zerschneiden, verklemmte Türen aufstemmen und die ineinander verkeilten Zugteile auseinanderdrücken. Noch weiß niemand, wie viele Menschen sich in den zerstörten Wagen befinden und in welchem Zustand sie sind. Bei dem Anblick der Züge ist aber klar: Dort drin müssen Verletzte sein. Vielleicht sind sie zwischen verbogenem Metall eingeklemmt, vielleicht schwer verletzt. Vielleicht ringen einige von ihnen um ihr Leben und warten verzweifelt auf Hilfe.

Doch es gibt ein Problem: Die Feuerwehrleute dürfen die Züge aktuell auf keinen Fall berühren oder in die Wagen einsteigen. Sonst bringen sie sich selbst in Lebensgefahr.

Sprecher 400:12:31

Da ist auch eine Oberleitung im Spiel und damit sehr viel Strom. Und da gibt es eine ganz klare Vorgabe: Die Feuerwehr geht nur an den Zug, wenn vom Notfallmanager beziehungsweise von der Leitstelle des Notfallmanagers mitgeteilt wird: Strom abgeschaltet und Strom geerdet. Abschalten alleine reicht nicht. Da sind immer noch bis zu 8000 Volt auf der Leitung. Es muss auch geerdet werden, bevor jemand an den Zug geht.

Laura Wohlers00:12:59

Also erden heißt einfach: Die abgeschaltete Oberleitung wird mit einem dicken Kabel fest mit der Schiene verbunden. Und so wird dann verhindert, dass die beschädigte Leitung oder das Zugwrack plötzlich wieder unter Spannung stehen. Ohne diese Sicherung könnte ein sogenannter Lichtbogen entstehen, also Strom, der durch die Luft auf einen Menschen überspringt. Und wer da hineingerät, der kann schwerste Verbrennungen erleiden oder, wie Höfler es ausdrückt, "verschmoren".

Paulina Krasa00:13:27

Im Inneren des Meridian 79505 warten Thomas und die anderen Fahrgäste weiter auf Rettung. Sie haben keine Ahnung, was draußen vor sich geht. Seit ihrem Notruf scheint eine Ewigkeit vergangen zu sein. Mittlerweile wird es draußen langsam hell. Trotzdem hat Thomas, als er durch die Fenster blickt, ohne seine Brille noch immer Mühe, genau zu erkennen, was für Metallteile draußen neben dem Waggon liegen. Thomas fragt sich, ob der Zug mit einem Lastwagen oder mit einem Bus zusammengestoßen ist. Dann blickt er zur anderen Seite.

Dort entdeckt er eine der gelben Zugtüren. Nur nicht mehr dort, wo sie sein sollte, sondern herausgerissen und mehrere Meter entfernt im Waldstück liegend. Erst jetzt wird ihm langsam bewusst, mit welcher Wucht der Zug verunglückt sein muss. Während die Menschen in Thomas' Nähe weiterhin ruhig ausharren, beginnen andere Passagier*innen, die weiter hinten im Zug sind, langsam unruhig zu werden. Dort hat der Aufprall weniger schwere Schäden hinterlassen, und einige Fahrgäste wollen nicht länger warten und nach draußen ins Freie.

Sie wollen aus dem Zug klettern, ohne zu ahnen, dass sie sich damit in Lebensgefahr bringen könnten.

Laura Wohlers00:14:35

Wolfram Höfler fragt sich währenddessen draußen auf dem Damm, von wo aus er die Unfallstelle überblickt, wie er die Menschen aus den Zügen retten soll, ohne seine eigenen Leute zu gefährden. Die Vorschriften verlangen, dass die Feuerwehr wartet, bis offiziell bestätigt ist, dass die Oberleitung abgeschaltet und geerdet ist. Doch niemand kann sagen, wie lange das dauern wird. Dann sieht Höfler, wie sich an den Zügen die ersten Türen öffnen. Fahrgäste drücken sie auf und beginnen, ins Freie zu klettern. Sollte das Wrack tatsächlich unter Strom stehen, könnten jeden Moment Lichtbögen entstehen, und Höfler würde Zeuge mehrerer grausamer Tode werden.

Doch nichts geschieht. Kein Lichtbogen, kein Stromschlag. Höfler beobachtet, wie die ersten Menschen sicher den Boden erreichen.

Sprecher 400:15:19

Also, in dem Moment war es für mich ein positiver Indikator. Die kamen raus, und es ist nichts passiert. Das war für mich der Punkt, die Entscheidung treffen zu können: Wir gehen auf jeden Fall rein. Also, wir warten jetzt nicht, bis das nach allen Regeln der Kunst geerdet und bestätigt ist, sondern wir gehen sofort rein.

Laura Wohlers00:15:37

Eigentlich müssten die Rettungskräfte jetzt entscheiden, welchen Verletzten sie zuerst helfen. Denn es sind so viele Menschen betroffen, dass unmöglich alle gleichzeitig versorgt werden können. Für solche Situationen gibt es eigentlich ein festes Verfahren: die Triage. Das kennt man ja aus der Notaufnahme. Behandelt wird dabei nicht danach, wer zuerst angekommen ist, sondern danach, wer am dringendsten Hilfe benötigt. Vorrang haben Menschen, die akut in Lebensgefahr schweben und bei denen sofortige Hilfe den entscheidenden Unterschied machen kann. Doch Höfler und die anderen Einsatzkräfte begreifen schnell: Diese Reihenfolge lässt sich hier nicht einhalten.

Die Frontbereiche haben die volle Wucht des Zusammenstoßes abbekommen und sind am stärksten zerstört. Dort müssen sie also mit besonders vielen Schwerverletzten oder sogar Toten rechnen. Doch ausgerechnet dorthin kommen die Feuerwehrleute und Notärzt*innen nicht ohne Weiteres. Denn die kollidierten Zugspitzen sind zu einem großen Klumpen aus Metall, Holz, Kunststoff und Teilen der Inneneinrichtung zusammengepresst. Einen freien Zugang zu den vorderen Bereichen gibt es nicht. Um dorthin zu gelangen, müssen sich die Einsatzkräfte von den weniger beschädigten hinteren Bereichen der Züge Stück für Stück nach vorne arbeiten.

Als die ersten Feuerwehrleute die zugänglichen Abteile betreten, müssen sie sich dort auf dem schrägen Boden abstützen und über Trümmer hinwegsteigen. Dabei konzentrieren sie sich zunächst auf die Menschen, die noch selbst laufen und die sie nacheinander ins Freie führen können.

Paulina Krasa00:17:02

Etwa im selben Moment nimmt Thomas endlich Stimmen wahr. Kurz darauf taucht vor ihm der Kopf eines Mannes mit Helm auf. Ein Feuerwehrmann. Heute weiß Thomas, dass es nur acht Minuten gedauert hat, bis die Einsatzkräfte beim Unfallort waren. Damals hatte es sich für ihn aber wie zwei Stunden angefühlt. Thomas steht auf und bewegt sich vorsichtig auf den Feuerwehrmann zu. Der schräge Boden bringt ihn aus dem Gleichgewicht. Ihm wird schwindelig und übel. Irgendwie fühlt es sich an, als wäre er betrunken. An der Öffnung reichen ihm die Feuerwehrleute die Hand und helfen ihm hinunter.

Dass er verletzt ist, begreift der 22-Jährige erst jetzt.

Sprecher 500:17:40

Dass ich überhaupt verletzt bin, habe ich erst gemerkt, wie ich dann eben vorgegangen bin. Und weil es so schief war, habe ich mich festgehalten, einmal links an den Griffen und rechts an der Klotür. Und als ich dann meine Hand weggenommen habe, habe ich dann gesehen, dass ich einfach einen roten Handabdruck hinterlassen habe. Deswegen habe ich da erst realisiert, dass meine komplette Hand voller Blut ist.

Paulina Krasa00:17:59

Außerdem blutet Thomas stark aus der Nase. Welche Verletzungen er genau hat, kann Thomas in diesem Moment nicht sagen. Er sieht zwar, wie die Feuerwehr auch anderen Passagier*innen hilft, aus dem Zug zu klettern, einige müssen herausgehoben oder gestützt werden. Aber was sonst um ihn herum geschieht, dringt in diesem Augenblick kaum in Thomas' Bewusstsein. Er nimmt seine Umgebung nur wie durch einen Tunnelblick wahr. Aber für die Einsatzkräfte, die weiter in die zerstörten Wagen vordringen müssen, lassen sich diese Bilder nicht ausblenden.

Laura Wohlers00:18:30

Mittlerweile sind neben dem Einsatzteam aus Bad Aibling auch weitere Feuerwehrleute aus Kolbermoor sowie Kräfte von Polizei und Rettungsdienst an der Unfallstelle im Einsatz. Im Inneren der Züge blicken sie jetzt auf aufgerissene Böden und herausgerissene Sitzreihen. An einigen Stellen pressen sie sich gegen die eingedrückten Außenwände. Dazwischen liegen Menschen, eingeklemmt in den Trümmern.

Sprecher 400:18:53

Also, das war stellenweise wirklich so, dass die eingeklemmten Personen mit dem Material in einer Art und Weise verbunden waren, dass es schwer zu identifizieren war, wo ist hier Material und wo ist hier Person. Es war eine höllische Arbeit, weil hier genau das Problem entsteht: Wenn ich das wegbiege, drücke ich da irgendwas anderes dem Verunfallten in den Körper oder verletze ich ihn mehr?

Laura Wohlers00:19:20

Zwischen den Schwerverletzten erkennen sie nun auch die ersten Toten. Für sie können die Feuerwehrleute in diesem Moment nichts mehr tun. Ihre Aufmerksamkeit gilt den Menschen, die noch gerettet werden können. Auf der Suche nach ihnen dringt Höfler in den am stärksten zerstörten Bereich vor, den ersten Wagen des Zuges aus Kolbermoor, also der Zug, der Thomas entgegenkam. Der Wagen ist fast vollständig deformiert und aufgerissen. Im zerstörten Führerstand sieht Höfler den Lokführer kopfüber aus seiner Kabine hängen.

Neben ihm baumelt sein Funktelefon. Plötzlich bemerkt der 62-Jährige unter sich eine Bewegung. Er blickt nach unten und sieht etwas, das er zunächst für ein Stück Teppich hält. Dann erkennt er Haare und darunter den Kopf eines jungen Mannes. Mehr ist von ihm nicht zu sehen. Sein übriger Körper ist vollständig eingeschlossen. Die Einsatzkräfte können zunächst weder erkennen, wie genau er feststeckt, noch wie sie ihn befreien sollen, ohne ihn zusätzlich zu verletzen. Mit den Scheren und Spreizern können sie die Metallteile, die den Jugendlichen umgeben, Stück für Stück lösen.

Die Arbeit erfordert höchste Präzision in dem engen Abteil. Jede falsche Bewegung könnte seinen Körper noch stärker einquetschen und ihn in Gefahr bringen. All das passiert direkt unterhalb des zerstörten Führerstands, aus dem noch immer der schlaffe Körper des Lokführers heraushängt.

Sprecher 400:20:42

Man muss sich vorstellen, der Lokführer ist da oben verstorben und letztlich ausgeblutet. Und die haben unter dem blutenden Lokführer sozusagen unterhalb gearbeitet. Die haben das gar nicht wahrgenommen. Aber man hat es natürlich hinterher an den Schutzanzügen gesehen.

Laura Wohlers00:20:57

Also, was ist das einfach?

Paulina Krasa00:21:00

Das ist so ein furchtbares Bild. Also, während man da unten noch um ein Leben kämpft, ist direkt darüber eins erloschen.

Laura Wohlers00:21:08

Ja. Nach ungefähr einer Stunde haben die Feuerwehrleute gerade so viel Material entfernt, dass ein Notarzt zu dem Jugendlichen vordringen, ihm einen Zugang legen und Schmerzmittel geben kann. Befreit ist er damit aber noch lange nicht. In den nächsten Stunden wird Höfler, seine Crew und den anderen Einsatzkräften körperlich alles abverlangt. Schwere Ausrüstung, lange Wege und zeitweise schlechte Sicht machen die Arbeit zu einem enormen Kraftakt. Aber auch mental bringt der Einsatz sie an ihre Grenzen. Irgendwann klingelt zwischen all den Trümmern plötzlich ein Mobiltelefon.

Es gehört einem der Toten. Auf dem Display erscheint das Gesicht einer Frau, die versucht, ihn zu erreichen. Vielleicht hat sie in den Nachrichten erfahren, dass der Zug, in dem der Mann am Morgen saß, verunglückt ist. Vielleicht wartet sie seitdem verzweifelt auf ein Lebenszeichen.

Paulina Krasa00:21:55

Oh Gott, das ist mein schlimmster Albtraum. Also, so was in den Nachrichten zu sehen und dann zu wissen, dass jemand, den du liebst, auch in dem Moment da war, wo das Unglück passiert ist. Und du hast aber noch keine Rückmeldung von der Person.

Laura Wohlers00:22:09

Ja, und das war doch auch mit für uns das Schlimmste bei dem World Trade Museum, dass man da die Nachrichten der Liebsten gehört hat, die eben nicht wussten, ob die noch leben oder auch nicht. Das war so furchtbar. Schon bald müssen die Helfenden die Toten in Leichensäcke legen. Eigentlich wäre das die Aufgabe des Bestattungsdienstes. Doch so lange will man nicht warten. Sie bei jedem Gang erneut ansehen und über sie hinwegsteigen zu müssen, würde die Arbeit nicht nur zusätzlich erschweren, sondern die Rettenden auch immer wieder aufs Neue mental belasten.

Mittlerweile ist die Zugstrecke kaum wiederzuerkennen. Wo vor wenigen Stunden zwischen Wald und Mangfallkanal nur die Gleise durch den stillen Morgen führten, herrscht jetzt rastloses Treiben. Über den Kanal bringen Boote weiteres Personal, Werkzeug, Kabelrollen, technische Ausrüstung und Proviant heran. Über den Zügen kreisen Hubschrauber, die auf dem Gelände nicht landen können und deshalb aus der Luft die Verletzten mit Rettungswinden nach oben ziehen. Von dort betrachtet kann man sehen, wie die Einsatzkräfte rund um die Wracks arbeiten und sich an mehreren Stellen in die Wagen vorarbeiten, dort, wo sie einen Zugang zu den eingeschlossenen Menschen brauchen.

Paulina Krasa00:23:20

Noch am Damm leiht sich Thomas das Telefon einer ebenfalls geretteten Passagierin. Sein eigenes Handy liegt ja noch irgendwo im zerstörten Zug. Obwohl hinter ihm zwei Regionalzüge ineinander stecken und Blut aus seiner Nase läuft, denkt er in dem Moment darüber nach, dass man auf der Arbeit auf ihn wartet.

Sprecher 500:23:39

Da habe ich um 07:45 Uhr meine Kollegin angerufen und ihr dann auch wahrscheinlich eher unter Schock, habe ich zu ihr noch gesagt, ziemlich so wortwörtlich, dass ich jetzt erst einmal schauen muss, wie ich jetzt nach Rosenheim komme, damit ich dann mit dem Zug da dann nach München fahren kann.

Paulina Krasa00:23:53

Dass Thomas gerade eine Katastrophe überlebt und dabei wahnsinniges Glück gehabt hat, scheint noch nicht ganz bei ihm angekommen zu sein. Erst wenig später, auf dem Weg ins Klinikum Rosenheim, zeigt sich, welche Spuren der Zusammenstoß bei ihm hinterlassen hat. Als hinter Thomas eine schwere Brandschutztür ins Schloss fällt, bricht er plötzlich zusammen. Er sackt zu Boden und beginnt zu schreien. Den Knall beim Zusammenstoß der Züge hatte Thomas zumindest bewusst gar nicht wahrgenommen. Heute glaubt er, dass das Zuschlagen der Kliniktür den Knall der Kollision in ihm wieder wachgerufen hat.

Und es wird nicht das letzte Geräusch bleiben, das ihn unvermittelt wieder zurück in die Unfallsituation versetzt.

Laura Wohlers00:24:34

Im vorderen Wagen des Zuges aus Kolbermoor kämpfen die Einsatzkräfte noch immer um den eingeklemmten Jugendlichen, bis es schließlich nach fast dreistündiger Rettung um 10:20 Uhr gelingt, ihn aus den Trümmern zu befreien. Der 17-Jährige ist der letzte, der lebend aus den beiden Zügen geborgen wird. Damit ist die Suche nach Überlebenden abgeschlossen. Zu diesem Zeitpunkt steht fest: Zehn Menschen haben den Zusammenstoß nicht überlebt. 17 wurden schwer, 63 weitere leicht verletzt. Fast dreieinhalb Stunden sind seit der Kollision vergangen.

Am frühen Morgen waren die Menschen in den beiden Zügen auf dem Weg zur Arbeit, wollten nach Hause oder hatten sich auf den Faschingsdienstag gefreut. Jetzt liegen einige von ihnen in Krankenhäusern. Andere werden nie wieder zurückkehren. Und bei vielen, die an der Katastrophenstelle arbeiten, macht sich vermutlich langsam die Frage breit: Warum? Wie konnte das passieren? Noch während Höfler und die anderen weiterhin Tote bergen, beginnen Kriminal und Bundespolizei mit der Spurensicherung. Derselbe Ort, an dem gerade noch um jedes Leben gekämpft wurde, wird nun zum Tatort.

Jetzt müssen die Ermittelnden herausfinden, wie etwas geschehen konnte, das eigentlich unmöglich sein sollte: dass zwei Züge zur selben Zeit auf dasselbe eingleisige Streckenstück direkt aufeinander zufahren. Um die Bevölkerung über den Stand der Rettungsarbeiten zu informieren, findet noch am Mittag im Rathaus von Bad Aibling eine Pressekonferenz statt. Hochrangige Vertreter aus Politik und Behörden treten vor die Presse, darunter Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt und der damalige bayerische Innenminister Joachim Herrmann.

Dobrindt zeigt sich fassungslos. Er habe sich nicht vorstellen können, dass eine solche Katastrophe in Deutschland möglich sei. Die Züge seien weitestgehend ungebremst aufeinander geprallt. Und das, obwohl die Strecke mit einem sogenannten Zugbeeinflussungssystem gesichert wird, einem Sicherheitssystem, das unter anderem überwacht, ob Lokführer:innen haltzeigende Signale und Geschwindigkeitsvorgaben beachten und andernfalls automatisch eine Bremsung auslösen kann. Erst in der Woche zuvor sei das System bei einer Routinekontrolle überprüft worden, ohne Auffälligkeiten.

Wie also konnten die beiden Regionalzüge trotzdem mit solcher Wucht aufeinanderprallen? Vor der versammelten Presse betonen die Männer, dass in alle Richtungen ermittelt werde. Als Ursache käme sowohl technisches als auch menschliches Versagen oder eine Kombination aus beidem infrage. Besonders wichtig bei der Aufklärung sind die Fahrtenschreiber der beiden Züge, die sogenannten Black Boxes. Sie speichern unter anderem, wie schnell ein Zug fährt und wann beschleunigt oder gebremst wird. Ihre Daten sollen den Ermittelnden später dabei helfen, die letzten Minuten vor dem Zusammenstoß zu rekonstruieren.

Dann, noch am selben Abend, kurz nach 20:00 Uhr, veröffentlicht das Redaktionsnetzwerk Deutschland eine Eilmeldung. Erste Ermittlungen deuten möglicherweise auf menschliches Versagen hin. Eine "verhängnisvolle Fehlentscheidung" eines Bahnmitarbeiters könnte dazu geführt haben, dass die beiden Regionalzüge kollidierten. Das Netzwerk beruft sich dabei auf nicht näher genannte Ermittlungskreise. Als sich Verkehrsminister Alexander Dobrindt am nächsten Tag zur ersten Auswertung eines Fahrtenschreibers äußert, heißt es, dass es zumindest bei dem Zug aus Kolbermoor keine Hinweise auf technische Probleme gebe.

Auch dessen Lokführer scheint sich korrekt verhalten zu haben. Damit ist die Meldung vom Vorabend zwar noch nicht bestätigt, aber die Suche nach der Ursache scheint sich vom Zug selbst wegzubewegen, hin zu den Abläufen, die ihn überhaupt erst auf das eingleisige Streckenstück geführt haben.

Paulina Krasa00:28:07

Währenddessen liegt Thomas noch immer im Krankenhaus. Beim Aufprall ist er offenbar mit dem Gesicht gegen einen Haltebügel geschlagen. Seine Nase ist gebrochen und sein Gesicht stark angeschwollen. Außerdem besteht der Verdacht auf eine Gehirnerschütterung. Deshalb muss Thomas noch einige Tage zur Beobachtung bleiben. Über sein iPad verfolgt der 22-Jährige, wie das Unglück inzwischen ganz Deutschland beschäftigt. Wie Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer mit mehreren Mitgliedern des Kabinetts nach Bad Aibling reist und dort mit den Rettungskräften spricht und an der Unfallstelle einen Kranz niederlegt.

Wie Bundeskanzlerin Angela Merkel sagt, dass sie in Gedanken bei den zahlreichen Verletzten sei, die mit den Folgen des Unglücks ringen. Irgendwie ein absurder Gedanke, denn wenn die Kanzlerin von diesen Menschen spricht, dann meint sie auch Thomas. An jenem Morgen hatte er noch gedacht, es wäre Glück, den verspäteten Zug noch zu erwischen. Aber zu der Zeit hatte er ja noch nicht ahnen können, dass dieses Glück ihn direkt in eine Katastrophe fährt. Zwei Tage nach dem Zusammenstoß ist klar, dass es nicht alle der Schwerverletzten geschafft haben. Die Zahl der Todesopfer ist mittlerweile auf elf gestiegen.

Nach knapp einer Woche wird Thomas aus dem Krankenhaus entlassen. Als er wieder zu Hause ist und zurück in seinen Alltag finden will, merkt er, dass der Unfall ihn nicht loslässt. Seine Wohnung liegt nahe an den Bahngleisen. Wenn draußen ein Zug vorbeifährt oder hupt, dann zuckt Thomas zusammen. Manchmal genügt schon eine Gabel, die in der Nachbarwohnung zu Boden fällt, und sein Körper ist sofort wieder in Alarmbereitschaft. Auch mit der Bahn kann Thomas nicht mehr fahren. Einmal versucht er es, aber während der Fahrt tauchen vor seinem inneren Auge immer wieder die Bilder des Zusammenstoßes auf.

Nach wenigen Stationen muss er aussteigen. Thomas ist danach völlig durchgeschwitzt. Wegen eines posttraumatischen Belastungssyndroms beginnt er eine mehrmonatige Therapie und geht später in eine psychosomatische Reha. Eigentlich wollte Thomas doch bald wieder zur Arbeit. Doch aus zwei Wochen Krankschreibung werden am Ende Monate.

Laura Wohlers00:30:08

Eine Woche nach dem Zusammenstoß steht für die 50-köpfige SOKO endgültig fest: Ein technisches Problem hatte den Unfall nicht verursacht. Weder an den beiden Zügen noch an der Stellwerkstechnik der Strecke finden sie einen Defekt, der die Kollision erklären könnte. Und auch die beiden Lokführer traf keine Schuld. Die Daten aus den Fahrtenschreibern zeigen, dass sie ihre Züge ordnungsgemäß geführt hatten. Die Ursache musste also außerhalb der Züge liegen. Und mittlerweile scheinen die Ermittelnden den entscheidenden Fehler gefunden zu haben.

Er war an einem anderen Ort passiert: im Stellwerk von Bad Aibling, einem Betriebsraum am Bahnhof, von dem aus Weichen und Signale gestellt und die Züge auf der Strecke koordiniert werden. Dort hatte am Morgen des 9. Februar 2016 ein Mann namens Ole Pohl Dienst. Er war der diensthabende Fahrdienstleiter. Zu seinen Aufgaben zählten die Überwachung des Zugverkehrs, das Stellen von Weichen und Signalen und bei Bedarf die Kommunikation mit den Lokführer:innen. Kurz gesagt: Ole Pohl entschied darüber, welcher Zug wann auf die eingleisige Strecke fahren durfte.

Nach der Auswertung der Fahrtenschreiber, des gespeicherten Funkverkehrs und Ole Pohls Aussagen hatte sich abgezeichnet, dass Ole Pohl an jenem Morgen mehrfach gegen die geltenden Vorschriften verstoßen und dadurch offenbar den tödlichen Zusammenstoß verursacht hatte. Deswegen leitet die Staatsanwaltschaft gegen ihn ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung und Körperverletzung ein. Festgenommen wird er zunächst aber nicht. Doch dann finden die Ermittelnden heraus, was er an diesem Morgen im Stellwerk getan hat.

Paulina Krasa00:31:47

Was Ole Pohl an diesem Morgen tut, lässt sich inzwischen von den Ermittelnden beinahe Minute für Minute nachvollziehen. Dabei zeigt sich beim rekonstruierten Ablauf: Es ist nicht nur ein entscheidender Fehler passiert, der zur Katastrophe führte. Es sind gleich vier. Gegen 06:40 Uhr erreicht der Meridian 7956 den Kleinen Bahnhof Kolbermoor. Es ist der Zug, der Thomas entgegenkommt. Planmäßig sollen sich die beiden Regionalzüge hier begegnen. Der Meridian 79506 muss in Kolbermoor warten, bis Thomas' Zug, der Meridian 79505, aus Bad Aibling eingetroffen ist.

Doch als der Zug in den Bahnhof Kolbermoor einfährt, zeigt das Ausfahrsignal bereits grün. Dieses Signal, das steht am Ende des Bahnhofsgleises und zeigt dann dem Lokführer, ob er weiterfahren darf oder warten muss. Und grün bedeutet eben: Sobald der erste Halt beendet ist und die Reisenden ein- und ausgestiegen sind, darf der Zug auf die Strecke Richtung Bad Aibling fahren. Ole Pohl hatte die Ausfahrt bereits freigegeben. Das ist sein erster folgenschwerer Fehler. Während der Zug also noch im Bahnhof Kolbermoor steht, erreicht gegen 06:42 Uhr der entgegenkommende Zug den Bahnhof Bad Aibling.

Nach einem kurzen Halt soll er weiter nach Bad Aibling-Kurpark fahren, also zu der Haltestelle, an der auch Thomas dann einsteigen wird. Ole Pohl will nun auch diesem Zug grünes Licht geben. Doch damit wären beide Züge aus entgegengesetzten Richtungen für dieselbe eingleisige Strecke freigegeben. Genau das verhindert aber erst mal die Stellwerkstechnik. Weil die Strecke bereits für den Zug in Kolbermoor reserviert ist, lässt sich das Ausfahrsignal in Bad Aibling nicht auf grün stellen. Es bleibt rot.

Der Lokführer muss warten.

Laura Wohlers00:33:35

Und eigentlich müsste Ole Pohl jetzt gründlich überprüfen, warum sich das Signal nicht auf grün stellen lässt. Er drückt zwar auch eine Prüftaste, die zeigt ihm aber nur, ob einzelne Gleisabschnitte frei erscheinen. Um die tatsächliche Ursache zu erkennen, müsste er zusätzlich die Anzeigen für die Fahrwege und Signale in beiden Richtungen kontrollieren. Bei ordentlicher Prüfung hätte ihm nun also auffallen müssen, dass er die Strecke bereits für den Zug in Kolbermoor freigegeben hat. Stattdessen tut Ole Pohl etwas, das man kaum erklären kann: Er setzt das sogenannte Ersatzsignal und begeht damit seinen zweiten Fehler.

Am Signalmast vor dem Zug in Bad Aibling leuchten nun neben dem roten Licht zusätzlich drei weiße Lichter auf. Die erlauben dem Lokführer ausnahmsweise, daran vorbeizufahren. Deswegen lässt das Zugbeeinflussungssystem den Zug jetzt nicht automatisch bremsen, denn so ein Ersatzsignal ist für Situationen vorgesehen, in denen sich ein Signal wegen einer Störung nicht regulär auf grün stellen lässt. Und so eine Störung liegt hier aber gerade nicht vor.

Paulina Krasa00:34:40

Um 06:43 Uhr setzt sich der Zug in Bad Aibling deswegen in Bewegung und fährt aus dem Bahnhof hinaus. Der entgegenkommende Zug steht zu diesem Zeitpunkt noch im Bahnhof Kolbermoor. Zwischen den beiden liegt noch der Haltepunkt Bad Aibling-Kurpark. Den erreicht der Zug aus Bad Aibling gegen 06:45 Uhr. Hier steigt jetzt auch Thomas dazu. Auch hier zeigt das Signal für den Lokführer rot, denn die Strecke ist noch immer für den Gegenzug reserviert. Genau in diesem Moment, kurz nach 06:45 Uhr, verlässt der Gegenzug den Bahnhof Kolbermoor und fährt auf die eingleisige Strecke in Richtung Bad Aibling.

Jetzt begeht Ole Pohl seinen dritten Fehler. Denn auch bei Bad Aibling-Kurpark lässt sich das rote Signal nicht regulär auf grün stellen. Und wieder überprüft er nicht vorschriftsgemäß, warum. Stattdessen setzt der 39-Jährige auch hier das Ersatzsignal, die drei weißen Lichter, die es erlauben, dem Lokführer trotz des roten Signals weiterzufahren. Und das tut er wenige Sekunden später auch. Ab diesem Moment fahren beide Züge auf der eingleisigen Strecke zwischen Bad Aibling-Kurpark und Kolbermoor direkt aufeinander zu.

Laura Wohlers00:35:51

Wenige Augenblicke später muss Ole Pohl erkannt haben, dass er einen fatalen Fehler begangen hat. Denn gegen 06:46 Uhr und 20 Sekunden setzt er einen Notruf ab. Er will die beiden Lokführer in letzter Sekunde warnen: Sie müssen ihre Züge sofort stoppen. Noch wäre genug Zeit, die Katastrophe zu verhindern. Aber jetzt unterläuft Ole Pohl seinen vierten folgenschwerer Fehler. Um die Lokführer zu erreichen, müsste er am Funkgerät den sogenannten Zugfunk Notruf auswählen. Stattdessen wählt er aber den Notruf Strecke.

Damit erreicht seine Warnung zwar benachbarte Fahrdienstleiter:innen in den umliegenden Stellwerken und anderes Bahnpersonal, aber eben nicht die beiden Lokführer in den Führerständen. Ausgerechnet dort, wo der Funkspruch noch einen tödlichen Ausgang verhindert hätte, kommt er nicht an.

Paulina Krasa00:36:39

Gegen 06:47 Uhr zeichnen die Fahrtenschreiber beider Züge einsetzende Schnellbremsungen auf. Beide Lokführer versuchen noch im letzten Moment, die Kollision zu verhindern. Doch zwischen der Bremsung und dem Aufprall liegt kaum mehr als eine Sekunde. Erst etwa eine Minute nach dem Zusammenstoß setzt Ole Pohl einen zweiten Notruf ab. Aber dieser Notruf kann nun nichts mehr verhindern, denn beide Züge sind bereits ineinander geprallt. Wie konnte Ole Pohl all diese Warnzeichen übersehen?

Eine so lange Kette an Fehlentscheidungen scheint eigentlich unerklärlich. Bis eine Entdeckung der Ermittelnden auf eine neue Spur führt. Und mit dieser Spur verändert sich auch die Bewertung des Falls. Die Staatsanwaltschaft beantragt einen Haftbefehl, und das Ermittlungsgericht erlässt ihn. Am 12. April 2016, etwa zwei Monate nach dem Zusammenstoß, wird Ole Pohl festgenommen. Offenbar hatte sich an jenem Tag seine private Leidenschaft auf verhängnisvolle Weise mit seiner Arbeit vermischt.

Laura Wohlers00:37:43

Am 10. November 2016, neun Monate nach dem Zusammenstoß, beginnt vor dem Landgericht Traunstein der Prozess gegen Ole Pohl. Das Gericht ist ein schmuckloser mehrgeschossiger Betonbau. Im großen Sitzungssaal ist jeder Platz besetzt. Angehörige der Toten und Menschen, die an jenem Tag selbst zum Opfer wurden, sitzen als Nebenkläger:innen im vorderen Teil des Saals. Auch die Presseplätze und die Reihen für weitere Zuschauer:innen sind voll. Darunter sitzt zum Prozessauftakt auch Thomas. Der mittlerweile 23-Jährige ist nach Traunstein gekommen, um den ersten Prozesstag selbst mitzuerleben und sich ein Bild von dem Mann zu machen, der für den Zusammenstoß verantwortlich sein soll und damit auch für alles, was Thomas seit jenem Morgen durchlebt hat.

Kurz vor neun öffnet sich eine Tür. Ole Pohl wird in den Saal geführt. Ein eher kleiner Mann mit dunklen Locken und Bart, die er aber tief unter der Kapuze eines grauschwarzen Anoraks vergraben hat. Als der mittlerweile 40-Jährige auf der Anklagebank Platz nimmt, richten sich Kameras und Fotoapparate auf ihn. Ole Pohl hebt die Hände vor sein Gesicht, senkt den Blick und lässt das Blitzlichtgewitter über sich ergehen. Die Staatsanwaltschaft wirft Ole Pohl fahrlässige Tötung und fahrlässige Körperverletzung vor.

Als der Oberstaatsanwalt beginnt, die Namen der Toten zu verlesen, schließt Ole Pohl die Augen. Inzwischen sind es zwölf Männer. Der letzte von ihnen hatte den Zusammenstoß zunächst schwer verletzt überlebt. Mehr als zwei Monate lang kämpfte der 46-Jährige in einer Münchner Klinik um sein Leben. Am 13. April 2016, nur einen Tag nach Ole Pohls Festnahme, erlag er seinen Verletzungen. Manche der Menschen im Saal kämpfen in diesem Moment mit den Tränen. Danach verliest der Oberstaatsanwalt, was der Zusammenstoß bei den 89 Überlebenden angerichtet hat.

Offene Brüche, zertrümmerte Nasenbeine, schwere Verletzungen an Beinen und Bauch, Metallteile, die in ihre Körper eingedrungen sind, Schnittwunden, Prellungen und Schockzustände. Und all die Verletzungen, die von außen meist nicht sichtbar sind. Bei mehreren Überlebenden wurde eine posttraumatische Belastungsstörung festgestellt. Auch Thomas hört dabei seinen Namen. Sein gebrochenes Nasenbein ist inzwischen verheilt. Die psychischen Folgen des Zusammenstoßes bestimmen sein Leben aber noch immer. Als die Anklageverlesung endet, steht Ole Pohl auf.

Er möchte sich direkt an die Angehörigen und Opfer wenden, ohne abzulesen. Es falle ihm nicht leicht, sagt er mit zittriger Stimme. Er ist aufgeregt. Er wisse, dass er am 9. Februar große Schuld auf sich geladen und vielen Menschen unermessliches Leid zugefügt habe. So sehr er es sich wünsche, rückgängig machen könne er nichts davon. Er könne ihnen nur sagen, dass er in Gedanken bei ihnen sei und hoffe, dass sie das Erlebte eines Tages verarbeiten könnten. Seinen Worten kann man die Reue entnehmen. Aber sie erklären noch nicht, wie ihm all diese Fehler unterlaufen konnten.

An mangelnder Erfahrung jedenfalls kann es kaum gelegen haben. Ole Pohl beginnt bereits 1994 seine Ausbildung bei der Deutschen Bahn. Zum Zeitpunkt des Unglücks arbeitet er seit fast 20 Jahren als Fahrdienstleiter, davon seit etwa zehn Jahren auf der Mangfaltalbahn. Die Strecke und ihre Stellwerke sind ihm also mehr als vertraut. Dann folgt sein Geständnis. Ole Pohl räumt die falsch gesetzten Signale und den fehlerhaften Notruf ein. Vor allem aber gesteht er, dass er an diesem Morgen während seiner Schicht seiner privaten Leidenschaft gefrönt hat.

Er hat das Computerspiel Dungeon Hunter 5 auf seinem Handy während der Arbeit gespielt. Die Polizei ist bei der Auswertung seines Smartphones auf das Spiel gestoßen. Mithilfe der Daten auf dem Gerät und der Aufzeichnung des Spielbetreibers konnten die Ermittelnden beinahe minutengenau nachvollziehen, wann Ole Pohl eingeloggt war und wann er aktiv gespielt hat. Laut Anklage ist genau das der Grund, warum ihm an diesem verhängnisvollen Morgen all diese Fehler unterlaufen sind.

Paulina Krasa00:41:35

Im Gericht werden nun zwei Zeitabläufe miteinander verglichen. Ein IT-Experte kann anhand der gespeicherten Spieldaten nachvollziehen, was Ole Pohl an jenem Morgen auf dem Smartphone tut. Zwei Bahnfachleute haben rekonstruiert, was beinahe zeitgleich an seinem Stelltisch geschieht. Und dieser Stelltisch, das ist quasi das große Bedienpult im Stellwerk, vor dem Ole Pohl bei seiner Arbeit sitzt und auf dem die Bahnstrecke mit den Gleisen, Weichen und Signalen abgebildet ist. Über Tasten steuert Ole Pohl von hier aus den Zugverkehr.

Um seine einzelnen Handgriffe für die Kammer sichtbar zu machen, werden sie anhand eines großen Plans des Stelltisches demonstriert. Übereinandergelegt ergeben beide Abläufe eine aufschlussreiche Chronik der Minuten vor dem Zusammenstoß. Am frühen Morgen des 9. Februar 2016 trifft Ole Pohl am Bahnhof von Bad Aibling ein. Hinter ihm liegt eine rund 45-minütige Fahrt von seinem Wohnort, wo er mit seiner Frau und seinem Stiefsohn auf einem Bauernhof lebt. Direkt an den Gleisen steht sein Arbeitsplatz, ein nüchternes zweigeschossiges Gebäude, in dem sich die Schaltzentrale für den Zugverkehr für diesen Abschnitt der Mangfaltalbahn befindet.

Von hier aus stellt Ole Pohl die Weichen und Signale auch auf der eingleisigen Strecke zwischen Bad Aibling und Kolbermoor. Um 04:45 Uhr beginnt er seinen Dienst. Um 05:09 Uhr öffnet Ole Pohl zum ersten Mal während seiner Schicht das Handyspiel Dungeon Hunter 5 und startet kurz darauf eine Mission. Dazu, Dungeon Hunter 5, das ist so ein Fantasy-Rollenspiel und darin spielt man einen Kopfgeldjäger in einer mittelalterlichen Fantasiewelt und dann kämpft man gegen Monster und sammelt Waffen und Ausrüstung, um seine Spielfigur dann dadurch immer stärker werden zu lassen.

Und dieses Spiel, das funktioniert nur mit einer Internetverbindung. Deshalb hat der Betreiber bestimmte Aktionen auf seinen Servern auch gespeichert. Und deswegen weiß man jetzt auch, wann Ole Pohl an dem Morgen seine Mission beginnt oder beendet oder sich im Menü des Spiels bewegt. Was jetzt nicht gespeichert wurde, ist jede einzelne Bewegung seiner Spielfigur. Und deswegen kann man jetzt auch nicht jeden Schwerthieb rekonstruieren. Aber eben wohl, und das ist ja wichtig, wann Ole Pohl aktiv gespielt hat und wann er sich nur durchs Menü geklickt hat.

Laura Wohlers00:43:49

Bis zum Unfall spielt Ole Pohl in sieben Phasen aktiv. Vier Missionen gewinnt er, drei bleiben ohne Erfolg. In seiner sogenannten Gilde, einer Gruppe von mehreren Spielenden, steigt seine Spielfigur in dieser Zeit weiter auf. In den 31 Minuten zwischen 06:09 Uhr und 06:40 Uhr ist Ole Pohl zu mehr als 70 Prozent mit dem Spiel beschäftigt. Um 06:29 Uhr und 14 Sekunden beginnt Ole Pohl eine Mission. Dabei muss man das Handy mit beiden Händen bedienen.

Mit einer Hand bewegt man die Figur, mit der anderen greift man die Gegner an. Wie viel Aufmerksamkeit das verlangt, demonstriert ein IT-Sachverständiger jetzt im Gerichtssaal. Während er das Spiel auf einem Handy vorführt, stellen ihm die Prozessbeteiligten Fragen. Aber sobald er versucht zu antworten, wird seine Figur im Spiel besiegt.

Paulina Krasa00:44:39

Ja, also ich meine, das demonstriert jetzt bestimmt, wie viel Konzentration das Spiel an sich braucht. Aber ich würde auch mal sagen, dass ich beispielsweise gut Fragen beantworten kann beim Candy Crush spielen und du vielleicht eher nicht, weil du das nicht oft spielst.

Laura Wohlers00:44:55

Also ich weiß ja nicht, aber würdest du jetzt Candy Crush mit dem Spiel vergleichen?

Paulina Krasa00:45:01

Vermutlich nicht. Ich will nur sagen, dass Leute, die oft diese Spiele spielen, und damit will ich das jetzt überhaupt nicht rechtfertigen, aber das wahrscheinlich eher in Multitasking unterbringen können, als die, die das nicht machen.

Laura Wohlers00:45:13

Also auf jeden Fall jetzt genau wie diese Mission auch um 06:29 Uhr passiert, ist, dass Ole Pohl die Züge aus Kolbermoor und Bad Aibling gemeldet werden. In den nächsten Minuten nimmt er am Stelltisch jene Einstellungen vor, mit denen die folgenschwere Fehlerkette beginnt. An der Abbildung des Stelltisches wird im Gericht demonstriert, wie Ole Pohl für den Meridian 79506 die Fahrstraße durch Kolbermoor in Richtung Bad Aibling einstellt. Wann genau er das macht und ob er dabei noch aktiv seine Mission spielt, lässt sich allerdings nicht mehr feststellen.

Ole Pohl, so hat er es bei der Polizei erklärt, geht zunächst von einem falschen Kreuzungsort aus. Er glaubt, die beiden Züge sollen sich in Bad Aibling begegnen und nicht in Kolbermoor. Deshalb stellt er für den Zug in Kolbermoor das Ausfahrsignal auf grün. Gleichzeitig bereitet er in Bad Aibling alles dafür vor, dass sich die beiden Züge dort begegnen und aneinander vorbeifahren können. Einige Minuten später bemerkt er offenbar seinen Irrtum und nimmt die Einstellungen für die vorbereitete Einfahrt in Bad Aibling wieder zurück, übersieht aber das Ausfahrsignal in Kolbermoor.

Ole Pohl geht nach eigener Aussage davon aus, dass dessen Lokführer trotzdem warten und sich vor der Abfahrt bei ihm melden werde, obwohl das Ausfahrsignal grün zeigt. Angeblich, weil das in Kolbermoor häufig so gehandhabt wurde. Verpflichtet war der Lokführer dazu allerdings nicht. Ab 06:29 Uhr spielt Ole Pohl noch drei Missionen. Keine davon beendet er erfolgreich. Dazwischen liegen kurze Pausen. Zeitweise klickt er sich auch durch das Menü der App. Um 06:40 Uhr und 47 Sekunden endet Ole Pohls letzte nachweislich aktiv gespielte Mission.

Danach setzt er für Thomas' Zug zweimal das Ersatzsignal. Zuerst in Bad Aibling und wenig später noch einmal am Haltepunkt Bad Aibling Kurpark. Zwar bestätigt Ole Pohl eine Prüftaste, klärt aber eben nicht vorschriftsmäßig, wieso sich die Signale nicht auf grün stellen lassen. Kurz darauf fahren beide Züge auf der eingleisigen Strecke zwischen Bad Aibling Kurpark und Kolbermoor direkt aufeinander zu. Um 06:45 Uhr und 55 Sekunden loggt sich Ole Pohl aus der Dungeon Hunter 5 App aus. Etwa 30 Sekunden später setzt er den ersten falschen Notruf ab.

Kurz darauf prallen die Züge frontal aufeinander. Seine letzten nachweisbaren Spielhandlungen sind zu diesem Zeitpunkt etwas mehr als sechs Minuten her. Trotzdem führt die Staatsanwaltschaft auch die Fehler, die Ole Pohl danach begangen hatte, also das Setzen der Ersatzsignale und die falsch abgesetzten Notrufe, auf das Spiel zurück. Aber wie sollte Ole Pohl noch vom Spiel abgelenkt gewesen sein, wenn er es längst nicht mehr aktiv spielte?

Paulina Krasa00:47:58

Diese Frage soll nun ein Neuropsychologe beantworten. Nach seiner Einschätzung ist die Konzentration nicht automatisch wieder vollständig hergestellt, sobald man ein intensives Computerspiel beendet. Das war bei mir früher, weiß ich auch noch, bei Sims so, weil ich das wirklich auch sehr exzessiv gespielt hatte. Und da habe ich dann immer noch manchmal gedacht, wenn ich irgendwo hingehen musste oder so, dass ich jetzt auf doppelte Geschwindigkeit machen kann, damit das nicht so lange dauert. Verrückt, oder? Und Jahre später ging mir das auch noch so bei diesen VR-Brillen.

Da war mir noch eine Dreiviertelstunde danach irgendwie schwindlig, weil meine Optik das auch nicht so richtig geschafft hatte, sich umzustellen.

Laura Wohlers00:48:37

Ja, ich habe das zum Beispiel ein bisschen anders, wenn ich viel mit dem Touch-Display gearbeitet habe, dass ich dann automatisch danach auf alle Displays touche und offenbar davon ausgehe, dass alle Bildschirme dieser Welt jetzt so funktionieren.

Paulina Krasa00:48:54

Ja, vor allem glaubst du immer, dass mein Laptop-Display mit Touch dann funktioniert. Da freue ich mich immer ganz besonders drüber. In dem Fall hier sagt der Neuropsychologe jetzt, dass Teile der Aufmerksamkeit noch eine Weile beim vorherigen Spielgeschehen gebunden bleiben. Und in dieser Zeit sei ein Mensch anfälliger für falsche Annahmen, Fehleinschätzungen und auch für Gedächtnisfehler. Bei Ole Pohl könne genau das passiert sein. Er spielte zwar nicht mehr, aber gedanklich war er womöglich noch nicht ganz aus dem Spiel heraus.

Das könnte nach Einschätzung des Gutachters erklären, warum er die Warnzeichen auf dem Stelltisch übersah, zweimal das Ersatzsignal setzte und schließlich auch den Notruf falsch bediente. Aus Sicht des Gutachters ließe sich so erklären, wie ein Spiel, das Ole Pohl längst nicht mehr aktiv spielte, trotzdem noch seine letzten drei folgenschweren Entscheidungen beeinflusst haben könnte. Und damit zwölf Menschen starben und etliche weitere verletzt wurden. Und auch auf die erste Fehlentscheidung könnte das Handyspiel laut Gutachter Einfluss gehabt haben.

Entweder, weil er auch da noch gedanklich in seiner vorherigen Mission hing oder weil er zu der Zeit bereits wieder aktiv spielte. Routinehandlungen, die man ausführt, während die Aufmerksamkeit stark von etwas anderem beansprucht wird, könnten unter Umständen nicht zuverlässig im Gedächtnis abgespeichert werden. Ole Pohl könnte also dem Zug in Kolbermoor freie Fahrt gegeben haben, ohne sich diesen Handgriff richtig einzuprägen, weil er ja tagtäglich immer wieder aufs Neue Fahrstraßen einstellte und Züge freigab.

Laura Wohlers00:50:27

Ja, und sowas kennen wir auch von uns. Also ich erinnere mich da nur an die Frage, die du am meisten gestellt hast, ob irgendwie der Föhn rausgezogen ist oder der Herd noch an ist oder sowas. Weil das so alltägliche Sachen sind, die man halt immer macht und sich dann einfach nicht mehr daran erinnert, weil das so automatisch gemacht wurde.

Paulina Krasa00:50:46

Ja. Jetzt gerade ist es so, dass ich mich morgens manchmal nicht daran erinnere, ob ich meine Tablette schon genommen habe.

Laura Wohlers00:50:52

Das kenne ich auch.

Paulina Krasa00:50:52

Das wird mir dann erst klar, wenn ich dann merke, es wirkt doppelt. So, und das mit der Routine, das lässt jetzt die Verteidigung aber zu einem anderen Schluss kommen. Ole Pohl habe manche Handgriffe im Stellwerk so oft ausgeführt, dass sie beinahe automatisch abliefen. Zumindest die Freigabe des Zuges in Kolbermoor, den er ja schon gar nicht hätte freigeben dürfen, weil der Zug ja da hätte warten müssen auf den Gegenzug, könne aus dieser beruflichen Routine heraus passiert sein. In dem Fall wäre das verbotene Handyspiel zwar ein Dienstverstoß, aber nicht zwangsläufig die Ursache der Katastrophe.

Die Fehlentscheidungen ließen sich dann eher als einzelne berufliche Versehen bewerten und nicht als eine zusammenhängende, vom Spiel ausgelöste Fehlerkette. An seiner Verantwortung für die falschen Entscheidungen würde das zwar nichts ändern, seine Fahrlässigkeit könnte aber weniger schwer wiegen, als wenn er die gesamte Fehlerkette durch intensives Spielen in Gang gesetzt hätte. Welche dieser beiden Erklärungen das Gericht überzeugt, kann deshalb auch für die Höhe der Strafe entscheidend sein. Für die Staatsanwaltschaft steht fest, das intensive Spielen war der Ausgangspunkt der gesamten Fehlerkette und Ole Pohl hatte sich selbst in diesen Zustand gebracht, indem er den Überblick über seine eigentliche Arbeit verlor.

Sie bewertet sein Verhalten deshalb nicht als alltägliches Versehen, sondern als schwerwiegende Pflichtverletzung. Am Ende des Prozesses fordert die Staatsanwaltschaft vier Jahre Haft. Die Verteidigung hält dagegen eine Bewährungsstrafe, höchstens aber zweieinhalb Jahre Gefängnis für angemessen. Dann erhält Ole Pohl das letzte Wort. Er sagt, dass er massiv unter den Ereignissen leide. Gleichzeitig hoffe er, dass die Erkenntnisse aus dem Prozess den Angehörigen dabei helfen könnten, ihren eigenen Weg im Umgang mit der Katastrophe zu finden.

Ole Pohl wollte keinen Menschen verletzen oder töten. Trotzdem haben seine Entscheidungen zwölf Menschen das Leben gekostet. Die Frage, die sich die Richter:innen nun stellen müssen, ist: Wie bestraft man eine solche Schuld?

Laura Wohlers00:52:55

Am 5. Dezember 2016 wird vor dem Landgericht Traunstein das Urteil verkündet. Im Streit um die Rolle des Handyspiels folgt die Kammer den Ausführungen der Gutachter und der Staatsanwaltschaft. Das Handyspiel hatte Ole Pohl nicht nur während des aktiven Spielens abgelenkt, sondern seine Konzentration auch danach noch beeinträchtigt und damit auch jene Entscheidungen, die er erst Minuten später traf. Auch die berufliche Routine entlastet Ole Pohl aus Sicht des Gerichts nicht. Im Gegenteil, gerade weil er einige der Handgriffe jeden Tag ausgeführt hatte, erscheinen der Kammer seine zahlreichen Fehlentscheidungen so unverständlich.

Die Richter:innen sind überzeugt, ohne das intensive Spielen wäre sie ihm nicht passiert. Um Ole Pohl wegen fahrlässiger Tötung und Körperverletzung zu verurteilen, musste das Gericht klären, ob er seine beruflichen Sorgfaltspflichten verletzt hatte und ob die Folgen für ihn vorhersehbar und vermeidbar waren. Aus Sicht der Kammer ist beides der Fall. Er hätte aufmerksam arbeiten, die vorgeschriebenen Prüfungen durchführen und den Notruf richtig bedienen können. Die Kammer spricht ausdrücklich nicht von einem bloßen Augenblicksversagen.

Es war also kein kurzer Aussetzer, wie er jedem Menschen einmal passieren kann. Ole Pohl hatte sich über längere Zeit bewusst abgelenkt, anschließend mehrere Warnzeichen missachtet und gleich mehrere Gelegenheiten verstreichen lassen, in denen er den Zusammenstoß noch hätte verhindern können. Das Gericht spricht deshalb von einem hohen Maß an Fahrlässigkeit. Dabei berücksichtigt die Kammer auch, dass das verbotene Spielen am Unfallmorgen kein einmaliger Regelverstoß war. Der Neuropsychologe hatte Ole Pohls Spielverhalten als problematisch bezeichnet.

In den Wochen vor dem Zusammenstoß hatte er immer häufiger und länger gespielt, auch während seiner Arbeit. Der Vorsitzende Richter sagt, er ist auch selbst Opfer, aber in erster Linie Opfer seiner Spielleidenschaft geworden.

Paulina Krasa00:54:52

Okay.

Laura Wohlers00:54:53

Die Kammer hatte Ole Pohl seine Reue abgenommen. Die Folgen der Katastrophe, so stellt das Gericht fest, würden auch ihn für den Rest seines Lebens begleiten. Trotzdem hält die Kammer eine Freiheitsstrafe statt einer Bewährungsstrafe für angemessen. Die Kammer verurteilt Ole Pohl wegen fahrlässiger Tötung in zwölf Fällen und fahrlässiger Körperverletzung in 85 Fällen zu dreieinhalb Jahren Gefängnis. Sechs Monate weniger, als die Staatsanwaltschaft gefordert hatte. Ole Pohl muss somit in Haft.

Paulina Krasa00:55:22

Als das Urteil verkündet wird, sitzt Thomas nicht mehr im Gerichtssaal. Er hatte nur den ersten Verhandlungstag besucht und den Rest über das Radio verfolgt. Für ihn bedeutet dieser Prozess auch eine Art Abschluss. Thomas hat den Mann gesehen, dessen Entscheidungen sein Leben von einem Moment auf den anderen verändert haben. Groll empfindet er gegen Ole Pohl aber nicht. Für ihn ist vor allem entscheidend, dass Ole Pohl niemanden absichtlich verletzen oder töten wollte, sagt er.

Sprecher 400:55:50

Ich mir schon denke, er hat es wirklich nicht mit Absicht an sich gemacht. Und mit dem Gewissen zu leben, dass er jetzt zwölf Leute auf dem Gewissen hat durch eine Unvorsichtigkeit oder durch was, was nicht sein hätte müssen, hat er auch schon eine große Strafe. Dann muss er wahrscheinlich umziehen, den Job wird er nicht mehr ausüben können. Also da ist er dann auch immer mehr dahinter, wo ich mir denke, dass mit der Gefängnisstrafe er generell auch schon ein Paket dann zu tragen hat für sein restliches Leben.

Paulina Krasa00:56:18

Aber Thomas weiß auch, dass er in einer privilegierten Situation ist. Er hat den Zusammenstoß überlebt und keine dauerhaften körperlichen Schäden davongetragen. Hätte er einen Angehörigen oder eine Angehörige verloren oder wäre er selbst für den Rest seines Lebens schwer gezeichnet, sagt er, würde er womöglich anders empfinden.

Laura Wohlers00:56:36

Juristisch trägt damit ein einzelner Mann die Verantwortung für die Katastrophe. Doch schon im Prozess war deutlich geworden, dass auch das System, in dem Ole Pohl arbeitete, nicht frei von Schwächen war. Die Sachverständigen hatten unter anderem auf fehlende zusätzliche Anzeigen am Stelltisch, teilweise unklare Rückmeldungen sowie schwer durchschaubare und örtlich ungenaue Vorschriften hingewiesen. Das Gericht sah darin zwar keine Ursache für den Zusammenstoß, trotzdem blieb die grundsätzliche Frage offen, ob die Sicherheit von Passagier:innen davon abhängen darf, dass ein einzelner Mensch keine Fehler macht.

Menschen übersehen Warnzeichen, treffen falsche Entscheidungen oder drücken im entscheidenden Moment die falsche Taste. Ein Sicherheitssystem sollte deshalb möglichst verhindern, dass aus dem Fehler eines Einzelnen eine Katastrophe für viele wird, wie es in Bad Aibling der Fall war. Genau an diesem Punkt setzt die unabhängige Eisenbahnunfalluntersuchung an, die herausfinden soll, warum die vorhandenen Schutzmechanismen nicht ausreichten und wie sich das Bahnsystem künftig sicherer machen lässt. Ihr endgültiger Bericht erscheint am 29. Oktober 2018, fast zwei Jahre nach dem Urteil gegen Ole Pohl.

Darin steht, Ole Pohls Fehler haben den Zusammenstoß ausgelöst. Zur Katastrophe werden konnten sie aber auch deshalb, weil das System sie nicht aufgefangen hat. Die Anzeigen im Stellwerk waren nicht immer eindeutig, Vorschriften schwer anzuwenden und die Regeln vor Ort teilweise unzureichend. Die Bundesstelle für Eisenbahnunfalluntersuchungen spricht deshalb sechs Sicherheitsempfehlungen aus. Die Bahn soll unter anderem ihre Regeln überarbeiten, Fahrdienstleiter:innen besser auf Ausnahmesituationen vorbereiten und prüfen, wo alte Stellwerke zusätzliche technische Sicherungen benötigen.

Doch darüber, wie viel sich seitdem tatsächlich verändert hat, gehen die Einschätzungen auseinander. Zum zehnten Jahrestag warnt ein Bahnexperte vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt, dass ein Unfall wie in Bad Aibling noch immer passieren könne. Grundsätzlich habe sich kaum etwas verändert. Hinzugekommen seien vor allem weitere Regeln. Die Deutsche Bahn widerspricht. Sie verweist darauf, dass die beiden Notruffunktionen, die Ole Pohl verwechselt hatte, inzwischen zusammengelegt wurden. Außerdem gäbe es zusätzliche Kontrollen und eine verbesserte Ausbildung, in der Fahrdienstleiter:innen heute auch am Simulator auf Ablenkung und Ausnahmesituationen vorbereitet werden.

Eine hundertprozentige Sicherheit räumt auch die Bahn ein, werde es aber nie geben.

Paulina Krasa00:59:02

Die Empfehlungen sollen verhindern, dass sich eine Katastrophe wie von Bad Aibling wiederholt. Für Thomas und die anderen Betroffenen können sie das Geschehene allerdings nicht rückgängig machen. Was ihnen bleibt, sind die körperlichen, psychischen und finanziellen Folgen des Zusammenstoßes und die Frage, wie diese wenigstens ausgeglichen werden können. Die Deutsche Bahn Netz und der Zugbetreiber BOB einigen sich darauf, die Ansprüche der Verletzten und Hinterbliebenen gebündelt über die Versicherung der BOB abzuwickeln. Dabei geht es unter anderem um Behandlungskosten, Verdienstausfälle und Schmerzensgeld.

Wie viel jemand erhält, hängt davon ab, wie schwer die Verletzungen sind, wie lange die Beschwerden anhalten und welche Folgen dauerhaft zurückbleiben. Für Thomas bedeutet das: Seine gebrochene Nase, die Therapie, die Reha und die psychischen Folgen des Zusammenstoßes müssen in einen Geldbetrag übersetzt werden. Und diese Erfahrung hat sich für ihn ziemlich befremdlich angefühlt.

Sprecher 400:59:56

Es gibt so einen Katalog anscheinend, wo jedes Körperteil aufgelistet ist, wie viel das denn wert ist. Nase ist nicht so viel wert. Der Bekannte von mir, der hat sich das Schlüsselbein gebrochen und bei dem war es um einiges mehr Entschädigung. Obwohl der tatsächlich, ich glaube, der war da nicht so anfällig, der ist nach sechs, sieben Wochen wieder mit dem Zug zur Arbeit gefahren. Genau, also der hat die Therapie gemacht mit einfach Augen zu und durch. Also ich habe damals 8.000 Euro, glaube ich, bekommen waren es. Aber das war jetzt nicht die Nase, die Nase wäre viel weniger wert gewesen.

Das war das Zusammenspiel mit halbes Jahr Therapie und das posttraumatische Belastungssyndrom, die Nase dazu. Ich musste auf Reha. Da war so quasi alles mit dabei.

Paulina Krasa01:00:39

Aber das ist nicht alles, was die Deutsche Bahn laut Thomas als Wiedergutmachung anbietet. Bevor er seine Ansprüche über einen Anwalt regeln lässt, erhält er Post von der Deutschen Bahn. Ein Gutschein. Für exakt ein halbes Jahr kostenloses Reisen mit der Deutschen Bahn. In der zweiten Klasse.

Laura Wohlers01:00:57

Ich lache nicht über die zweite Klasse, sondern ich lache über das Ganze, über den Gutschein.

Paulina Krasa01:01:02

Also das Ding ist, ich glaube, die Deutsche Bahn, die war ja jetzt hier nicht so, wir haben damit nichts zu tun und wir kümmern uns nicht und so. Aber solche Angebote sind natürlich in so einem Moment irgendwie seltsam. Ich würde das jetzt überhaupt nicht vergleichen, aber es fällt mir jetzt gerade irgendwie wieder ein, ich saß mal in einem Jahrmarkt, ja, in so einem Karussellfest. So mit dem Körper quasi nach vorne gelehnt.

Laura Wohlers01:01:23

Oh Gott, wie lange?

Paulina Krasa01:01:25

Ja, schon so 10, 15 Minuten. Und es war arschkalt. Und wir haben dann gefragt, was das Problem ist. Und dann hat er uns der einzige Typ, den wir da irgendwie erreichen konnten von da oben, nur gesagt, ja, weiß ich doch nicht. Und ich habe halt nur die ganze Zeit gedacht, was auch immer passiert, bitte macht, dass diese Bügel jetzt nicht aufgehen. Ja, also wenn das Teil eh schon ausfällt, wer weiß, was dann noch alles passiert. Und als wir dann rausgegangen sind, standen die dann auch mit einem Gutschein für nochmal Fahren da. Da habe ich auch gedacht, meine Lust hält sich in Grenzen.

Laura Wohlers01:01:55

Ach so, ich dachte jetzt, du sagst irgendwie, die haben dann gesagt, du kannst für immer umsonst fahren, weil das ist jetzt was, was ich von der Deutschen Bahn, also wenn man schon einen Gutschein, man muss ja gar keinen Gutschein geben, ja, keiner hat mit einem Gutschein gerechnet, whatever. Aber wenn man einen Gutschein gibt, ja, dann doch vielleicht für immer kostenlos reisen in der ersten Klasse oder irgendwie sowas. Da waren ja jetzt nicht tausende Leute in den Zügen. Ja, genau, ich verstehe schon, dass die Deutsche Bahn natürlich auch Geld verdienen muss, aber ja, dann lieber gar keinen Gutschein, ehrlicherweise.

Paulina Krasa01:02:28

Ja, vor allem war ja jetzt hier das Problem auch, dass sich Thomas zu dieser Zeit gar nicht mehr getraut hat, in eine Bahn einzusteigen.

Laura Wohlers01:02:35

Ja. Einige Monate später steht Thomas im Kehrwider-Theater Wolfram Höfler gegenüber. Ausgezeichnet wird der ehemalige Feuerwehrkommandant für seinen Einsatz am Morgen des Unglücks. Dafür, dass er die Rettung einleitete, obwohl die offizielle Bestätigung zur Oberleitung noch ausstand, und dafür, dass er den Großeinsatz vor Ort koordinierte. Höfler will den Preis nicht für sich allein annehmen. Für ihn ist das, was an diesem Morgen gelungen ist, die Leistung des gesamten Teams, das an den zerstörten Zügen gearbeitet hat und dabei Grauenvolles ansehen musste.

Thomas ist nervös, als er Wolfram Höfler gegenübersteht. Er weiß nicht genau, was er mehr sagen kann als Danke. Zwar haben sich die beiden an der Unfallstelle nicht bewusst wahrgenommen, trotzdem sind sie Teil derselben Geschichte. Thomas, der mit anderen im Zug auf Hilfe wartete, und Höfler, der mit seinem Team alles dafür tat, dass sie diese so schnell wie möglich bekamen. Nach der Gala kommen die beiden ins Gespräch und erzählen, wie sie diesen Morgen erlebt haben. So, wie ihr deren Geschichte heute bei uns gehört habt.

Paulina Krasa01:03:37

Es liegen bereits Monate der Therapie und eine psychosomatische Reha hinter Thomas, als er sich wieder überwinden kann, ohne therapeutische Begleitung in einen Zug zu steigen. Leider ist sein Gutschein für die zweite Klasse zu der Zeit längst abgelaufen. Immerhin hat Thomas' Anwalt erreicht, dass ihm ein neuer ausgestellt wird. Bei diesem begann das halbe Jahr erst in dem Moment, in dem Thomas dann auch wieder Zug fahren konnte und statt in der zweiten darf er nun sogar in der ersten Klasse reisen. Natürlich überkommt ihn aber auch dort ein mulmiges Gefühl.

Und das ist auch jetzt noch so, zehn Jahre später, sagt der mittlerweile 33-Jährige.

Sprecher 401:04:14

Es ist eigentlich jedes Jahr so am Jahrestag, muss ich sagen, dass man da dran denkt. Tatsächlich beim Zehnjährigen war es dann nochmal ein bisschen, ja, ist halt irgendwie nochmal besonderer gewesen. Da habe ich irgendwie nochmal ein bisschen genauer dran gedacht, so jetzt ist es drei Viertel sieben, da bin ich gerade zum Bahnhof jetzt gerannt und jetzt ist es passiert, jetzt ist es zehn Uhr, jetzt bin ich im Krankenhaus angekommen. Also man hat das schon ein bisschen, das war wieder so wie der erste Jahrestag, wo es noch ein bisschen frischer alles war.

Paulina Krasa01:04:39

Sich ganz nach vorne in den ersten Waggon zu setzen, vermeidet Thomas, wenn es irgendwie geht. Einerseits sagt sein Kopf ihm, dass sich so eine Katastrophe wiederholen kann, andererseits, wem passiert sowas schon zweimal?

Laura Wohlers01:04:53

Also ich bin so wütend einfach darauf, dass das passieren konnte, ja. Also natürlich ist es für mich als Person, die jetzt bei ihrer Arbeit keine Leben zerstören kann, können wir nicht, oder?

Paulina Krasa01:05:11

Das würden einige wahrscheinlich anders sagen, aber ja.

Laura Wohlers01:05:14

Also auf jeden Fall keine Menschen körperlich verletzen kann, ja. Ist es vielleicht einfach zu sagen, wie kann jemandem sowas passieren, der Verantwortung für so viele Menschenleben hat. Ist vielleicht eben einfach für mich zu sagen. Und auch kann ich es wahrscheinlich nicht vergleichen mit einem Arzt oder einer Ärztin, die jeden Tag operiert und somit direkte Konsequenzen auch sieht, sozusagen. Auch da können ja menschliche Fehler passieren. Jetzt denke ich mir dann auch so oft bei Pilot:innen, die sind ja verantwortlich für so viele Menschenleben.

Und ist denen das bewusst, während die da losfliegen und durch die Gegend fliegen? Ich hoffe immer so sehr. Und deswegen denke ich bei Ole Pohl, vielleicht hat er nach so vielen Jahren eben vergessen, dass er für so viele Leben irgendwie auch mitverantwortlich ist, weil er diese nicht jeden Tag so gesehen hat, so face to face, weißt du?

Paulina Krasa01:06:11

Na ja, also er hat die ja, glaube ich, schon gesehen aus seinem Stellwerk. Aber es ist natürlich wie in jedem anderen Beruf auch, dass sich da so eine, ich nenne es jetzt mal, Abnutzerscheinung einstellt, was ja aber auch gut ist. Denn du sollst ja nicht jeden Tag mit der Angst zur Arbeit gehen, ich könnte jetzt hier Menschenleben gefährden. Ja, genauso wie das gut ist, dass wir nicht mehr bei jeder Folge weinen, wie das am Anfang ja noch viel mehr der Fall war und so. Aber ich finde es einfach so absurd, den ersten Fehler, dass er dem Zug in Kolbermoor sagt, er darf losfahren, den kann ich ja noch verstehen.

Aber es gab ja noch drei weitere Momente, wo das noch hätte verhindert werden können. Und das checke ich wirklich gar nicht. Also gerade mit diesen Ersatzzeichen, dass er die zweimal gibt. Also ich meine, ich weiß nicht, wie oft sowas passiert, aber ich würde jetzt mal denken oder zumindest hoffen, dass das nicht so oft passiert, dass die Technik da versagt und man deswegen dann nicht auf grün schalten kann.

Laura Wohlers01:07:04

Ja, total. Und da, ich meine, wir können das jetzt nicht wissen und das ist ja von mir auch gemutmaßt, aber in meinem Kopf habe ich dann dieses Bild, dass er dann schnell einfach diesen einen Knopf drückt, wo dann eben die drei anderen Lichter erscheinen. Hauptsache, dass das jetzt irgendwie so geht. Und dass er irgendwie keinen Bock hatte, da richtig nachzuprüfen oder mal nochmal drüber nachzudenken, dass es nicht vielleicht komisch ist, dass das jetzt zweimal passiert ist, dass man nicht regulär auf grün stellen konnte. Aber klar, das will ich ihm jetzt auch nicht unterstellen, weil ich es, ja, weiß es ja nicht.

Und total verständlich ist es ja auch das Allerschlimmste, was ihm passieren kann in seinem Leben, ja. Jetzt verantwortlich zu sein für so viel Leid.

Paulina Krasa01:07:48

Ja, und ich meine, am Ende, wie oft passieren solche Fehler und dann geht es trotzdem nochmal gut. Also der hat da natürlich nicht mit gerechnet. Und man hofft natürlich auch eigentlich, dass es für solche Berufe eben bei den Menschen so viel Verantwortung für andere Menschen tragen, dass es da Sicherheitstechniken gibt, die das auffangen.

Laura Wohlers01:08:07

Ja, total. Vor allen Dingen, weil sie ja wahrscheinlich nicht wie jetzt zum Beispiel ein Arzt oder eine Ärztin so in den Beruf reingehen, so ich will Menschenleben retten. Oder wie ein Pilot oder eine Pilotin, die weiß, dass sie immer diese Verantwortung trägt, wenn man jetzt bei der Bahn eine Ausbildung macht.

Paulina Krasa01:08:25

Ja, also es wurde ja seitdem was unternommen und ich glaube, so ein Ereignis bleibt ja auch anderen im Gedächtnis. Es ist halt nur schade, dass sowas immer erstmal passieren muss.

Laura Wohlers01:08:36

Ja.

Paulina Krasa01:08:38

Nächste Woche geht es hier um einen Arzt, der seinen Patient:innen Heilung verspricht durch bestimmte Sitzungen, deren Methoden aber umstritten sind und die in diesem Fall sogar tödlich enden. Bis dahin.

Laura Wohlers01:08:52

Tschüss.

Paulina Krasa01:08:56

Das war ein Podcast der Partner in Crime in Zusammenarbeit mit Studio Bummens. Hosts: Paulina Kraser und Laura Wohlers. Redaktionelle Leitung: Jon Hantschin und wir. Redaktion: Jana Bach und wir. Schnitt: Pauline Korb. Rechtliche Abnahme und Beratung: Abel und Kollegen.

Beschreibung der Folge

Thomas ist spät dran. Gerade noch schafft er es, in seinen Zug zu steigen. Wenige Minuten später gibt es einen ohrenbetäubenden Knall. Als Thomas wieder zu sich kommt, liegt er auf dem Boden des schräg stehenden Waggons. Um ihn herum: Dunkelheit, Trümmer und verletzte Menschen. Noch weiß er nicht, dass sein Zug gerade frontal mit einem entgegenkommenden Regionalzug zusammengestoßen ist.

Während Feuerwehrkommandant Wolfram Höfler und Hunderte Einsatzkräfte um das Leben der Passagier:innen kämpfen, beginnt die Suche nach der Ursache. Wie konnten zwei Züge auf dasselbe eingleisige Streckenstück gelangen – obwohl eine Sicherungstechnik genau das verhindern sollte? Die Ermittlungen führen ins Stellwerk von Bad Aibling und zu einem erfahrenen Fahrdienstleiter, der an diesem Morgen einen folgenschweren Fehler nach dem anderen begangen hat. Und zu einem Handyspiel, das in einem fatalen Zusammenhang mit dem Unfall steht.

In dieser Folge von „Mordlust – Verbrechen und ihre Hintergründe“ rekonstruieren wir das Zugunglück von Bad Aibling, bei dem zwölf Menschen starben und 89 weitere verletzt wurden. Wir sprechen darüber, wie aus menschlichen Fehlern eine Katastrophe werden konnte, welche Schwächen das Sicherheitssystem offenbarte und warum sich die Frage nach der Verantwortung nicht allein mit der Verurteilung eines einzelnen Mannes beantworten lässt.

Expert:innen in dieser Folge:

Thomas Staudinger, Überlebender des Zugunglücks und Fahrgast im Meridian 79505

Wolfram Höfler, damaliger Feuerwehrkommandant von Bad Aibling und Einsatzleiter am Unfallort

**Credit**

Hosts: Paulina Krasa, Laura Wohlers

Producer: Paulina Krasa, Laura Wohlers und Jon Handschin

Redaktion: Paulina Krasa, Laura Wohlers, Jana Bach

Schnitt: Pauline Korb

Rechtliche Abnahme: „Abel und Kollegen“; Benedikt Müller

**Quellen (Auswahl)**

Landgericht Traunstein, Urteil vom 5. Dezember 2016, – liegt uns vor

Bundesstelle für Eisenbahnunfalluntersuchung: https://t1p.de/rkbwk

Bayerisches Staatsministerium des Innern: „Schwarzer Dienstag – Schweres Zugunglück bei Bad Aibling“

Süddeutsche Zeitung: https://t1p.de/zn1z0

Süddeutsche Zeitung: https://t1p.de/4aoyo

Bayerischer Rundfunk, Kontrovers: https://t1p.de/6aheh

**Partner der Episode**
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