Die Folge erzählt die Geschichten von Virginia Giuffre, die als Jenna Roberts in Florida aufwuchs, Missbrauch erlebte und in das Umfeld von Jeffrey Epstein und Ghislaine Maxwell geriet, sowie von Prinz Andrew, dessen Lebenswege sich im März 2001 in London kreuzten. Zu hören sind Andrews royale Karriere als Sondergesandter für Handel, seine Nähe zu Epstein und das Foto, das 2011 weltweit bekannt wurde.
Auch die Zivilklage, die außergerichtliche Einigung und die Folgen für beide werden beleuchtet. Der Prinz bestreitet die Vorwürfe, und die Folge zeigt, wie Macht und Abhängigkeit die Aufklärung lange erschwerten.
In dieser Folge Laura Wohlers, Paulina Krasa
Das Transkript dieser Folge über Prinz Andrew und Virginia Giuffre entstand mit der Technologie von HappyScribe, die Audio transkribieren kann.
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Mordlust.
Willkommen bei "Mordlust", einem Podcast über wahre Verbrechen, produziert von der Partner and Crime in Zusammenarbeit mit Studio Bummels. Mein Name ist Paulina Krasa.
Und ich bin Laura Wohlers. In jeder Folge erzählen wir euch von einem Kriminalfall, usually aus Deutschland, heute aber nicht. Trotzdem schauen wir uns natürlich auch heute die juristischen, psychologischen und gesellschaftlichen Aspekte an und sprechen mit Menschen mit Expertise, in diesem Fall mir.
Ja, wir sind so froh, dass wir dich heute gewinnen konnten, Laura. Ihr wisst, True Crime heißt eben auch, dass hinter jedem Fall echte Menschen und ihre Schicksale stehen. Das solltet ihr beim Hören nicht vergessen. Wir berücksichtigen das auch bei unserer Arbeit. Wenn ihr merkt, dass euch bestimmte Themen nicht gut tun, dann passt lieber auf euch auf und skippt die Folge. Und weil wir bei all der Schwere zwischendurch aber mal etwas Luft brauchen, erlauben wir uns manchmal kleine Abschweifungen. Das ist aber natürlich nicht despektierlich gemeint.
In unserer heutigen Folge geht es um zwei Biografien, die unterschiedlicher kaum beginnen könnten und schließlich in einer schicksalhaften Begegnung aufeinandertreffen, die für beide fatal endet. Und diesmal beginnen wir mit unserer Geschichte in meiner Wahlheimat, England.
Ja, und deswegen ist Laura für den heutigen Fall auch quasi unsere Auslandskorrespondentin.
Aber no pressure, ne?
Und vielleicht ein kleiner Disclaimer an der Stelle: Heute kriegt Laura nicht auf die Finger, wenn sie ins Denglisch verfällt, ja? Das ist für diese Folge jetzt ihr Fachjargon.
Exactly. Und die Triggerwarnung für diesen Fall findet ihr wie immer in der Folgenbeschreibung. Am Morgen des 19. Februar 2026 liegt feuchter Nebel über den blassgrünen Wiesen und verbirgt so die Konturen der Landschaft hinter einem zarten Schleier. Die Umgebung von Sandringham House, dem stattlichen Landsitz der britischen Königsfamilie in Norfolk im Osten Englands, gleicht einem Gemälde. Das großflächige Areal ist ein idealer Rückzugsort für Fasane, Wildenten oder Gänse und seit Jahrhunderten ein bevorzugtes Jagdrevier der Royals, die sich hier gern mit Flintenschießen und langen Ausritten die Zeit vertreiben.
Seit einigen Wochen residiert Andrew Mountbatten-Winzer in der sogenannten Wood Farm, einem abgelegenen Herrenhaus, das ebenfalls zu dem Gelände gehört. Der 19. Februar ist sein Geburtstag, 66 Jahre wird er alt. Doch in Ruhe an seinem Geburtstagstisch zu frühstücken, bleibt ihm verwehrt, denn um kurz nach 8 Uhr morgens steht ungebetener Besuch vor der Tür: Ermittler*innen der Thames Valley Police. Sie sind ohne Blaulicht und mit unauffälligen Vans vorgefahren, wohl um größeres Aufsehen zu vermeiden.
In eines dieser Autos muss Andrew nun einsteigen. Der Bruder des britischen Monarchen wird verhaftet. Andrew wird auf die nahegelegene Wache nach Elsham gebracht. Die Vorwürfe gegen ihn wiegen schwer: Zehn Jahre lang, zwischen 2001 und 2011, war Andrew im Dienste Großbritanniens als Sondergesandter für Handel im Einsatz. Zu seinen Aufgaben gehört es also, das Land auf der Weltbühne zu vertreten und für dessen Ansehen und Wirtschaftskraft zu werben. Nun steht der Verdacht im Raum, er könnte dieses öffentliche Amt missbraucht und vertrauliche Regierungs- und Geschäftsinformationen weitergegeben haben.
Und zwar an seinen langjährigen Freund, Jeffrey Epstein.
Die zweite Biografie, um die es heute geht, ist von einer Frau, die ihr wahrscheinlich alle unter dem Namen Virginia Roberts Giuffre kennt und die ja 2025 ihre Memoiren veröffentlicht: "Nobody's Girl: A Memoir of Surviving Abuse and Fighting for Justice". Daher haben wir auch viele der Darstellungen, um die es heute geht, und die Erzählungen über ihre Kindheit, die ihr jetzt erst mal hört, die beruhen auch auf ihren Schilderungen im Buch.
Wir befinden uns in Florida, USA, im Jahr 1990. Am äußersten Rand von Loxahetchee, einer Gemeinde in Palm Beach County, liegt das kleine Ranch-Haus der Familie Roberts. Jenna ist in diesem Sommer sieben Jahre alt geworden, ein schlaksiges Mädchen mit langen blonden Haaren. Eigentlich heißt Jenna Virginia, aber so nennt sie niemand, schon gar nicht in der Familie. Zu der gehören ihre Eltern und ihre zwei Brüder, der zwölfjährige Danny und der zweijährige Sky, Jennas absoluter Liebling.
Gleich nach seiner Geburt haben ihre Eltern sein Babybett in ihrem Zimmer aufgestellt. Das hat die beiden Geschwister eng zusammengeschweißt. Für Jenna ist das kleine Haus am Rande der Wildnis der schönste Ort der Welt. Und wenn sie nach ihren langen Streifzügen draußen zurückkommt, ist Jenna glücklich. Doch sie spürt immer deutlicher, dass ihre Eltern es nicht sind. Zumindest nicht mehr so wie früher. Ihre Mutter kümmert sich kaum noch um den Haushalt, vernachlässigt sogar die bunten Blumeninseln, die sie einst liebevoll gepflanzt hatte.
Jenna fällt außerdem auf, dass ihre Eltern oft schon tagsüber mit Bierdosen in der Hand über das Grundstück laufen. In ihren Memoiren wird Jenna später schreiben, dass sich zu dieser Zeit auch das Verhalten ihres Vaters ihr gegenüber verändert. Als sie an einem Abend in ihr Zimmer kommt, sieht sie, dass Sky nicht in seinem Kinderbett liegt. Sie solle ab jetzt alleine schlafen, sagt ihr Vater, der Kleine habe im Elternschlafzimmer genug Platz. An einem anderen Abend lässt ihr Vater ihr das Badewasser ein, so wie es sonst ihre Mutter immer gemacht hat. Ein paar Wochen später soll sie sich in der Wanne hinstellen, damit er sie mit dem Waschlappen überall abseifen kann.
Jenna ist das ein bisschen unangenehm, warum weiß sie aber selbst nicht genau. Danach kuschelt er sich in ihrem Bett plötzlich eng an sie. Er erzählt ihr an diesem Abend keine Gute-Nacht-Geschichte, wie er es früher oft getan hat. Stattdessen flüstert er ihr ins Ohr, dass er sie ganz besonders lieb habe. Dabei streichelt er sie zwischen den Beinen. Sie soll das auch bei ihm machen. Jenna will das nicht. Aber er ist ihr Vater und sie vertraut ihm. Er versichert ihr, dass das alles gut und richtig so sei. Und so ist es nun häufig.
Ja, so schreibt Jenna es in ihrem Buch auf. Dazu müssen wir allerdings sagen, dass es nie eine Klage und auch nie einen Prozess in Bezug auf ihren Vater gab. Ihr Vater hat die Missbrauchsvorwürfe auch immer bestritten. Jenna schreibt in ihrem Buch weiter, dass, wenn sie zu dieser Zeit damals abends im Bett liegt, sie sich keine Abenteuer mehr für die kommenden Tage ausmalt.
Sie lauscht ängstlich und wartet auf das knarzende Geräusch der Holzdielen im Flur, mit dem sich ankündigt, dass gleich ihr Vater die Tür öffnet, sich zu ihr legt und ihren Intimbereich berührt. Jenna versteht die Welt nicht mehr. Es fühlt sich an, als sei alles vertauscht worden. Als lebte sie nicht mehr in derselben Familie. Denn auch ihre Mutter verändert sich. Sie redet kaum noch mit Jenna. Früher hatte sie sich oft an sie geschmiegt und ihr erzählt, wie froh sie über eine Tochter sei und dass zwischen ihnen eine ganz besondere Beziehung bestehe.
Gemeinsam haben sie das dicke Album mit Babyfotos durchgeblättert, in dem ihre Mutter viele kleine Momente aus Jennas früher Kindheit kommentiert hatte. Jetzt ist ihre Mutter völlig abweisend. Jenna überlegt, ob sie sie vielleicht bestrafen will, weil ihr Vater nachts zu ihr kommt. Sie versucht, so brav wie möglich zu sein, doch es ändert nichts. Jenna fängt daraufhin an, wieder ins Bett zu machen und hasst und schämt sich dafür.
Ein anderer Kontinent, ein anderes Universum.
Während Jenna später schildert, wie ihre Kindheit in Florida so unvermittelt endet, ist Prinz Andrew 30 Jahre alt und ein junger Vater. Gemeinsam mit seiner Gattin Sarah Ferguson, von allen nur "Fergie" genannt, bewohnt er ein prunkvolles Anwesen mit Heliport und zwölf Schlafzimmern in der Nähe von Ascot. Ihren Beitrag zum Erhalt der königlichen Dynastie haben sie bereits erfüllt. Das Paar bekommt zwei kleine Töchter, Beatrice und Eugene. Und dann ist da noch seine besondere Stellung innerhalb der königlichen Familie.
Andrew gilt als Lieblingssohn seiner Mutter, Königin Elizabeth II. Im Gegensatz zu seinem großen Bruder Charles, der als Thronfolger seriös und verantwortungsbewusst auftreten muss, hat Andrew nahezu grenzenlose Freiheiten. Der "schönste Prinz des Jahrhunderts", wie er in der Presse schon bezeichnet wurde, genießt auch als Ehemann noch den Ruf eines Frauenschwarms und Lebemanns, den er sich in seiner Jugend erworben hat. "Randy Andy" ist der Spitzname, der ihn seit Schulzeiten begleitet.
Also so was wie "geiler Andy" oder "notgeiler Andy". Auch Papa Prinz Philip bewundert seinen draufgängerischen Sohn. Andrew ist Offizier bei der königlichen Kriegsmarine. Im zurückliegenden Falklandkrieg flog Andrew als Hubschrauberpilot U-Boot-Abwehr, Transport- und Rettungsmissionen und half bei der Evakuierung Verwundeter. Der Kriegseinsatz brachte ihm Anerkennung und lange das Image eines mutigen Militärpiloten ein. Doch ehemalige Palastangestellte werden Andrew später ganz anders beschreiben, und zwar als aufgeblasen und arrogant.
Außerdem pflegt er exzentrische Hobbys. Das Anwesen, das er sich mit Fergie teilt, beherbergt unter anderem seine beachtliche Teddybär-Sammlung, die nach strengsten Anweisungen vom Personal arrangiert werden muss. Und alle dort wissen: Wenn nicht jedes Bärchen an seinem Platz sitzt, kann der Prinz sehr böse werden. Als Söhne der Königin haben Andrew und Charles eigentlich ja nur eine Aufgabe: das Königshaus in der Öffentlichkeit makellos zu repräsentieren. In den 80er-Jahren gelang ihnen das ziemlich gut.
Beide haben geheiratet, die royalen Hochzeitspaare sorgten für märchenhafte Bilder, die Schwiegertöchter Diana und Sarah schenkten der Queen vier süße Enkel, und die Monarchie galt als cool und glamourös. Ihr Glanz brachte Großbritannien zum Strahlen. Doch nun, Anfang der 90er, ist von dieser heilen Welt nicht mehr viel übrig. Prinz Charles und Diana streiten sich in aller Öffentlichkeit, und über Andrew heißt es, er habe schon im ersten Jahr nach seiner Hochzeit Dutzende Affären gehabt. Auch seine Gattin Sarah Ferguson versteckt ihre Seitensprünge mehr schlecht als recht.
Ganz zur Freude der englischen Klatschpresse und ganz zum Unmut der Queen. Andrew weiß, dass seine Mutter sich wünscht, er und Sarah würden sich zusammenreißen und eine ordentliche Ehe führen. Doch als die Familie beim Weihnachtsessen 1991 zusammenkommt, bittet er die Königin zu einem Krisengespräch. Er und Sarah, erklärt er ihr, wollen künftig getrennte Wege gehen. Die Königin sorgt sich um den Ruf der Krone. Denn es sind ja nicht nur die Affären. Auch Andrews und Sarahs protziger Lebensstil sorgt immer wieder für Schlagzeilen.
Im März 1992 geben Andrew und Sarah dann offiziell ihre Trennung bekannt. Doch die Trennung ist nur der Auftakt einer größeren Katastrophe. Im Sommer 1992 braut sich ein regelrechter Sturm über dem Königshaus zusammen. Im August verbringen Sarah und ihre Kinder ihren Sommerurlaub im Kreise der königlichen Familie auf Schloss Balmoral, als die Queen in der Tagespresse mit Bildern ihrer Schwiegertochter konfrontiert wird. Fergie ziert an diesem Morgen die Titelseite des Daily Mirror, gemeinsam mit ihrem aktuellen Liebhaber, dem amerikanischen Finanzberater John Bryan.
Also dieses Bild, was sich da jetzt gerade in meinem Kopf auftut, finde ich absolut grandios. Ich stelle mir da natürlich auch eine Teetasse vor, die ganz fein am kleinen, winzig kleinen Henkel angefasst wird. Ich wundere mich aber tatsächlich, dass das jetzt die tägliche Lektüre der Queen sein soll.
Ja, ich glaube auch, man würde eigentlich ja eher von ihr erwarten, dass sie, keine Ahnung, die Financial Times oder so was vielleicht am Morgen liest. Aber ich glaube, das hat damit zu tun, dass ja die Tabloids in der UK, also so was wie der Daily Mirror und noch viele andere, die so ähnlich heißen, immer ganz, ganz, ganz viel über die Royals berichten. Und dass wahrscheinlich deswegen die Queen eben schon interessiert und gar nicht mal die anderen Stories, die es da so drin gibt, sondern nur das, was sie selber betrifft.
Ja, ich war nur irritiert, weil da ja auch bekanntlich viel Mist drinsteht und ich diese Art von Zeitungen auch immer so ein bisschen als das analoge Clickbait wahrnehme.
Ja, und besonders gut performen da ja aber eben die Stories über das Königshaus. Und normalerweise ist es so, dass auch die Royals von der Aufmerksamkeit des Mirror profitieren und dem Boulevardblatt auch gewisse Infos zugespielt werden, in der Hoffnung, dass dann auch gut berichtet wird. Aber sobald es dann so einen Skandal gibt, der eine immens hohe Auflage verspricht, gewinnt dann natürlich beim Boulevard das finanzielle Interesse. Und in dem Fall von Fergies Affäre soll Berichten zufolge die Ausgabe mehr als 3,5 Millionen Mal verkauft worden sein.
Heißt, dass damals neben der Queen quasi das ganze Land diese Bilderstrecke sieht, die Sarah oben ohne am Pool einer Luxusvilla in Saint-Tropez zeigt. Ihr Freund hält ihren Fuß in seinen Händen und küsst ihre Zehen. Und dann die Krönung. Das Liebespaar hat eine Zuschauerin. Fergies und Andrews kleine Tochter Eugene sitzt daneben und verfolgt die Szene mit ihren gerade einmal zwei Jahren. Die Konsequenz: Das gesamte Land spottet über den Zehenlutsch-Skandal, den Prinzen und das Lotterleben bei Hofer.
Das Jahr 1992 geht als Horrorjahr in die Geschichte des Königshauses ein. Königin Elizabeth verwendet diese Bezeichnung sogar bei einer Rede und fragt sich, wie künftige Generationen wohl einmal auf diese Zeit zurückblicken werden. Heute weiß man, es wird nach 1992 nicht besser. Im Gegenteil. Im August 1997 stirbt Andrews Ex-Schwägerin Prinzessin Diana bei einem furchtbaren Autounfall in Paris. Und Andrew, inzwischen auch offiziell geschieden, genießt sein Leben als Junggeselle.
Man sieht ihn nun häufiger im Londoner Nachtleben, umringt von schönen Frauen, fast wie früher in den 80ern. Das liegt auch an einer alten Freundin, die nun wieder in sein Leben getreten ist: Ghislaine Maxwell. Der Prinz kennt die Britin noch aus der Studienzeit. Die dunkelhaarige Ghislaine verkörpert genau jenen aufregenden Lifestyle, den Andrew gern hätte. Im Februar 1999 steht Andrew jedenfalls gemeinsam mit ihr am Privatflughafen Teterborough außerhalb von New York und wartet auf den kleinen Jet, der sie gleich auf die Virgin Islands bringen wird.
Er soll dort einen sehr guten Freund von Ghislaine kennenlernen.
1999 ist dagegen das Jahr, in dem sich Jennas Leben wieder halbwegs stabilisiert. Sie ist jetzt 15 Jahre alt und hat eine harte Zeit hinter sich. Jenna hat angefangen, die Schule zu schwänzen. In ihren Erinnerungen beschreibt Jenna diese Jahre als eine lange Folge von Missbrauch, Fluchtversuchen und Drogenkonsum. Aber nachdem die Polizei sie ein weiteres Mal auflas und nach Hause brachte, soll ihr Vater nun zumindest von ihr abgelassen haben. Damals arbeitet er als Haustechniker in Donald Trumps Privatclub Mar-a-Lago in Palm Beach.
Dort ist er zuständig für die Klimaanlagen, die Tennisplätze und alles, was so anfällt. Und als er mitbekommt, dass im Spa eine Aushilfe für den Empfang gesucht wird, schlägt er seine Tochter vor. Jennas Arbeitsplatz im Spa ist luxuriös, blitzsauber und duftet nach Sandelholz und Lavendel. Jenna kommt es so vor, als habe sie mit ihrer makellos weißen Dienstuniform von Mar-a-Lago auch eine neue Identität bekommen. Sie kocht Tee für die gut betuchten Gäste, sammelt die flauschigen Badetücher ein, faltet frische zusammen und genießt diese Welt, in der alles so fein und ordentlich ist.
Vielleicht kann sie auch aus diesem Job mal eine Karriere machen und so immer ein Stück vom Glück haben, träumt sie. An einem schwülen Sommertag im Jahr 2000, erinnert sich Jenna später in ihrem Buch, sitzt sie wie so oft an ihren marmornen Empfangstresen. Es ist ein ruhiger Nachmittag und Jenna weiß, dass bei dieser Hitze nicht viele Gäste zu erwarten sind. Aus der Bücherei hat sie sich deshalb ein Fachbuch über Körperzonen und Massagen mitgebracht, in dem sie gerade liest, als eine Frau mit kurzen dunklen Haaren zu ihr an den Tresen tritt. Sie streckt ihr zur Begrüßung die Hand entgegen und stellt sich vor: Ghislaine Maxwell.
Neben der beeindruckenden Selbstsicherheit fällt Jenna der britische Akzent der Dunkelhaarigen auf, der sie immer ein wenig an Mary Poppins erinnert. Jenna lächelt die Kundin an, wie sie es gelernt hat. Der Blick der Dame fällt auf das Buch, das aufgeschlagen neben Jenna liegt. Ob sie sich für das Thema Massagen interessiere, möchte die Frau wissen. Ein Freund von ihr, der ebenfalls Mitglied im Mar-a-Lago-Club sei, suche nämlich eine Masseurin. Jenna möchte keine falschen Erwartungen wecken. Sie denke zwar darüber nach, eine Ausbildung zur Masseurin zu machen, aber sie habe noch keinerlei Erfahrung, sagt sie.
Das scheint die Frau aber nicht zu stören. Sie versichert Jenna, dass es trotzdem hervorragend passen würde. Ihr Freund freue sich immer, jungen Menschen zu helfen, die im Leben etwas erreichen wollen. Sie könne sich gut vorstellen, dass er ihr eine Ausbildung finanziere, wenn er merke, dass sie sich wirklich für den Beruf interessiere. Jenna merkt sich die Adresse des Mannes: El Brio Way. Jenna solle einfach zum Vorstellungsgespräch vorbeikommen, sagt die Dame und winkt zum Abschied. Am besten heute Abend noch.
Jenna schaut auf die Adresse. Weit weg ist das nicht. Es wäre doch dumm, sich so eine Chance entgehen zu lassen, denkt sie. In Palm Beach gibt es sicher viele Millionärinnen, die Wohltaten verbringen wollen. Warum sollte sie nicht einfach mal Glück haben? Sie möchte sich auf jeden Fall bei diesem Mann vorstellen und ihr Vater ist einverstanden. Direkt von der Arbeit aus fährt er sie hin. Das Haus im El Brio Way liegt hinter einem blickdichten Sicherheitszaun. Eine zweistöckige, pink angestrichene Villa, wie ein Barbiehaus unter Palmen.
An der Tür wird Jenna von Ghislaine Maxwell empfangen. Sie werde dafür sorgen, dass Jenna später sicher nach Hause komme, versichert sie. Ihr Vater brauche nicht zu warten. Kurze Zeit später steht Jenna etwas verloren unter dem funkelnden Kronleuchter in der Eingangshalle. Dann führt Ghislaine, die 16-Jährige, eine schmale Wendeltreppe hinauf. Jenna fallen die Bilder an den Wänden auf: Gemälde und Fotografien von nackten Frauen. Im zweiten Stock biegen sie vom Flur in den Nebenraum eines Schlafzimmers ab. Ein grauhaariger Mann liegt dort bereits bäuchlings auf einer Massageliege.
Sie soll den Mann, der Mr. Epstein heißt, begrüßen, sagt Ghislaine. Und diese Szene beschreibt Jenna nicht nur in ihrem Buch, sondern auch in einer eidesstattlichen Erklärung. Bevor die Probemassage losgeht, gibt Ghislaine Jenna Anweisungen wie eine Lehrerin. Erstmal Hände waschen, immer eine Hand auf der Haut des Kunden lassen, um ihn nicht zu erschrecken. Auf fließende Bewegungen achten. Ghislaine beginnt, einen Fuß des Mannes zu massieren. Jenna soll es ihr am anderen Fuß gleich tun. Vom Knöchel wandern Ghislaines Hände das Bein des Mannes hinauf.
Dann stockt Jenna. Auch den Po drängt Ghislaine. Man dürfe keine Körperstelle auslassen. Währenddessen stellt Mr. Epstein Jenna einige Fragen. Ob sie Geschwister habe, ob sie noch zur Schule gehe, ob sie die Pille nehme, wie ihr erstes Mal gewesen sei. Jenna findet das komisch und ruckt herum. Aber der Mann sagt zu ihr, alles sei in Ordnung, er müsse solche Fragen stellen, um sie besser kennenzulernen. Immerhin würden sie womöglich bald sehr eng zusammenarbeiten. Nach Jennas Darstellung wird aus der vermeintlichen Probemassage jetzt ein sexueller Übergriff.
Der Mann dreht sich auf den Rücken. Jenna zuckt zusammen. Erschrocken blickt sie auf seine Erektion. Doch Ghislaine beachtet das gar nicht, sie knetet einfach bei der Brustmuskulatur weiter. Plötzlich spürt Jenna Epsteins Hand unter ihrem weißen Mar-a-Lago-Röckchen. "Das stört dich doch nicht, oder?", fragt er. Jenna merkt nur, dass sich ihr Körper wie taub anfühlt, während in ihrem Inneren etwas zusammenbricht. Wie konnte sie nur so naiv sein? Wie hatte sie glauben können, dass diese reichen Leute einem Mädchen wie ihr einen richtigen Job anbieten würden?
Ghislaine öffnet von hinten den Reißverschluss von Jennas Rock. Jenna lässt es geschehen. Genau wie alles andere. Den Vibrator, den sie ihr zwischen die Beine schieben, die Penetration, als Epstein sie rittlings zu sich auf die Liege zieht. Nach der "Behandlung", wie die beiden es nennen, sitzt Jenna mit Jeffrey Epstein im Dampfbad. Er hält ihr einen kleinen Vortrag über Entgiftung und die Geschichte der Sauna, als wäre nichts passiert. Sie könne viel von ihm lernen, sagt er, wie von einem Mentor.
Zurück im Erdgeschoss erhält sie 200 Dollar und lobende Worte von Ghislaine. Jenna habe das sehr, sehr gut gemacht. Sie könne es noch weit bringen. Dann wird sie hinausbefördert und findet sich schließlich in einer Limousine wieder, die sie nach Hause bringt. Während dieser Fahrt hallt etwas in Jenna nach wie ein Versprechen. "Die behalten wir", hatte sie Jeffrey zum Schluss zu Ghislaine sagen hören. Das klingt nach einem festen Platz, nach einer Form von Zugehörigkeit. Eine gestörte, unglaublich falsche Zugehörigkeit zwar, aber Jenna sieht nicht viele Alternativen, wenn sie an ihre Zukunft denkt.
Als Jenna an jenem Abend Jeffrey Epstein das erste Mal begegnet, lernt Prinz Andrew dessen Universum gerade so richtig kennen. Der Freund seiner alten Bekannten Ghislaine ist sehr reich, sehr diskret und sehr großzügig. Epsteins Villa in Florida, sein Stadthaus mit über 30 Zimmern in New York, seine Privatinsel in der Karibik und sein Flugzeug, all das steht seinen Gästen offen und Andrew gehört jetzt auch dazu. Fernab der britischen Klatschpresse kann er jetzt echten Luxus zelebrieren.
Und das Beste daran ist: Sein Freund Jeffrey erwartet im Gegenzug nichts Besonderes. Andrew muss einfach nur Prinz sein, dem reichen Amerikaner die uralten königlichen Schlösser zeigen, ihn zur Jagd mitnehmen, zum Pferderennen nach Escott und zu anderen Festivitäten, mit denen sich Europas feine Gesellschaft die Zeit vertreibt. Vorbei sind demnach Andrews zahlreiche Abende allein zu Hause. Mit 40 genießt er wieder das Leben eines begehrten Junggesellen. Die britische Presse beschreibt ihn als "Man about Town", Models sitzen mit ihm beim Dinner, in New York wird er gemeinsam mit Ghislaine gesehen und im Februar 2000 posiert Andrew bei einer Party im Mar-a-Lago gemeinsam mit Jeffrey für die Kameras.
Auch auf Epsteins Privatinsel Little St. James ist Andrew zu Gast. Ein ehemaliger Hausangestellter wird später unter Eid aussagen, dass der Prinz bei Besuchen in Epsteins Haus in Palm Beach teilweise wochenlang blieb und dort täglich "Massagen" bekam. Was sich genau hinter der luxuriösen Fassade von Epsteins Welt abspielt, wird allerdings erst Jahre später in seinem ganzen Ausmaß öffentlich werden. Junge Frauen und minderjährige Mädchen werden für Epstein angeworben, zu seinen Häusern gefahren und für vermeintliche Massagen bezahlt.
Ghislaine Maxwell wird Jahrzehnte später dafür verurteilt werden, an der Rekrutierung und dem Grooming Minderjähriger für Epstein beteiligt gewesen zu sein. Andrew bewegt sich währenddessen immer selbstverständlicher in diesem Umfeld. Was er damals über Epsteins System weiß oder wahrnimmt, lässt sich bis heute aber nicht zweifelsfrei feststellen.
Nachdem sie Jeffrey zwei Wochen lang regelmäßig besucht hat, so schreibt Jenna es in ihren Memoiren, ruft er sie schließlich in sein Arbeitszimmer und macht ihr Komplimente. Sie sei so intelligent und inspirierend. Jenna kann nicht anders, als sich so freuen. So sehr sehnt sie sich nach Anerkennung, selbst wenn sie weiß, dass alles gelogen ist. Jeffrey will nämlich etwas von ihr. Sie soll ihren Nebenjob im Mar-a-Lago aufgeben und "jederzeit" für ihn verfügbar sein. Er zieht mehrere tausend Dollar aus einem dicken Geldbündel und schiebt sie ihr rüber.
Sie soll sich ein Apartment mieten, das er künftig bezahlen werde. Jenna spürt, wie Angst in ihr aufsteigt. Dieser Schritt würde bedeuten, sich völlig von diesem Mann abhängig zu machen. Jenna berichtet später, Epstein habe ihr Zögern bemerkt und ihr dann ein Foto ihres Bruders gezeigt und gesagt, "wir wissen, wo er zur Schule geht". Sie dürfe niemals jemandem erzählen, was in seinem Haus vor sich gehe. Es würde ohnehin nichts bringen, die Polizei von Palm Beach unternehme nichts gegen ihn, die habe er unter Kontrolle.
Jenna versteht die Drohung sofort. Wenn sie sich widersetzt, wird das Konsequenzen für ihre Familie haben. Im August 2000 feiert Jenna ihren 17. Geburtstag, also in einer Wohnung, die Jeffrey bezahlt. Ihren Eltern tischt sie beim Auszug aus dem Familienhaus eine ähnliche Geschichte auf, wie Ghislaine sie ihr anfangs serviert hatte. Diese reichen Leute wollten sie einfach gern unterstützen. Die zwei könnten ihr viele Türen öffnen. Jenna merkt damals schnell, dass sie bei weitem nicht die Einzige ist, die Jeffrey Epsteins Angebote nicht ablehnen konnte.
Nach und nach lernt Jenna immer mehr von ihnen kennen. Mädchen und junge Frauen. Jede von ihnen hat ihre eigenen traurigen Gründe dafür. Jede sucht nach ihrem eigenen Weg, damit umzugehen. Jenna findet ihren im Selbstbetrug. Sie redet sich ein, dass Jeffrey vielleicht sexsüchtig sei, aber nicht grausam. Dass sie ihm wirklich etwas bedeute und seine Nummer eins sei. Doch die Methode funktioniert nicht wirklich. Wenn er sie, wie sie später berichtet, zu anderen Männern schickt und hinterher fragt, wie die Treffen verliefen.
Manchmal verlaufen diese Abende gut. Ein Psychologe mit schütterem Haar will zum Beispiel bloß fernsehen und Jenna kann schlafen. Aber manchmal ist es abstoßend und schrecklich. Doch wenn sie diese Nächte hinter sich hat, ist da immer Jeffrey, der zu ihr sagt: "Ich bin stolz auf dich." So geht das Jahr 2000 zu Ende und das folgende beginnt mit großen Plänen. Jenna solle sich einen Reisepass besorgen, sagt Ghislaine zu ihr. Sie und Jeffrey wollen sie bald mit auf große Europareise nehmen. Paris, Granada, London.
Sie werde viele interessante und berühmte Männer kennenlernen, verspricht Ghislaine. Vorher brechen Jeffrey und seine gute Freundin aber noch allein zu einer anderen Reise auf.
Im Januar 2001 steht Prinz Andrew in blauen Badeschorts an Deck einer Segelyacht vor der thailändischen Küste und spült sich mit einer Handdusche das Salzwasser von seinem rosigen Oberkörper. Um ihn herum viele braungebrannte, schlanke Frauen. Der Prinz macht Urlaub in Phuket zusammen mit Ghislaine Maxwell. Jeffrey Epstein ist zwischenzeitlich auch dabei. Abends ziehen sie durch die Stripbars des legendären Rotlichtviertels, tagsüber lassen sie sich die Sonne auf den Bauch scheinen.
Natürlich fällt der britischen Presse auf, wie viel Zeit der Prinz plötzlich mit Maxwell und Epstein verbringt. Andrew sei kaum noch zur Vernunft zu bringen, berichten einige seiner Vertrauten, zu jener Zeit besorgt gegenüber den Klatschblättern. Falls Andrew diese Bedenken zu Ohren kommen, setzt er sich darüber hinweg. Jeffrey Epstein stellt sich selbst als exklusiven Vermögensverwalter dar, dem einige Unternehmer ihr milliardenschweres Vermögen anvertrauen. Und genau dort, unter den Global Playern aus Wirtschaft, Industrie und Macht, sieht auch Prinz Andrew seine Zukunft.
Beim Militär geht sein Dienst in diesem Jahr zu Ende und Prinz Andrew strebt eine Aufgabe an, die gut zu seinem neuen Lifestyle passt. Er möchte Großbritanniens Sondergesandter für Handel und internationale Beziehungen werden. Eine Funktion, bei der man mit einem gewissen Geschick viele Strippen ziehen kann, und zumindest Andrew ist von seinen Fähigkeiten überzeugt. In der Firma, wie das britische Königshaus hier auch genannt wird, sehen das einige allerdings anders. Andrews Bruder Charles zum Beispiel. Er befürchtet, Andrew könne den Posten zum Privatvergnügen nutzen.
Doch die Queen unterstützt die Ernennung ihres Sohnes. Andrew bekommt den Job. Fortan wird er Großbritanniens Wirtschaft auf der internationalen Bühne vertreten und um Investitionen und gute Beziehungen werben. Als Sohn der Königin soll Andrew Türen öffnen, die der Politik sonst verschlossen bleiben. Das ist der Plan hinter der Entscheidung. Ein Gehalt bekommt Andrew dafür nicht, aber sämtliche Spesen und Reisekosten werden ihm erstattet. Die Reise nach Thailand mit seinen neuen Besties Ghislaine Maxwell und Jeffrey Epstein im Januar 2001 zählt aber noch nicht dazu.
Genauso wenig wie ihr nächstes geplantes Treffen in London. Ein Treffen, an das sich der Prinz Jahre später nicht mehr erinnern will, das aber nicht nur sein Leben, sondern auch das einer Frau für immer verändern wird.
Am Morgen des 10. März 2001 wird Jenna schwungvoll von Ghislaine geweckt. So beschreibt sie es später in ihrem Buch. Heute sei ein ganz besonderer Tag, sagt sie. Jenna werde einen gut aussehenden Prinzen kennenlernen. Einen wie im Märchen? Ihr Freund Andrew, ein Sohn der Queen, komme zum Abendessen. Jenna ist noch ein wenig verschlafen, erst am Abend zuvor sind sie in London gelandet. Aber Ghislaine lässt ihr keine Ruhe. Sie will sofort los mit Jenna shoppen gehen, um sie richtig vorzubereiten.
In der Stadt kauft sie für Jenna also eine Handtasche von Burberry und zwei körperbetonte Kleider. Aber Jenna darf sich auch selbst ein paar Sachen aussuchen. Sie entscheidet sich für ein kurzes rosafarbenes Top und eine Glitzerjeans, die mit Pferdemotiven bestickt ist. Beides will sie unbedingt sofort anziehen. Ein bisschen fühlt sie sich in dem Outfit nämlich wie Britney Spears. Vor knapp einer Woche ist Jenna mit Jeffrey und Ghislaine in New York losgeflogen, nach Frankreich, Spanien, Marokko und dann nach Großbritannien. Jenna hätte sich nie träumen lassen, auch nur ein einziges dieser Länder jemals zu bereisen.
Wenn sie zwischendurch bei ihren Eltern anruft, lässt sie es so klingen, als erlebe sie an der Seite dieser exzentrischen Millionäre gerade die Zeit ihres Lebens. Und ihre Eltern sind auch ein bisschen beeindruckt von ihren Anekdoten über Museen und Luxushotels. Als gegen Abend dann, so schildert es Jenna später, tatsächlich Prinz Andrew durch die Tür von Ghislaines schmalem zweistöckigen Londoner Wohnhaus tritt, seien ihr damals als erstes seine überaus eleganten Hemdmanschetten samt Knöpfen aufgefallen. Außerdem ist Ghislaine geradezu euphorisch überdreht.
Jenna erinnert sich noch daran, dass Andrew damals raten soll, wie alt sie sei. Und der Prinz schätzt genau richtig. 17, sagt er. Seine ältere Tochter sei nur ein paar Jahre jünger. Jenna kennt sich mit europäischen Königshäusern nicht besonders gut aus, aber sie denkt sich, dass ihre Mutter es ihr wohl kaum verzeihen würde, wenn sie ihre Begegnung mit einem echten Prinzen ohne ein gemeinsames Foto verstreichen ließe. Also holt sie schnell ihre Einwegkamera und drückt sie Jeffrey in die Hand.
Am Treppenaufgang zum ersten Stock, direkt neben dem Badezimmer, macht er ein Foto von ihr und Andrew. Der Prinz steht locker an Jennas rechter Seite und hat den Arm leicht um ihre Taille gelegt. Jenna trägt ihr rosafarbenes Top, ihre blonden Haare fallen ihr über die Schultern. Im Hintergrund lehnt Ghislaine in einem weißen ärmellosen Rollkragenshirt im Türrahmen. Alle drei lächeln direkt in die Kamera. Mit diesem Foto entsteht ein Bild, das 2011 um die Welt gehen wird. Was nach dem Schnappschuss passiert, schildert Jenna später so: Mit zwei Autos fahren sie zum Abendessen in ein exklusives Restaurant.
Andrew sitzt bei seinen Security-Männern im Wagen, sie bei Jeffrey und Ghislaine. Danach ziehen sie weiter in den berühmten Londoner Nachtclub Tramp. Sie trinken ein paar Cocktails, dann will Andrew mit Jenna auf die Tanzfläche. Sie geht mit, doch ihr fällt auf, dass der Prinz kein sonderlich guter Tänzer ist und dass er stark schwitzt. Etwa eineinhalb Stunden später fahren sie in getrennten Fahrzeugen wieder zurück zu Ghislaines Haus. Jenna solle sich um Andrew kümmern, schärft Ghislaine ihr im Auto ein. Sie solle für ihn dasselbe machen wie sonst auch für Jeffrey.
Als sie im Haus ankommen, verschwinden Jeffrey und Ghislaine sofort in ihrem Zimmer und lassen Jenna allein mit Andrew zurück. Jenna führt ihn die Treppe hoch ins Badezimmer und lässt heißes Wasser in die Wanne. Doch nach einem kurzen Bad möchte der Prinz lieber ins Bett. Jenna wirft Andrew später vor, anschließend, Zitat, Sex mit ihr gehabt zu haben, obwohl sie sich dazu durch Epstein und Maxwell gezwungen fühlte. Zitat: "Ich hatte nicht mit dem Prinzen schlafen wollen. Andererseits war ich zutiefst überzeugt, dass es für mich keine Möglichkeit gab, mich aus Epsteins und Maxwells Klammergriff zu befreien."
Das Ganze dauert nach Jennas Darstellung kaum mehr als eine halbe Stunde. Auf sie wirkt Andrew dabei höflich, distanziert und so, als habe er selbstverständlich ein Recht auf ihren Körper. Dann verabschiedet er sich. Am nächsten Morgen begrüßt Ghislaine Jenna sehr zufrieden. Sie habe das gut gemacht, sagt sie. Der Prinz hätte Spaß gehabt. Jenna bekommt 15.000 Dollar, viel mehr als sonst. Aber durchbrennen kann sie damit jetzt nicht. Sie muss ihren Reisepass bei Ghislaine abgeben.
Und irgendwie hat Jenna auch Angst vor dem britischen Königshaus. In ihren Memoiren schreibt sie, wie sie damals sogar an Prinzessin Diana denkt, die wenige Jahre zuvor bei einem Autounfall in Paris gestorben ist. In Jennas Kopf hat ihr Tod etwas Geheimnisvolles und Bedrohliches. Denn Jenna hat inzwischen gelernt, wie mächtig die Menschen sind, in deren Welt sie geraten ist. Und sie glaubt, dass Menschen mit Geld, Einfluss und den richtigen Verbindungen nahezu alles möglich ist. Im April 2001 habe sie den Prinzen ein zweites Mal getroffen, sagt Jenna Jahre später gegenüber der Mail on Sunday.
Dieses Mal in Epsteins Haus in New York. Ghislaine hat an diesem Abend zum Spaß eine Stoffpuppe mitgebracht, die Prinz Andrew darstellt. Eine Hand dieser Puppe drapiert sie auf Jennas Brüsten. Später, so schildert es Jenna, habe sie sich erneut mit Andy, wie sie ihn nennen soll, zum Sex zurückziehen müssen. Die dritte Begegnung soll ein paar Monate später im Sommer 2001 auf Epsteins Privatinsel Little St. James stattgefunden haben. An das genaue Datum kann Jenna sich nicht mehr erinnern.
Sie beschreibt das Treffen jedenfalls so: Jeffrey, Andrew und sie hatten Sex gemeinsam mit acht weiteren Mädchen. Und die Mädchen seien allesamt sehr jung gewesen und keines von ihnen habe richtig Englisch gesprochen. Genau, und hier an der Stelle, ich habe es ja eben schon gesagt, aber Jenna spricht in ihrem Buch, dass sie später schreibt, immer davon, mit Andrew Sex gehabt zu haben. Also das ist da ihre Formulierung. Aber ihre späteren Anwältinnen, die verwenden dann andere Begriffe und werfen Andrew dann auch sexuelle Übergriffe ohne Jennas Einwilligung vor.
Flugaufzeichnungen belegen jedenfalls, dass Andrew auch in den folgenden Monaten immer wieder mit Jeffrey Epstein unterwegs ist. Im April 2001 fliegt er gemeinsam mit Epstein, Maxwell, Jenna und einer weiteren jungen Frau von New York nach St. Thomas in der Karibik. Anfang Juli taucht sein Name erneut in den Flugaufzeichnungen auf. Er ist auf einem Flug von St. Thomas nach Florida, wenige Tage später von Florida zurück nach New York. Und nicht jede Stunde dieser Reisen ist mit offiziellen Terminen gefüllt.
In einem vertraulichen Reiseplan für Andrews Aufenthalt in New York im April sind mehrere Stunden lediglich mit zwei Worten vermerkt: Private Time. Im September 2001 tritt der Prinz dann nach einer kurzen Vorbereitungsphase offiziell seinen Job als Sondergesandter für internationalen Handel und Investitionen an. Auffällig viel Zeit verbringt er auch in dieser Funktion in Flugzeugen, Hotels und Spas. Auf Kosten der öffentlichen Hand jettet er um die Welt. Eine seiner Reisen als Sondergesandter führt Andrew nach Bahrain.
Dem Prinz ist es wichtig, während solcher Termine mit potenziellen Geschäftspartnern kein Golf zu spielen. Er bevorzugt dies nämlich ausschließlich in seiner Freizeit zu tun, die daher im Anschluss an seine Geschäftstermine großzügig eingeplant wird. Es sind diese nicht gerade bescheiden gehaltenen Trips, die Andrew in der Öffentlichkeit schon bald den neuen Spitznamen Air Miles Andy einbringen. Und auch wenn einige führende Wirtschaftsbosse Großbritanniens finden, der Prinz fülle seine Rolle nicht schlecht aus, sorgt Andrew in Diplomatenkreisen zunehmend für Spott.
His Bafoon Highness lässt dann einige hinter seinem Rücken, was übersetzt ungefähr so viel heißt wie königlicher Hanswurst. Doch als Sohn der Königin ist Andrew unangreifbar und muss sich um solche Bemerkungen nicht scheren. Seine Mutter überweist ihm jährlich eine ordentliche Summe, die Armee zahlt ihm eine Pension und für das, was ihm Spaß macht, hat er jetzt einen Job, von dem es auch noch heißt, er diene seinem Land. Nebenbei pflegt Andrew seinen Ruf als Playboy-Prinz und datet Frauen, die sehr schön, sehr einflussreich und/oder sehr glamourös sind.
Im Dezember 2001 lädt er zum Beispiel das knapp zwölf Jahre jüngere US-Model Lisa B auf den königlichen Landsitz nach Sandringham ein, zu dessen Ex-Freunden unter anderem Mick Jagger und Bruce Willis zählen. Ob es zu einer Romanze zwischen Andrew und Lisa B kommt, bleibt aber unklar. Man sichtet Andrew allerdings dabei, wie er nach einem Dinner mit ihr das Restaurant über den Hinterausgang verlässt und die Feuertreppe herunterklettert. Naja, Andrew ist nun jedenfalls angekommen.
In diesem Kreis, so schreibt es Jenna, hat sie Freizeit, wann immer Jeffrey sich um seine Geschäfte kümmert und darum ebenfalls Teil, dieser Gesellschaft zu bleiben. Gemeinsam mit den anderen Mädchen und jungen Frauen geht sie dann auf seiner Insel im kristallklaren Wasser schnorcheln oder sitzt am Pool, während sie sich einredet, dass sie es doch eigentlich ganz gut getroffen habe. Doch jenseits dieser scheinbar ruhigen und schönen Momente bröckelt der Selbstbetrug. Jenna nimmt Drogen, weil sie Jeffreys Sexpartys ohne nicht mehr aushält.
Oder um sich aufzuputschen für all die Körper, denen sie gegenübertreten muss. Alte Männer, schüchterne Männer oder Männer, die über ihren Kopf hinweg schauen und sie komplett ignorieren, während sie sie befriedigt. Und dann sei Jenna an einen Mann geraten, der sie brutal vergewaltigt habe. Dieser Vorwurf, der findet sich in juristischen Unterlagen, in dem sie den Mann als Former Minister bezeichnet und dann nochmal viel detaillierter in ihren Memoiren.
Im Gästehaus auf Epsteins Insel wirkt er sie außerdem, bis sie das Bewusstsein verliert, mehrfach. Als er endlich von ihr ablässt, blutet Jenna aus sämtlichen Körperöffnungen. Jeffrey, den sie danach aufsucht, ist ihr Zustand egal. So was komme eben vor, sagt er mit einer geringschätzenden Kälte, die Jenna fast zusammenbrechen lässt. Doch dieser "Vorfall" hat für Jenna etwas verändert. Jenna spürt, dass sie so nicht weitermachen kann. Sie will weg von Jeffrey, weg von Ghislaine, weg von Männern wie Andrew.
Sie weiß nur noch nicht, wie und wohin. Im Sommer 2002 verbringt Jenna mit Jeffrey und Ghislaine einen Strandtag auf der Insel. Sie sitzen auf dem Badesteg, als Jeffrey plötzlich tief Luft holt und sagt: "Jenna, ich möchte, dass du unser Baby austrägst." Der Deal, den der Milliardär ihr anbietet, klingt für Jenna wie ein Horrorszenario aus The Handmaid's Tale. Sie soll ein Kind gebären und es dann gegen Geld an Jeffrey und Ghislaine überschreiben, im Rahmen eines Vertrags.
Alles daran ist falsch, findet Jenna. Sie bittet die beiden um etwas Bedenkzeit. Ein paar Tage später sagt sie ihnen, sie sei einverstanden, aber sie hoffe doch sehr, vorher eine Ausbildung zur Masseurin machen zu können, wie die beiden es ihr versprochen hatten. Bestenfalls irgendwo im Ausland. Jenna sieht, dass hier ihre Möglichkeit zur Flucht liegen könnte. Die Antwort liefert Jeffrey ihr kurz vor ihrem 19. Geburtstag im August 2002 als eine Art Geschenk. Sie habe sich wirklich eine Belohnung verdient, sagt er ihr.
Er und Ghislaine wollen sie für zwei Monate nach Thailand schicken, damit sie dort endlich ihr Zertifikat als Masseurin machen könne. Jenna muss nicht lange überlegen. Die Chance zur Flucht liegt nun ganz nah. Aus der Karibik fliegt sie aber erstmal zurück nach Florida in ihr Apartment. Sie ordnet ihre Sachen, will so viel wie möglich auf ihre Flucht mitnehmen: Fotoalben, Erinnerungsstücke und ganz viele Klamotten. Während sie zu Hause ist, besucht sie auch noch einmal ihre Eltern und ihren kleinen Bruder Sky.
Sie erzählt ihrer Familie von einer längeren Ausbildungsreise nach Asien und sagt niemandem, dass es womöglich ein Abschied für immer ist. Mitte September 2002 steigt Jenna dann also wieder in ein Flugzeug. Diesmal nicht in den sogenannten Lolita-Express, wie Epsteins Privatjet später von der Presse genannt wird. Es geht von Miami über New York, Bangkok und weiter nach Chiang Mai in den Norden Thailands. Diese Umgebung, in der alles so anders funktioniert als in den USA, ist genau die Veränderung, die Jenna braucht.
Wenn sie abends durch die schummrigen Straßen mit den baumelnden Lampions von ihrem Massagekurs zurückkommt, erinnert sie nichts an Zuhause und niemand ahnt, welches Leben sie dort zurückgelassen hat. Schon nach wenigen Wochen spürt sie eine Kraft, von der sie glaubte, sie längst verloren zu haben. Am 16. Oktober ruft sie Jeffrey an und sagt ihm entschieden: "Ich komme nie wieder zurück." Am anderen Ende der Leitung bleibt es ein paar Sekunden lang still. Dann sagt Jeffrey: "Schönes Leben noch." Und legt auf.
Auch Prinz Andrew zieht es in seiner Zeit als Handelsgesandter immer wieder nach Asien und vor allem nach Thailand. 2006, vier Jahre nach Jennas "Flucht" vor Epstein, fliegt Andrew in offizieller Funktion nach Bangkok, wo der König von Thailand sein 60. Thronjubiläum feiert. Was während dieses Aufenthalts noch passiert sein soll, wird erst viele Jahre später öffentlich. Der Andrew-Biograf Andrew Louny berichtet unter Berufung auf mehrere Quellen, dass dem Prinzen innerhalb von nur vier Tagen mehr als 40 Sexarbeiterinnen aufs Hotelzimmer gebracht worden seien.
Teilweise, so erinnert sich ein Zeuge, sei kaum eine Frau gegangen, bevor schon die nächste gekommen sei. Selbst für das Personal eines Bangkoker Luxushotels soll die Anzahl ungewöhnlich gewesen sein. Auffällig ist jedenfalls, dass Andrew in Thailand nicht in der Residenz des Botschafters übernachtet, wie es für seine Position üblich wäre. Er bevorzugt ein Luxushotel mit einem berühmten Nachtclub im Untergeschoss.
Ein Jahr nach Andrews Aufenthalt in Thailand ist Jenna gerade zum zweiten Mal schwanger. Nach ihrer Flucht ist es ihr tatsächlich gelungen, sich ein neues Leben und zwar in Australien aufzubauen. In Thailand hatte sich Jenna während ihres Massagekurses unsterblich in den sieben Jahre älteren australischen Martial-Arts-Trainer Robbie Jeffrey verliebt. Robbie ist ein drahtiger Typ, der seinen Sport mit einer psychologischen Stärke verbindet, die Jenna schnell die Sicherheit gegeben hat, ihm alles erzählen zu können. Auch für Robbie war danach sofort klar gewesen, dass Jenna bis auf weiteres nicht in die USA zurückkehren sollte.
Sie haben geheiratet und sind in eine Kleinstadt nördlich von Sydney gezogen, weit weg von Jeffrey, Ghislaine und Andrew. Jenna ist jetzt Mitte 20, sie ist Mutter und sie möchte diese Phase ihres Lebens ein für alle Mal hinter sich lassen. Doch nun klingelt nachmittags bei ihr zu Hause das Telefon. Ist sowohl in ihrem Buch als auch in ihrer eidesstattlichen Erklärung zu lesen. Jenna hebt ab und die Stimme am anderen Ende der Leitung schnürt ihr die Kehle zu. Es ist Ghislaine. Fünf Jahre hat Jenna nichts mehr von ihr gehört.
Aber jetzt will Ghislaine plötzlich wieder etwas von ihr. Jeffrey hat offenbar Ärger mit der Polizei, erfährt Jenna auf diesem Weg. Gegen ihn wird wegen sexuellen Missbrauchs ermittelt. Doch solange Jenna nicht mit den Behörden kooperiere, sei alles in Ordnung, versichert ihr Ghislaine. Und lässt damit gleichzeitig durchblicken, was passieren könnte, falls Jenna sich anders entscheiden sollte. Einige Tage später habe auch Epstein angerufen und sie mit Fragen unter Druck gesetzt. Sein Anwalt zeichnet das Gespräch auf, sagt er ihr.
Dann bedrängt er sie mit Fragen. Ob sie schon mit jemandem gesprochen habe. Ob sie vorhabe, das zu tun. Jenna hat Angst um ihre kleine Familie. Auch Jeffreys Anwalt schaltet sich in das Gespräch ein. Er erklärt Jenna, dass Jeffrey von drogensüchtigen Stripperinnen und Prostituierten beschuldigt werde. Frauen, so hört man aus seinen Worten raus, die ohnehin nicht glaubwürdig seien und damit rechnen müssten, von ihm in der Öffentlichkeit diffamiert zu werden. Am Ende des Gesprächs versichert Jenna ihm das Gleiche wie Ghislaine.
Sie wird der Polizei nichts erzählen. Sie ist jetzt glücklich und will ihre Ruhe haben. Als Jenna wenig später auch vom FBI kontaktiert wird, spürt sie dann aber Panik in sich aufsteigen. Der Mann sagt, man habe Fotos von ihr gefunden und sie daher als mutmaßliches Opfer Jeffrey Epsteins identifiziert. Ob sie jemals Sex mit ihm gehabt habe. Jenna ist abgeschreckt von der direkten Wortwahl. Sie fragt sich, ob dieser Anruf überhaupt wirklich vom FBI kommt oder ob das ein Test ist, mit dem Jeffrey ihre Loyalität auf die Probe stellen will.
Sie sagt dem Anrufer, sie habe nichts zu sagen.
Die Polizistinnen in Florida kontaktieren damals viele Frauen wie Jenna, die sie anhand von Fotos als mutmaßliche Opfer Jeffrey Epsteins identifiziert haben und leiten ihre Erkenntnisse an das FBI weiter. Dutzende von ihnen machen eine Aussage. Das FBI sammelt Berichte über mehr als 30 bestätigte minderjährige Betroffene. Doch im September 2007 schließt Epstein mit der US-Bundesstaatsanwaltschaft in Südflorida einen Deal. Darin verpflichtet er sich, sich vor einem Gericht des Bundesstaats Florida in zwei Punkten schuldig zu bekennen: Wegen der Anbahnung von Prostitution und wegen der Anwerbung einer Minderjährigen zur Prostitution.
Im Gegenzug sagt die Bundesstaatsanwaltschaft zu, in diesem Ermittlungskomplex keine Anklage vor einem US-Bundesgericht gegen Epstein zu erheben, wo ihm eine wesentlich längere Haftstrafe gedroht hätte. Jeffrey Epstein wird im Jahr 2008 also zu 18 Monaten Haft verurteilt. Bereits nach 13 kann er das Gefängnis im Juli 2009 verlassen. Jenna und den anderen Frauen erklärt man, die Sache sei damit beendet. Sie können aber in einem Zivilverfahren auf Schadenersatz klagen.
Jenna entscheidet sich schließlich dafür, auch wenn das bedeutet, sich wieder mit der Vergangenheit zu beschäftigen, die sie doch so gern hinter sich lassen würde. Aber wenn Jeffrey ihr das Leben schon so lange zur Hölle gemacht hat, dann soll er zumindest finanziell büßen. Auch wenn Jenna weiß, dass ihm das wahrscheinlich nicht viel ausmachen wird. 2009, zwei Jahre nach seinem letzten Anruf, klagt sie Jeffrey unter einem Pseudonym an. Und sie sagt aus, dass auch, Zitat, "Mitglieder von Königshäusern" zu den Männern gehörten, mit denen sie von ihm zum Sex gezwungen wurde.
Aber sie nennt öffentlich weder ihren Namen noch den von Andrew. Jennas Anwalt rät ihr zu einer vertraulichen außergerichtlichen Vereinbarung. Gegen eine Schadensersatzzahlung von 500.000 Dollar einigen sich Jenna und Jeffrey schließlich außergerichtlich und Jenna zieht ihre Klage endgültig zurück. Jeffrey verpflichtet sich dazu, nie wieder Kontakt zu Jenna aufzunehmen. Und sie verzichtet im Gegenzug auf weitere Ansprüche gegen ihn und, laut der sehr weit gefassten Vereinbarung, auch gegen andere Personen, die in dem Verfahren als mögliche Beklagte hätten einbezogen werden können.
Dass sein Kumpel nunmehr ein verurteilter Sexualstraftäter ist, stört Prinz Andrew drüben auf der anderen Welt-Halbkugel offenbar nicht sonderlich. Als Jeffreys Hausarrest im Juli 2010 endet, schreibt ihm Andrew jedenfalls: "Herzlichen Glückwunsch." Und als Jeffrey ihm im August ein Treffen mit einer jungen Russin in London vorschlägt, ist der Prinz entzückt. Im September kommt Jeffrey dann selbst in den Buckingham Palace. Er habe, schreibt er, Zitat, "etwas Unterhaltung dabei" und meint damit drei Frauen.
Auch im Dezember sehen sich die zwei. Diesmal in Jeffreys Villa an der Upper East Side in New York. Jeffrey lädt zu einem Abendessen ein. Neben Woody Allen - kurz - ist Andrew ein sehr wichtiger Gast. Viele andere haben abgesagt. Doch Andrew gefällt die zurückgewonnene gemeinsame Zeit wieder richtig gut. Zurück in London schreibt er Jeffrey am 8. Dezember: "Ich wünschte, ich wäre immer noch ein Haustier in deiner Familie." 2010 ist auch das Jahr, in dem Andrew seinem Freund regelmäßig als vertraulich markierte Dokumente weiterleitet, die er ihm in seiner Funktion als Sondergesandter für Handel zukommen lässt.
Berichte über Investitionsmöglichkeiten in Afghanistan beispielsweise. Wirtschaftliche Informationen von seinen Besuchen in Vietnam oder Hongkong. Beabsichtigte Deals, die für Jeffreys wohlhabende Klientinnen interessant sein könnten. Öffentlich wird jedoch nur eine einzige Begegnung der beiden. Im Dezember 2010 spazieren Andrew und Jeffrey durch den winterlichen New Yorker Central Park, Seite an Seite und ins Gespräch vertieft. Ein Journalist fotografiert diese Szene, die ein paar Wochen später in den Zeitungen erscheint.
Als Jenna in Australien dieses Foto zu Gesicht bekommt, schreibt sie in ihrem Buch, wird sie wütend. Auf Jeffrey, der so leicht davongekommen ist, aber vor allem auf die Arroganz, die dieses Bild ausstrahlt. Zwei mächtige Männer, die offenbar überzeugt davon sind, über dem Gesetz zu stehen. Die minderjährigen Mädchen scheinen vergessen zu sein. Jenna hat inzwischen selbst eine kleine Tochter und will nicht länger schweigen. Sie will kämpfen. Bereits Anfang Februar hatte Jenna sich mit der Journalistin einer britischen Boulevardzeitung getroffen und ihr auch das Foto gezeigt, das damals von ihr und Andrew im Haus von Ghislaine Maxwell in London gemacht worden war, als Jenna 17 Jahre alt war.
Die Zeitung druckt das Foto und erwähnt, dass Jenna sagt, auch an Mitglieder von Königshäusern weitergereicht worden zu sein. Wenig später meldet sich allerdings aufgrund des Artikels das FBI bei Jenna. Sie erfährt nun, dass die Ermittlerinnen schon vor Jahren versucht hatten, sie zu kontaktieren. Der Anruf, den sie 2007 erhalten hatte, war also keine Falle von Jeffrey. Und dieses Mal entscheidet Jenna sich anders. Sie will aussagen und dazu beitragen, dass endlich die ganze Wahrheit ans Licht kommt.
Im US-Konsulat in Sydney stellt sie sich schließlich den unangenehmen Fragen. Immer mit dabei: ihr Mann Robbie. Mehrere Stunden dauert ihre Aussage und Jenna muss dabei Details nennen, die sie selbst ihrem Mann bisher verschwiegen hat und die sie zurückkatapultieren. Zurück in die dunkelste Zeit ihres Lebens. Es ist Jenna in dem Moment vielleicht noch nicht ganz klar, aber sie ist mit dieser Entscheidung in den Krieg gezogen. Als eines der ersten Opfer aus Epsteins innerem Zirkel geht Jenna mit ihrem Namen an die Öffentlichkeit.
Außerdem schließen sich in den USA immer mehr Frauen im Namen des Opferschutzes zusammen und gehen gegen den Deal mit der Bundesstaatsanwaltschaft in Südflorida vor, der Jeffrey seit 2007 davor schützt, wegen möglicher schwererer Bundesdelikte angeklagt zu werden. Doch für einen großen Skandal sorgt das 2011 noch nicht.
Als Andrew das Foto von ihm und Jenna in der Zeitung sieht, setzt er sich sofort an seinen Rechner und tippt eine Mail an Jeffrey. "Wir stecken gemeinsam in dieser Sache und werden da schon durchkommen. Lass uns in engem Kontakt bleiben. Wir werden bald wieder zusammen spielen." Doch hinter den Kulissen brodelt es. Jeffrey beauftragt Nachforschungen zu Jenna, um belastende Informationen über sie herausfinden zu können. Andrew verlangt, dass in Stellungnahmen und Anwaltsschreiben deutlich gemacht werde, dass er nicht involviert sei und nichts von den Vorwürfen gewusst habe.
Und die Anwältinnen des Buckingham Palace schicken eine Rundmail an ihren Presseverteiler und drohen mit Verleumdungsklagen, sollte irgendwas in die Richtung veröffentlicht werden.
Und sowas war mir auch neu, aber man war auf jeden Fall, also wir bei RTL und NTV waren auch in so einem Presseverteiler von dem Königshaus, also da gab es dann schon immer mal Hinweise, von was man so berichten könne und von was man nicht berichten könne.
Ja.
Ja, es gibt auch so unausgesprochene Vereinbarungen und Regelungen, weil man weiß halt, also es wurde mir relativ schnell so eingebläut, dass man möchte ja gut sich stellen mit dem Königshaus, damit man auch weiterhin zu Sachen gehen darf, weil man muss sich ja überall akkreditieren, dass man irgendwo filmen darf, im Royal Escort oder wo auch immer, wenn man mal vorm Buckingham Palace steht oder so. Und genau, wenn man diese wichtigen Plätze für die Kameras nicht verlieren will, dann sollte man es sich halt nicht mit denen verschärfen.
Und ganz kurz in diesen Newslettern, da stand auch immer drin, worüber man nicht berichten soll. Das heißt, das haben die nochmal extra rausgegeben?
Nee, aber das Königshaus hat immer mal wieder versucht, juristisch gegen bestimmte Veröffentlichungen vorzugehen.
Okay, verstehe. Also normalerweise würde ich sagen, wenn es jetzt um Klatschpresse geht, und ich will das jetzt gar nicht irgendwie schlecht machen oder so, also ich kann schon irgendwo nachvollziehen, wie wichtig das Königshaus in England für die Leute ist und dass das irgendwie halt die großen Stars da sind oder wie auch immer sie sie sehen. Und ich meine, dass es so Deals mit Promis gibt, worüber berichtet wird oder dass auch manche Paparazzis in Anführungszeichen extra irgendwo hinbestellen und dann wirkt das nachher alles so ganz zufällig und so. Das alles gibt es ja auch hier und das würde man ja jetzt auch nicht so als richtigen Journalismus bezeichnen.
Also für mich ist das Unterhaltung und gut wäre, wenn jeder weiß, worauf man sich da einlässt bei so einer Berichterstattung, wenn man die viel konsumiert. Aber bei solchen Vorwürfen geht es ja eben nicht mehr nur um so harmlose Promi-News. Und wenn der Palast versucht, Berichte zu verhindern und Andrew da in einer Art zu schützen, da bin ich dann auch froh, dass es andere Medien gibt, die da veröffentlichen, obwohl sie dann, keine Ahnung, nicht mehr den schönsten Hintergrund in einer Live-Schalte haben oder so.
Ja. Und da muss ich jetzt aber mal eine Lanze brechen für die Melon Sunday. Ich meine, die haben das Foto veröffentlicht. Und dann haben sie darunter geschrieben, dass Jenna gesagt hat, sie sei auch an Royals weitergereicht worden. Sie sagen aber explizit eben nicht Andrews Namen oder so, aber sie haben ja das Foto. Und damit kann sich ja jeder denken, was passiert ist. Aber klar, kann ich mir vorstellen, dass der Melon Sunday dann quasi erstmal ein Platzverbot ausgesprochen wurde.
Und das finde ich echt ein Problem, denn das sind ja am Ende nicht nur irgendwelche Promis, sondern öffentlich finanzierte Repräsentantinnen des Landes. Und wenn kritische Medien daraufhin dann weniger Zugang zu so Hintergrundinformationen oder was weiß ich bekommen, dann bestimmt der Palast oder die Firma ja nicht direkt, was veröffentlicht wird, aber kann eben dann ja trotzdem beeinflussen, für wen sich das dann möglicherweise nicht lohnt, kritisch zu berichten, wenn die Zeitungen dann Einbußen haben werden, weil sie dann an andere Stories nicht mehr kommen.
Ja, also ich finde das irgendwie ganz erschreckend, wie viel Macht das Königshaus über die Medien hat hier im Land.
Doch das Foto mit Jenna ist nicht das einzige Problem des Prinzen. Allmählich werden aus Diplomatinnenkreisen Vorwürfe darüber laut, nach denen Andrew seinen Job als Handelsgesandter mit merkwürdigen Sonderwünschen verbinde. Die Zeitungen beginnen, darüber zu schreiben. Thematisiert werden insbesondere seine teuren Reisen und luxuriösen Unterkünfte, sein Umgang mit Diplomatinnen und die Vermischung privater und offizieller Reisen. Unterschwellig gären diese Gerüchte ja schon lange, sie verfestigen sich aber jetzt, weil sie zusammengetragen werden.
Es wird öffentlich, dass Andrew in seinem Dienst als Sondergesandter mit einem lybischen Waffenschmuggler Urlaub machte und Kontakt zu Oligarchen und Despoten suchte. Andrew und sein Team versuchen, eine Gegenkampagne zu starten und bringen Fürsprecherinnen in die Medien, die sich ausschließlich positiv über die Arbeit des Prinzen äußern. Doch es ist zu spät, denn, wie schon gesagt, Andrews Posten wird von den britischen Steuerzahlerinnen finanziert. Und die reagieren zunehmend verärgert auf den Royal, der ihr Geld zum Privatvergnügen verprasst.
Auch im Parlament werden Stimmen laut, die kritisieren, Prinz Andrew sei in dieser Funktion untragbar geworden. Und so ist es dann auch vorbei für Andrew. Im Sommer 2011 gibt er seinen Posten auf. Die offiziellen Gründe für seinen Rücktritt als Handelsgesandter werden nicht näher kommuniziert.
Jenna erzählt in ihren Memoiren von einem Spätsommerabend im Jahr 2015, an dem sie allein mit den Kindern zu Hause ist. Durch das Fenster sieht sie zu ihrem Entsetzen, wie sich langsam ein unbekanntes Auto ihrem abgelegenen Grundstück nähert und in der Einfahrt parkt. Bei laufendem Motor bleibt der Fahrer stehen und richtet das grelle Fernlicht minutenlang auf ihre Haustür. Jenna weiß nicht, ob sie langsam paranoid wird oder wirklich Angst haben muss. Schnell versteckt sie ihre Kinder im Schrank und sagt ihnen, sie sollen ganz still sein.
Dann holt sie einen Revolver aus dem Waffenschrank, den sie sich schon vor einiger Zeit zugelegt hat. Sie schnappt sich ihren Hund und wartet an der Tür. Doch es passiert nichts. Der Fahrer steigt nicht aus, er macht aber auch keine Innenbeleuchtung an, um sich zu erkennen zu geben. Nach einer gefühlten Ewigkeit legt er den Rückwärtsgang ein und rollt leise wieder von der Einfahrt. Jenna ruft die Polizei. Doch viel kann sie den Beamtinnen nicht sagen, denn vor lauter Panik hat sie sich das Kennzeichen des Wagens nicht aufgeschrieben.
Erst später, so sagt sie, hört sie von anderen Frauen, die von ähnlichen Erlebnissen berichten. Ein ruhiges Familienleben ist für Jenna in den nächsten Jahren jedenfalls kaum noch möglich. Auch ihr Heilungsprozess leidet darunter, dass sie ihren Missbrauch immer wieder detailliert schildert. Sie leidet unter Angstzuständen und wird von Flashbacks aus ihrer Zeit mit Jeffrey überrollt. Kraft gibt Jenna in dieser Zeit vor allem das Wissen um die vielen anderen Opfer, die ähnliche Geschichten beschreiben wie sie. Jenna sagt sich, dass sie jetzt ein Ziel habe und für eine größere Sache kämpfe.
Jeffrey Epstein und seine mächtigen Freunde rechtlich zur Verantwortung zu ziehen. Tagsüber funktioniert das ganz gut, doch nachts kommen die Albträume. Dann sieht sie Jeffrey vor sich, wie er entspannt in einem Sessel sitzt und zuschaut, wie sie Schmerzen erdulden muss. Es ist ein Traum, der immer wiederkehrt. Über Jahre. Und dann passiert 2017 etwas völlig Unvorhergesehenes, das Jenna neue Kraft verleiht. Unter dem Hashtag #MeToo geht ein Aufschrei um die Welt, bei dem Millionen Frauen öffentlich von sexueller Belästigung, Missbrauch und sexualisierter Gewalt berichten.
Für Jenna und die anderen Überlebenden aus Epsteins Zirkel ist das die Wende. Eine Reporterin des Miami Herald identifiziert rund 80 mögliche Betroffene Epsteins und spricht mit vielen über ihre Geschichten. Darunter auch mit Jenna vor der Kamera. Die Artikelserie erscheint im November 2018 und tritt endlich eine Welle los. Denn klar wird im Zuge der Berichterstattung auch, Jeffrey Epstein ist kein perverses Genie. Er wäre längst aufgeflogen, wenn man den Frauen früher geglaubt hätte.
Denn schon 1996 hatte eine Betroffene ihn wegen sexueller Übergriffe auf sich und ihre kleine Schwester angezeigt. Und seitdem Jenna sich selbst traute und erstmals an die Öffentlichkeit ging, sind mittlerweile auch schon wieder mehr als sieben Jahre vergangen. Sieben Jahre kämpft sie bereits gemeinsam mit anderen Opfern gegen ihre Ohnmacht und gegen eine offenbar taube Justiz. Doch nur ein halbes Jahr nach dem Miami Herald Artikel geht dann plötzlich alles ganz schnell. Die Bundesstaatsanwaltschaft in New York vertritt die Auffassung, dass seine alte Vereinbarung mit der Bundesstaatsanwaltschaft in Südflorida sie nicht bindet und wirft Epstein nun Menschenhandel mit Minderjährigen und eine entsprechende Verschwörung vor.
Zwischen 2002 und 2005 soll er in seinen Häusern in Manhattan und Palm Beach zahlreiche minderjährige Mädchen für sexuelle Handlungen bezahlt und einige von ihnen dafür entlohnt haben, weitere Mädchen anzuwerben. Am 6. Juli 2019 wird Jeffrey festgenommen, als er mit seinem Privatjet aus Paris in New York landet. Doch zu einem Prozess kommt es nicht. Nur etwa einen Monat nach seiner Verhaftung liegt Jeffrey tot in seiner Zelle. Die Gerichtsmedizin stuft seinen Tod als Suizid ein.
Und weil Epstein vor dem Prozess stirbt, werden die neuen Vorwürfe gegen ihn natürlich nicht vor Gericht verhandelt.
In London beschließt der Prinz schließlich, in die Offensive zu gehen. Zur Verblüffung der britischen Journalistinnen erklärt der Sohn der Königin, er wolle sich in der BBC exklusiv zu seinen Verbindungen zu Jeffrey Epstein äußern. Am 14. November 2019 ist es jedenfalls soweit. Der Prinz empfängt das Kamerateam zur Aufzeichnung direkt im Buckingham Palace. Er wirkt angesichts des Anlasses erstaunlich entspannt und gut gelaunt. Als die Kameras laufen, legt er auch direkt los.
Er habe mit Jeffrey Epstein keine Partys gefeiert, erklärt der Prinz. An ein Treffen mit Jenna könne er sich gar nicht erinnern. Das gemeinsame Foto sei möglicherweise eine Fälschung. Auf Jennas Schilderung des ersten gemeinsamen Abends im Tram sagt er, er habe nicht mit dieser Lady getanzt und schon gar nicht geschwitzt. Und wie er das erklärt, also wieso das gar nicht stimmen kann, was Jenna da sagt, das hören wir uns mal aus seinem eigenen Mund an.
Ja, schade, wenn der Körper dann auch so eine überlebenswichtige Funktion wie das Schwitzen einfach einstellt. Also da muss man ja richtig aufpassen, dass man nicht zu viel Stress hat.
Er sagt auf jeden Fall, er hätte gar nicht schwitzen können oder hat in der Zeit nicht geschwitzt aufgrund eines gesundheitlichen Problems. Ich habe da gleich gedacht, man kann ja schon seine Schweißdrüsen mit Botox irgendwie behandeln, damit man nicht mehr so doll schwitzt. Aber das ist jetzt nicht, was er da erzählt.
Doch nicht überall.
Nee.
Unter den Achseln vielleicht. Er sagt ja auch, dass das eine Folge einer Überdosis Adrenalin war, als er im Falklandkrieg da unter Beschuss geraten ist. Und diese Erklärung, das können wir ja hier schon mal sagen, ist medizinisch mehr als umstritten.
Allerdings, und das gibt er zu, sei er verärgert darüber, nach Epsteins Verurteilung noch zu diesem Kontakt gehalten zu haben. Das sei unangemessen für ein Mitglied der Königsfamilie gewesen und er würde sich dafür im Nachhinein am liebsten täglich einen Tritt verpassen. Als das Interview nach einer Stunde endet, hat er nichts mehr hinzuzufügen. Kein Wort des Bedauerns für die zahlreichen Opfer von Jeffrey Epstein. Nichts. Und ich habe mich bei dem Interview generell sehr gewundert. Also er sagt zwar, dass er es bereut, sich nach der Verurteilung weiter mit seinem alten Freund getroffen zu haben.
Er sagt aber dann, dass er jetzt die Freundschaft nicht grundsätzlich mit ihm bedauert, sondern er verweist eigentlich darauf, dass ihm diese Bekanntschaft mit Jeffrey Epstein auch nützliche Möglichkeiten eröffnet habe. Und er nennt dann auch als Punkt, dass es für ihn komfortabel zum Übernachten war, wo Jeffrey Epstein in New York gewohnt hat. Also solche Sachen sagt er dann halt in dem Interview. Und man denkt sich so, warum setzt du dich überhaupt da hin?
Was mich wundert, die Firma, wie das Königshaus ja offenbar auch genannt wird und so, die hat ja sehr viele Beraterinnen. Und dass Andrew von nichts, was Jeffrey Epstein getan hat, wusste, das kann ja nicht sein, denn das Foto von den beiden im Central Park ist ja mehr als zwei Jahre nach der Verurteilung von Epstein wegen der einen Minderjährigen da entstanden. Vielleicht hat das Königshaus ja auch gedacht, der muss weg. So, das lassen wir jetzt mal richtig eskalieren, damit alle begreifen, inklusive vielleicht auch Leute, die ihn vorher geschützt haben, dass der nicht mehr tragbar ist.
Und deswegen werfen wir ihn jetzt mal den Löwen zum Fraß vor.
Ja, ich meine, wenn man The Crown guckt und das für bare Münze nimmt, dann weiß man ja, wie viele Intrigen da am Palast stattfinden.
Ich merke gerade, wir bewegen uns hier in dieser Folge wirklich sehr weit weg, vielleicht auch von unserer Komfortzone, was so Gerüchte, Spekulationen und so angeht. Seht es uns für diese Folge nach.
Ja, also Andrew findet offenbar, dass er das richtig gut gemacht hat. Das BBC-Team bekommt auf jeden Fall nach dem Interview noch eine kleine Führung durch den Palast. Die Ernüchterung folgt dann zwei Tage später nach der Ausstrahlung des Gesprächs. Das Interview geht als vollumfängliches PR-Desaster in die Mediengeschichte ein. Der Prinz hätte jede Möglichkeit gehabt, sich als empathischer und verantwortungsvoller Mensch zu präsentieren, der um Aufklärung und Transparenz bemüht ist und gleichzeitig mit den Frauen mitfühlen kann.
Doch Andrew hatte sich für das genaue Gegenteil entschieden. Doch es dauert nicht lange, bis Andrew sich im Internet wiederfindet. Vor allem die Aussagen über sein Schweißproblem sorgen für Häme und Spott. Fotos und Memes von einem schwitzenden Royal gehen viral. Der Buckingham Palace verkündet daraufhin am 20. November 2019, vier Tage nach der Ausstrahlung des Interviews, der Prinz werde sich auf weiteres von seinen öffentlichen Verpflichtungen zurückziehen.
Für Jenna und ihre Anwältinnen ist Andrews Interview eine Steilvorlage. Seine Aussagen bieten so viele Angriffspunkte, dass sie beginnen, eine Klage vorzubereiten. Wenn schon Jeffrey nicht mehr zur Verantwortung gezogen werden kann, dann zumindest Andrew. Was genau am Ende dabei herauskommt, ist für Jenna fast Nebensache. Sie möchte nur, dass es einen Prozess gibt und der Prinz sich endlich den Fragen der Justiz stellen muss. Selbst wenn sie als Privatperson nur ein Zivilverfahren anstreben kann.
Inzwischen hat sich eine Frau gemeldet, die sich daran erinnert, den Prinzen damals im Londoner Club Tram gesehen zu haben. Sie sagt, Andrew habe sehr fröhlich gewirkt, im Gegensatz zu dem jungen blonden Mädchen an seiner Seite. Eine andere Zeugin bestätigt später unter Eid, dass Jenna und Andrew bei einem Treffen in New York gemeinsam anwesend waren und beschreibt auch die Szene mit der Andrew-Puppe. Im Dezember 2019 ist es dann Jenna, die im Sender BBC im Rahmen einer Dokumentation vor das britische Publikum tritt.
Mit ruhiger Stimme erklärt sie, dass sie diesen Kampf führe, weil es eben nicht um einen boulevardesken Sexskandal gehe, sondern um eine Maschinerie aus Missbrauch. Sie zeigt sich entschlossen und kämpferisch. Sie sei eine Kriegerin, sagt sie, aber innerlich bricht Jenna in dieser Zeit allmählich zusammen. Und ihr Mann Robbie kann nur machtlos dabei zusehen. Jenna sei eine Kriegerin, stimmt er ihr damals zu, aber eine, die ihr Schlachtfeld nie verlasse. Er habe Angst, dass sie das eines Tages umbringe. Doch Jenna hat schon so viele Jahre darum gerungen, dass man den Opfern endlich zuhört.
Nun glaubt sie, jeden Moment nutzen zu müssen, indem es endlich mal jemand tut. Sie wirft sich also wieder mit voller Wucht in den Kampf um Gerechtigkeit, der neben ihrer Familie zu ihrem einzigen Lebensinhalt geworden ist. Und dann, am 9. August 2021, dem Tag ihres 38. Geburtstags, ist es soweit. Die Anklageschrift ist fertig. Virginia Roberts Geoffrey, wie sie heute heißt, reicht eine Zivilklage gegen Prinz Andrew ein. Darin wirft sie ihm vor, sie im Alter von 17 Jahren bei drei Begegnungen sexuell missbraucht zu haben.
Sie habe den sexuellen Handlungen nicht zugestimmt, sondern sei durch Drohungen und das Machtgefüge um Epstein und Maxwell dazu gezwungen worden. Laut der Anklageschrift habe Andrew gewusst, dass sie ein Opfer von Menschenhandel war und die Handlung nicht freiwillig vornahm. Bei der ersten Begegnung im Londoner Haus von Ghislaine Maxwell sei es außerdem gegen ihren Willen zum Geschlechtsverkehr gekommen. Dadurch habe sie schwere und lang anhaltende seelische Schäden erlitten.
Andrew hält sich zu dieser Zeit im schottischen Balmoral auf. Doch zunächst gibt es Streit darüber, ob Jennas Klage dem Prinzen überhaupt wirksam zugestellt worden ist. Ende August 2021 werden die Unterlagen am Tor seines Wohnsitzes der Royal Lodge in Windsor, einem dort diensthabenden Polizeibeamten, übergeben. Andrews Anwältinnen bestreiten jedoch, dass dies als offizielle Zustellung gilt. Im September verständigen sich beide Seiten schließlich darauf, dass die Klage mit Wirkung zum 21.
September offiziell als zugestellt gilt. Doch Andrews Anwältinnen versuchen weiterhin, das Verfahren zu stoppen. Sie argumentieren unter anderem, dass Andrew durch die außergerichtliche Einigung geschützt sei, die Jeffrey 2009 mit Jenna geschlossen hatte. Denn damals hatte sie nicht nur Epstein, sondern sehr weit gefasst auch mögliche weitere Beklagte von Ansprüchen freigestellt. Andrews Anwältinnen argumentieren, dass auch er darunter falle und die Klage deshalb abgewiesen werden müsse. Im Januar 2022 entscheidet ein US-Bundesgericht in New York aber gegen Andrew.
Das Verfahren kann damit zunächst weitergehen. Für Andrew geht es nun bergab. Ein Tag später verliert er auf Anweisung seiner Mutter sämtliche militärische Titel. Am 19. Januar werden dann auch seine Profile in den sozialen Netzwerken gelöscht. Andrew sagt, er würde sich einem Prozess stellen, doch dazu kommt es nicht mehr. Andrews Anwältinnen und Jennas Seite handeln eine außergerichtliche Einigung aus. Am 15. Februar 2022 teilen sie mit, dass sie sich grundsätzlich geeinigt haben.
Wenige Wochen später wird das Verfahren endgültig eingestellt. Wie viel Andrew dafür zahlt, bleibt vertraulich. Britische Medien schätzen die Gesamtsumme später auf ungefähr 10 bis 12 Millionen Pfund. Öffentlich bekannt ist lediglich, dass Jenna eine nicht genannte Zahlung erhält und Andrew außerdem eine beträchtliche Summe an ihre Opferhilfsorganisation spenden will. In der gemeinsamen Erklärung erkennt Andrew an, dass Jenna ein Opfer von Missbrauch geworden ist und unter öffentlichen Angriffen gelitten hat.
Er erklärt außerdem, seine Verbindung zu Epstein zu bedauern. Dass er Jenna selbst missbraucht habe, räumt er jedoch nicht ein. Der Vergleich enthält kein Schuldeingeständnis und ihre Vorwürfe werden nicht vor Gericht geprüft. Jenna hat der außergerichtlichen Vereinbarung zugestimmt. Sie merkt, dass sie langsam auf ihre Gesundheit achten muss. Häufig leidet sie mittlerweile unter starken Schmerzen, die auf keine eindeutige körperliche Ursache zurückzuführen sind. Sie fühlt sich wie ausgebrannt. Seit einem Jahr arbeitet sie außerdem daran, eine Hilfsorganisation für Überlebende von sexuellem Missbrauch und Menschenhandel aufzubauen.
Mit Andrews Geld könnte sie daraus rasch ein riesig großes Projekt machen. Und sie möchte endlich an die Zukunft denken und nicht immer und immer wieder ihre Vergangenheit ausbreiten. Am 15. Februar 2022 geben dann beide Parteien die außergerichtliche Einigung bekannt. Diese Einigung spreche für sich, kommentiert einer von Jennas Anwältinnen und überlässt das Übrige den Interpretationen. Die außergerichtliche Einigung sorgt dennoch für heftige Reaktionen. Viele Menschen fragen sich, warum Andrew einem Vergleich zustimmt, obwohl er erklärt hat, sich an keine Begegnung mit Jenna erinnern zu können und ihre Vorwürfe weiterhin bestreitet.
Auch wenn die Zahlung rechtlich gesehen kein Schuldeingeständnis ist. Aber nicht nur Andrew wird öffentlich im Netz kritisiert, auch Jenna. Sie habe es Andrew erlaubt, sich frei zu kaufen. Den betroffenen Mädchen bringe sie damit keine Gerechtigkeit. Die Anschuldigungen treffen Jenna hart, auch wenn sie die Enttäuschung, die aus solchen Sätzen spricht, verstehen kann. Sie ist nach außen stets so entschlossen und kämpferisch aufgetreten, dass nur für ihr enges Umfeld sichtbar wurde, welchen Preis sie und auch ihre Angehörigen dafür bezahlt haben.
Und das finde ich auch so, mir fällt gar kein Wort ein, ich finde das einfach so abartig, dass sie im Netz dafür quasi an den Pranger gestellt wird.
Ich finde, es ist ein schwieriges Thema, weil am Ende ist es ihr Schicksal und in diesem Fall durfte sie entscheiden, welche Konsequenzen Prinz Andrew, dem sie das ja vorgeworfen hat, zu tragen hat. Also im weitesten Sinne von, muss der sich jetzt einem Prozess stellen oder nicht und dann zahlen. Gleichzeitig kann ich natürlich diese Enttäuschung darüber nachvollziehen, dass Andrew strafrechtlich jetzt nie zur Verantwortung gezogen wurde.
Ja, klar.
Wegen vieler Sachen. Also möglicherweise, weil es schon 20 Jahre zurückliegt, Tatorte in verschiedenen Ländern, gab kaum Beweise, die vielleicht Bestand gehabt hätten und so. Und dass man dann halt sagt, naja, wir hatten zumindest gehofft, dass es zu einer gerichtlichen Entscheidung in einem Zivilprozess kommt. Also finde ich irgendwie verständlich, aber auch da, und das ärgert mich daran, wäre es ja abgesehen davon auch nicht um eine Haftstrafe oder eine strafrechtliche Verurteilung gegangen, sondern am Ende dann ja auch um Geld.
Und der Reflex, den es bei vielen Leuten gegeben hat, dann zu sagen, Jenna ist käuflich oder so, das finde ich halt nicht okay, weil die Öffentlichkeit ja auch nicht mitbekommt, was das alles mit ihr macht.
Genau. Und man muss ja auch mal ein bisschen realistisch sehen, ja. Also dass in einem Zivilprozess am Ende ein Gericht in der UK entscheidet, dass jemand 10 Millionen Pfund bezahlt oder welche Summe da jetzt auch geflossen ist, wissen wir ja, eigentlich ist es unmöglich, dass das passiert, ja. Also wenn man auch mal das sozusagen sieht, da kann ich zumindest verstehen, ihre Gedanken dazu, vor allem in Bezug auf ihre Hilfsorganisation, die sie gegründet hat, für die sie dann das Geld ja einsetzen will, sozusagen, und damit ja am Ende ja trotzdem etwas Gutes für Missbrauchsopfer tut.
Also heißt, mit dieser Einigung wurde die Klage beendet, ohne Urteil und ohne Schuldeingeständnis von Andrew. Nach der außergerichtlichen Einigung mit Andrew soll Jennas Leben nun endlich wieder privat und friedlich verlaufen. Jenna freut sich auf einen langen Strandurlaub mit ihrer Familie in Australien. Doch kurz vor dem geplanten Familienurlaub erkrankt Jenna nach eigener Schilderung schwer an Covid. Ihre Sauerstoffsättigung sinkt, ihre Hände und Füße werden taub und ihr linker Arm fühlt sich dauerhaft eingeschlafen an. Ihr Mann bringt sie daraufhin ins Krankenhaus.
Als sie dort allein in ihrem Zimmer liegt, verschlechtert sich Jennas psychischer Zustand erheblich. Später beschreibt sie, wie alte Traumata und jahrelange Belastungen in dieser Zeit wieder mit voller Wucht zurückkehren. Sie habe zunehmend geglaubt, ihrer Familie nur noch Sorgen zu bereiten und schließlich versucht, sich das Leben zu nehmen. Weil sie sofort medizinisch versorgt wird, überlebt sie. Doch nur wenige Tage nach ihrer Entlassung unternimmt sie einen weiteren Suizidversuch. Auch diesen überlebt sie. Aber der Kampf, der ihr Leben so lange bestimmt hat, ist damit noch nicht vorbei.
Und wird am Ende trotzdem seinen Tribut fordern.
Im September 2022 stirbt Andrews Mutter, Königin Elizabeth, im Alter von 96 Jahren auf Schloss Balmoral. Die Frau, die ihn so oft unterstützt hat. Als Andrew während einer Trauerfeier ihrem Sarg hinterherschreitet, wird er von einigen Zuschauer*innen beschimpft. Im darauffolgenden Mai darf Andrew zuschauen, während sein älterer Bruder Charles zum König gekrönt wird. Er muss abseits der Familie sitzen und sich Buchrufe anhören. Hunderte protestieren auf der Straße.
Ein Mann hält ein Schild in die Luft, auf dem steht "God save Virginia". Am liebsten würde das Königshaus Andrew wohl aus der Öffentlichkeit ziehen und alles Weitere unter den roten Teppich kehren. Doch die Liste seiner Verfehlungen ist lang. Detailliert beschäftigen sich Journalist*innen mit den Dienstreisen des Prinzen, mit deren Finanzierung und dem potenziellen Amtsmissbrauch. Andrews Absturz geht also unaufhaltsam weiter. König Charles streicht ihm finanzielle Zuwendungen, auch für seine Leibwächter soll er künftig selber aufkommen.
Am 30. Oktober 2025 veröffentlicht der Buckingham Palace dann ein Statement. Prinz Andrew soll seinen royalen Status verlieren, seine Titel und Auszeichnungen. Künftig heiße der Mann Andrew Mountbatten-Windsor, stellt der Palast klar. Ohne weitere Zusätze. Kein Prinz mehr. Das Märchen vom Prinzen, das schon immer eher ein Albtraum war, ist offiziell vorbei. Für Andrew bedeutet das auch, er muss umziehen und die königlichen Residenzen räumen.
Der gefallene Prinz zieht sich vorübergehend in die Woodfarm auf dem privaten Landsitz der Familie in Sandringham zurück. Dorthin, also wo er im Februar 2026 am frühen Morgen seines 66. Geburtstags verhaftet wird. Er wird am Abend wieder freigelassen, aber die Ermittlungen gegen ihn halten bis heute an. Im Raum steht der Verdacht des Amtsmissbrauchs während seiner Zeit als britischer Handelsgesandter. Unter anderem soll Andrew vertrauliche Informationen an Jeffrey Epstein weitergegeben haben.
Inzwischen prüfen die Ermittler*innen aber auch, ob es im Zusammenhang mit seinem damaligen Amt zu sexuellem Fehlverhalten gekommen sein könnte. Angeklagt wurde Andrew bislang nicht. Er bestreitet jegliches Fehlverhalten.
Jenna hat Andrews sozialen Abstieg und seine Festnahme in diesem Jahr nicht mehr erlebt. Am 25. April 2025 nimmt sie sich in ihrem Zuhause in Australien das Leben. "Es gibt Teile von mir, die sich nie wieder zusammensetzen lassen", hat sie einmal gesagt. Und trotzdem hat Jenna immer wieder öffentlich über den Missbrauch durch Epstein und dessen Umfeld gesprochen. Und über ihre Vorwürfe gegen Prinz Andrew. Und über ein System, in dem Geld, Einfluss und Macht offenbar ziemlich lange dafür sorgen konnten, dass Menschen mit Dingen davonkommen, für die andere längst zur Verantwortung gezogen worden wären.
Aber mit Jennas Tod sind die Frauen nicht verstummt. In den USA fordern die sogenannten Survivor Sisters weiterhin eine lückenlose Aufklärung über Jeffrey Epstein und sein Umfeld. Hinter dem Namen steht eine Gruppe von Frauen, die nach eigenen Angaben selbst Opfer von Epstein und seinem Netzwerk wurden. Denn die Aufarbeitung ist bis heute nicht abgeschlossen. Inzwischen wurden in den USA Millionenseiten aus den Epstein-Files veröffentlicht. Einer Sammlung zuvor unter Verschluss gehaltener Gerichtsunterlagen rund um Epstein und sein Umfeld.
Trotzdem fordern die Survivor Sisters weitere Transparenz und vor allem Konsequenzen. Sie wollen wissen, wer noch an Epsteins System beteiligt war, wer davon wusste und warum neben Epstein und Ghislaine Maxwell bislang kaum jemand strafrechtlich zur Verantwortung gezogen wurde. Denn Maxwell, thank God, wurde ja Ende 2021 in den USA schuldig gesprochen, minderjährige Mädchen für Epstein angeworben und damit zu deren sexuellem Missbrauch beigetragen zu haben. Rund ein halbes Jahr später wird sie zu 20 Jahren Haft verurteilt.
Beim Strafmaß hält die Richterin ausdrücklich fest, dass die Gerichtsakten die Feststellung stützen, Maxwell habe auch Jenna als minderjährige persönlich für sexualisierte Massagen bei Epstein angeworben. In dieser Geschichte gab es für Jenna kein Happy End. Und vielleicht passt das auch zu einer Geschichte, die zwar von einem Prinzen und Palästen erzählt, aber nie ein Märchen war.
Und klar ist diese Geschichte nicht schön für Jenna ausgegangen und war von Anfang an furchtbar, furchtbar, furchtbar. Aber was man ja sagen muss, mit ihrer Stimme und was sie mit ihrem Kampf geschafft hat, muss man ihr ja trotzdem richtig anrechnen und ich hoffe so, dass sie sich das selber auch irgendwie angerechnet hat und stolz darauf war, dass sie halt so lange gekämpft hat.
Ja, also so tragisch die Geschichte auch ist, die macht mir auch irgendwie Mut, weil wir hatten jetzt dieses Jahr schon so ein paar darüber, die gezeigt haben, dass die Zeit heute eine andere ist und dass es mächtigen Menschen und Institutionen jetzt nicht mehr so leicht gemacht wird, Vorwürfe abzuwehren oder unter den Teppich zu kehren und so. Und dass wir halt eben heute durch so investigative Recherchen und soziale Medien und halt Bewegungen wie MeToo Voraussetzungen geschaffen haben dafür, dass Betroffene sich auch untereinander finden können und die Erfahrungen sichtbar machen und so dann halt eben auch Druck erzeugen können.
Ja, total.
Weil gerade so jemand wie Andrew oder Jeffrey Epstein, die ja Status haben, die Geld haben, die die besten Anwält*innen finanzieren können, Kontakte haben und die Betroffenen natürlich auch wahnsinnig unter Druck setzen können, die können sich ja quasi so eine Art Schutzschild bauen. Jetzt nicht unbedingt freikaufen von Strafe oder so, aber da entsteht ja ein unfassbares Machtgefälle. Gerade wenn man sich wie Ghislaine Maxwell und Jeffrey Epstein immer Mädchen ausgesucht hat, die natürlich auch aus schwierigen Verhältnissen kamen wie Jenna und die verletzlich waren und die finanziell in Not waren auch.
Also von daher, wie du schon sagst, Jenna hat ja eigentlich total ein Vermächtnis hinterlassen, weil sie ja offenbar maßgeblich daran beteiligt war, dass Epstein irgendwann mal zu Fall gebracht wird und dass das alles rauskommt.
Ja, und ihr Vermächtnis, das wirkt ja bis heute nach. Also dieses Jahr zum Beispiel wurde das sogenannte Virginias Law eingebracht. Das ist ein nach ihr benannter Gesetzesentwurf, der die Verjährungsfrist für bestimmte Zivilklagen von Opfern sexuellen Missbrauchs und Menschenhandels abschaffen soll.
Ja, so viel zu dieser Folge. Nächste Woche geht es hier um einen Ausflug, den zwei Freunde gemeinsam unternehmen und um eine Mutprobe, die für einen jungen Mann dann tödlich endet. Nur was bei dem Ausflug passiert, das bleibt sehr lange im Verborgenen. Bis dahin.
Tschüss. Bye bye. Das war ein Podcast der Partner in Crime in Zusammenarbeit mit Studio Boomins. Hosts: Paulina Kraser und Laura Wohlers. Redaktionelle Leitung: John Hantschin und wir. Redaktion: Andrea Ritter und wir. Schnitt: Pauline Korb. Rechtliche Abnahme und Beratung: Abel und Kollegen.
Triggerwarnung: In dieser Folge geht es um Suizid und sexualisierte Gewalt.
Prinz Andrew kommt 1960 als Sohn von Queen Elizabeth II. in eine Welt, in der es ihm an kaum etwas fehlt. Er wächst in Palästen auf, macht Karriere beim Militär und führt später ein Leben zwischen royalen Verpflichtungen, exklusiven Partys und einem internationalen Freundeskreis.
Fast vier Jahrzehnte später wird Virginia - genannt Jenna - Roberts in den USA geboren. Ihre Kindheit verläuft vollkommen anders. Schon früh erlebt sie Gewalt und Missbrauch, läuft von zu Hause weg und versucht immer wieder, ihrem bisherigen Leben zu entkommen. Als Teenagerin arbeitet sie schließlich in einem Luxusresort in Florida. Dort begegnet sie einer Frau, die ihr eine außergewöhnliche Chance verspricht: Ghislaine Maxwell.
Zwei Biografien, die unterschiedlicher kaum beginnen könnten. Doch im März 2001 führen sie nach London und zu einer Begegnung, die Jahre später nicht nur das Leben von Jenna, sondern auch das des britischen Prinzen grundlegend verändern wird.
In dieser Folge von „Mordlust – Verbrechen und ihre Hintergründe“ erzählen wir die Geschichte von Virginia Giuffre und Prinz Andrew. Wir zeichnen nach, wie ihre Lebenswege in das Umfeld von Jeffrey Epstein und Ghislaine Maxwell führen, was Virginia über ihre Begegnungen mit Andrew berichtet und wie aus einem Schnappschuss schließlich ein Bild wird, das um die Welt geht. Es geht um Macht und Abhängigkeit, um ein Netzwerk aus Reichtum und Einfluss – und um Vorwürfe, die Prinz Andrew bis heute bestreitet.
Credit
Produzentinnen/ Hosts: Paulina Krasa, Laura Wohlers
Redaktion: Paulina Krasa, Laura Wohlers, Jon Handschin, Andrea Ritter
Schnitt: Pauline Korb
Rechtliche Abnahme: „Abel und Kollegen“; Benedikt Müller
Quellen (Auswahl)
Andrew Lownie: „Entitled. The Rise and Fall of the House of York“
Virginia Roberts Giuffre: „Nobody’s Girl. A Memoir of Surviving Abuse and Fighting for Justice“
The Mail on Sunday: https://t1p.de/4x7xa
CourtListener: https://t1p.de/qma78
U.S. District Court, Southern District of New York: https://t1p.de/1kg8k
CourtListener: https://t1p.de/ab4tu
CourtListener: https://t1p.de/fh71u
Miami Herald: https://t1p.de/6oske
Miami Herald: https://t1p.de/pxjgt
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