Diese Folge von Mordlust erzählt die Geschichte von Theo Raubach und seinem Freund Vincent Jahn, deren Freundschaft von Mutproben und Machtfragen geprägt war und in einem tödlichen Verbrechen endete. Die Psychotherapeutin Franca Cerutti und der Mediziner Christoph Specht ordnen ein, warum junge Männer Mutproben als Beweis von Männlichkeit erleben, wie Neid in Freundschaften entstehen kann und wie Unterkühlung den Körper angreift.
Außerdem schildern die Hosts den Fall von Theos Verschwinden über den Höhlenfund bis zum Prozess, in dem Gericht und Verteidigung zu unterschiedlichen Ergebnissen kamen. Hörende erfahren, welche Fragen zur Freundschaft offen blieben und was sich daraus lernen lässt.
In dieser Folge Laura Wohlers, Paulina Krasa, Christoph Specht, Franca Cerutti
Das Transkript dieser Folge über Theo Raubach wurde mit der Technologie erstellt, die HappyScribe für Protokoll schreiben mit KI einsetzt.
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Mordlust.
Herzlich willkommen bei "Mordlust", einem Podcast über wahre Verbrechen, produziert von der Partner and Crime in Zusammenarbeit mit Studio Bummens. Mein Name ist Paulina Krasa, und in jeder Folge hört ihr hier in der Regel einen Kriminalfall aus Deutschland. Heute ist das aber mal wieder anders, aber wir schauen trotzdem auf die juristischen, psychologischen oder gesellschaftlichen Aspekte dieses Falls und sprechen mit Menschen mit Expertise, Beteiligten oder Betroffenen. Ja, und dass True Crime eben auch heißt, dass hinter jedem Fall echte Menschen und ihre Schicksale stehen, solltet ihr beim Hören bitte nicht vergessen.
Wir berücksichtigen das auch immer bei unserer Arbeit. Wenn ihr aber merkt, dass euch bestimmte Themen nicht gut tun, dann passt lieber auf euch auf und skippt die Folge. Und weil wir bei all der Schwere zwischendurch aber mal etwas Luft brauchen, sind hier auch manchmal kleine Abschweifungen erlaubt, das ist aber natürlich nicht despektierlich gemeint. Ja, und der Fall, von dem ich heute erzähle, der zeigt, dass sich Neid manchmal gerade gegen die Menschen richtet, die wir besonders nah an uns heranlassen, weil ihr Glück uns vor Augen führen kann, was uns selbst fehlt.
Alle Namen der beteiligten Personen dieses Falls haben wir geändert, und zusätzlich haben wir diesmal zum Schutz der Beteiligten auch einige personenbezogene Daten verändert. Das Verbrechen an sich bleibt aber von diesen Änderungen natürlich unberührt. Ich weiß nicht, wie es bei euch ist, ob ihr gerne wandern geht. Ich absolut überhaupt nicht, und wenn ich schon das Wort "wandern" oder "hiken" höre, bin ich absolut raus. Ich kann auch mit diesem Satz "der Weg ist das Ziel" überhaupt nichts anfangen. Ich brauche immer ein richtiges und für mich vor allem ein sinnvolles Ziel.
Und wer das ganz genau weiß, ist Laura, und deswegen jubelt sie mir Wanderungen manchmal unter, so wie ich Fussel seine Tabletten unterjubel, wenn er krank ist, also verpackt in was Schönem, ja. Bei Fussel ist es dann ein Stück Käse, und in meinem Fall wird dann einfach behauptet, man würde jetzt zu einem Ausflugsziel gehen, das sich bestimmt lohnt, also keine Ahnung, Wasserfall oder zu einem tollen Café, das ich bis dahin dann 8 Kilometer latschen muss, das verrät Laura mir dann immer erst, wenn es schon zu spät ist. An den Ort, an dem unsere heutige Geschichte beginnt, würde ich mich also vermutlich nicht verirren, denn sie führt uns auf einen Berg im Norden der Schweiz, auf dem am Sonntag, dem 5.
April 2020, eine Familie wandert. Dort winden sich schmale Pfade den bewaldeten Hang hinauf. Stellenweise ist der Aufstieg steil, der Boden uneben und von Wurzeln und losem Gestein durchzogen. Immer wieder öffnet sich zwischen den Bäumen der Blick auf die umliegende Landschaft. Bei klarer Sicht reicht er bis zu den Alpen. An den schroffen Felswänden des Berges befinden sich Spalten und kleine Sandsteinhöhlen. Einige von ihnen liegen zwar abseits der breiteren Wege, werden aber trotzdem immer wieder von Wandernden, Jugendlichen und anderen Neugierigen aufgesucht.
Doch wer dahin will, muss die befestigten Pfade verlassen und sich über schmale Wege durch das abschüssige Gelände bewegen. Auch die Familie wählt an diesem Tag einen solchen Aufstieg. Schritt für Schritt arbeitet sie sich durch den Wald bis zu einer Felswand vor, an der sich eine dieser Sandsteinhöhlen befindet. Eigentlich müsste sich hier eine kleine Öffnung im Gestein auftun, eine, die gerade einmal groß genug ist, dass sich ein erwachsener Mensch flach auf dem Boden hindurchzwängen kann, um in den Hohlraum zu gelangen.
Doch an der Stelle, an der sich der Fels eigentlich öffnen müsste, ist nichts als Erde und Geröll zu erkennen. Lose Steine, Äste und freiliegende Wurzeln bedecken die Felswand so dicht, dass der Hang an dieser Stelle beinahe geschlossen wirkt. Von einem Höhleneingang fehlt jede Spur. Also beginnen die Familienmitglieder Erde, große Gesteinsbrocken, kleinere Steine und Äste beiseite zu räumen. Es dauert eine Weile, doch schließlich kommt ein schmaler, dunkler Spalt zum Vorschein. Mit einer Taschenlampe wollen sie in das dunkle Innere der Höhle hineinleuchten.
Doch dann entdecken sie etwas, was seit einem Jahr hinter dem verschütteten Zugang verborgen liegt. Und was hier definitiv nicht hingehört. Mehr als ein Jahr, bevor der Familienausflug auf dem Schweizer Berg eine überraschende Wendung nimmt, winden sich im Europapark im baden-württembergischen Rust die Schienen der Achterbahnen hoch in den Himmel. Zwischen dem Silvester, einer der höchsten Stahlachterbahnen Europas, dem Aussichtsturm Eurotower und der Wildwasserbahn Poseidon vermischt sich das Rattern der Wagen mit den Schreien der Fahrgäste.
Von Italien nach Frankreich sind es in dem Freizeitpark nur wenige Schritte. Hinter jeder Ecke wartet ein anderes Stück Europa. Und mittendrin ziehen durch die verschiedenen Themenwelten der 24-Jährige Theo Raubach und sein Freund Vincent Jahn. Das Lächeln, das so typisch für den dunkelblonden Theo ist, dürfte heute noch ein wenig breiter sein. Denn genau solche Unternehmungen liebt Theo. Städtetrips, Wanderungen, ein Besuch im Freizeitpark, Hauptsache raus, etwas sehen und erleben, am liebsten mit jemandem wie Vincent.
Doch Ausflüge wie heute, gemeinsam mit einem Freund zu erleben, waren in den letzten Jahren rar. Auf einen großen Freundeskreis kann der 24-Jährige Theo nicht gerade blicken. Eigentlich auf gar keinen. Einsam ist Theo zwar nicht, er hat eine liebevolle Familie, lebt mit seinen Eltern und seinen beiden Schwestern unter einem Dach und wird auch von seinem Umfeld gemocht und geschätzt, aber so richtig enge Freund:innen hat er kaum. Theo hat eine Entwicklungsverzögerung und eine leichte kognitive Beeinträchtigung. Außerdem stottert er.
Vielleicht ist auch das ein Grund, der es ihm erschwert, Kontakt außerhalb der Arbeit zu anderen aufzubauen. Theo hat eine Ausbildung bei einem Unternehmen abgeschlossen, das Fahrzeuge ausstattet, und ist dort fest angestellt. Seine Arbeit beschert ihm nicht nur Anerkennung, sondern auch ein festes Einkommen. Ganz im Gegensatz zu Vincent, weshalb es eigentlich immer Theo ist, der die gemeinsamen Ausflüge und Unternehmungen finanziert. Aber das ist es Theo wert. Denn Vincent ist für ihn nicht einfach nur irgendjemand, mit dem er hin und wieder etwas unternimmt, er ist der Freund, der Theo so lange gefehlt hat.
Dabei kennen sich die beiden zu diesem Zeitpunkt erst seit einigen Wochen. Vincent, ein schlanker junger Mann mit kurzen hellbraunen Haaren, ist mit seinen 19 Jahren fast 5 Jahre jünger als Theo. Aber wenn man die beiden zusammen sieht, fällt der Altersunterschied kaum auf. Auch weil Theo jünger wirkt, als er ist. Während Theo nach so einem Ausflug zu seiner Familie zurückkehrt und am Montag wieder die Arbeit auf ihn wartet, lebt Vincent allein und ohne geregelte Beschäftigung. Er ist arbeitslos und auf staatliche Unterstützung angewiesen, von der auch seine Wohnung bezahlt wird.
Zu seiner Familie hat er nicht den besten Draht. Auch wenn Theo und er ähnliche Freude an den Unternehmungen zusammen haben, könnten die Welten, in die sie danach zurückkehren, kaum unterschiedlicher sein. In den nächsten Wochen folgen weitere Ausflüge. Theo und Vincent gehen wandern, besuchen verschiedene Städte und verbringen mehr Zeit miteinander. Doch je besser sich die beiden kennenlernen, desto deutlicher zeigt sich, so viel sie auch zu verbinden scheint, sind sie vom Wesen her grundverschieden. Vincent gibt gerne den Ton an.
Er wirkt bestimmend, weiß sich durchzusetzen und sagt gerade heraus, wenn etwas nicht nach seinen Vorstellungen läuft. Theo hingegen ist gutmütig und darauf bedacht, dass es harmonisch ist und es keinen Streit gibt. Und genau daran findet Vincent, müsse sich etwas ändern. Theo müsse selbstbewusster werden. Mutiger. Stärker. Ein richtiger Mann eben. Und Vincent wolle ihm zeigen, wie das geht. Mit Mutproben. Welche Herausforderungen Theo bestehen muss, entscheidet Vincent, und mit jeder bestandenen Aufgabe könne Theo einer besseren Version von sich ein Stück näher kommen.
Theo erklärt sich bereit. Was es bedeuten soll, ein richtiger Mann zu werden, erfährt Theo wenig später auf dem Geländer einer Brücke. Seine Aufgabe ist es, darüber zu balancieren. Vorsichtig setzt Theo einen Fuß vor den anderen und versucht, das Gleichgewicht zu halten. Ein falscher Schritt, und er könnte abrutschen. Vincent steht währenddessen mit dem Handy daneben und filmt die Mutprobe. Doch statt Theo anzufeuern, macht er sich über ihn lustig. Darüber, wie ungeschickt er sich anstellt. Theo balanciert trotzdem weiter.
Ich weiß nicht, wann ihr das letzte Mal eine Mutprobe gemacht habt. Also ich spiele schon gerne Chance. Ich weiß nicht, ob das allen ein Begriff ist, aber wenn ich jetzt zu Laura sage: "Chance, dass du jetzt auf einem großen Platz mit vielen Menschen dich hinstellst und schreist: 'Ich hör Mordlust zum Entspannen!'" oder so was, ja. Und dann denkt sie sich eine Zahl zwischen 1 und 20 und ich, und die sagen wir dann gleichzeitig laut. Und wenn wir jetzt zum Beispiel beide die 17 hätten, dann müsste sie das machen. Also heißt, da geht es schon auch um Mut, aber es geht halt in der Regel eher um so unangenehme Situationen und nicht um gefährliche.
Laura und ich wären jetzt laut Franka Cerutti, aber auch nicht die typische Altersklasse für so was. Franka ist Psychotherapeutin, Autorin und hostet den wirklich tollen Podcast "Psychologie to go" und sagt: "Gerade in der Jugend und im Erwachsenenalter werden Grenzen ausgetestet und auch Risiken eingegangen."
Also das wissen wir auch kulturübergreifend, dass die Jugend so eine Lebensphase ist, in der Menschen Grenzen austesten, sich erproben, sich auch körperlich erproben. Und da zeigt sich das bei jungen Männern, dass vor allen Dingen auch physisch und körperlich gerne ausgetragen wird. Und darüber hinaus ist es eben so, dass auch wiederum kulturell verwoben Männlichkeit etwas zu sein scheint, von dem viele Menschen nicht den Eindruck haben: "Na ja, klar, ich wachse heran, das ist ein biologischer Fakt und dann bin ich irgendwann ein Mann."
Sondern das scheint was zu sein, was viele Menschen sich irgendwie erarbeiten oder verdienen müssen und auch ständig wieder unter Beweis stellen müssen, dass sie wirklich sehr, sehr männlich sind.
Ob jemand dabei als männlich gilt, entscheidet also nicht unbedingt die Person, die die Mutprobe macht. Gerade im jungen Erwachsenenalter bekommt die Anerkennung durch Gleichaltrige ein enormes Gewicht. Sie beeinflusst den eigenen Selbstwert, sagt Franka, und die Stellung innerhalb einer Gruppe. Die Maßstäbe, nach denen in der Gruppe über Männlichkeit geurteilt wird, die entstehen aber natürlich nicht erst in der Gruppe selbst, sondern die werden viel früher erlernt und wiederum von anderen mitgegeben.
Also was als männlich gilt, ist schon sehr stark geschlechtsrollenstereotyp von Generation zu Generation übertragen. Und Männer oder sehr männliche Männer sind eben stark, angstfrei, können ihre Emotionen beherrschen, sind im Unterschied dazu eben nicht ängstlich, nicht weinerlich, leiden nicht unter Schmerzen. Und das müssen sie beweisen, am besten auch noch vor Publikum, weil sie sonst eben als unmännlich gelten oder auch aus einer Gruppe ausgeschlossen werden.
Soziale Anerkennung, sagt Franka, aktiviere bei jungen Menschen sogar messbar das Belohnungssystem im Gehirn. Die Fähigkeit, Impulse zu kontrollieren und mögliche Folgen abzuwägen, reife dagegen häufig erst später vollständig aus. Der Wunsch nach Anerkennung könne sich deshalb in dem Moment wichtiger anfühlen als die Frage, wie gefährlich eine Mutprobe eigentlich sei. Besonders groß werde der Druck, wenn die Forderung von jemandem komme, dessen Anerkennung darüber entscheide, ob man dazugehöre.
Die Idee und auch, was gemacht werden soll, das kommt häufig von einer statusstärkeren Person, also häufig von einer Person in der Gruppe, die das Sagen hat. Das sind manchmal ältere Personen oder welche, die schon länger dabei sind, also jedenfalls Personen, die mitentscheiden können, wer dazugehört und wer nicht. Und das sind diejenigen, die die Mutprobe häufig abverlangen. Von denjenigen, die eher unsicher sind, die ihren Platz noch suchen, die vielleicht in ihrer Identität auch überhaupt noch nicht so gefestigt sind.
Bei Theo und Vincent, da gibt es ja jetzt keine größere Gruppe, vor der Theo seinen Mut beweisen muss. Also es sind nur die beiden, aber das bedeutet nicht, dass der soziale Druck deshalb geringer ist. Im Gegenteil, sagt Franka, je näher uns jemand steht und je wichtiger uns diese Beziehung ist, desto größer kann auch der Einfluss dieses Menschen auf uns werden.
Wenn jetzt die eine Person unglaublich an dieser Freundschaft hängt oder dieser Kontakt sehr wichtig ist für die Identität, dann ist diese Mutprobe ja auch ein Freundschaftstest oder ein Treue-Test oder so was. Und da kann man dann schon fast gar nicht nein sagen, weil man dadurch ja die Freundschaft aufs Spiel setzen würde. Und das wäre ein Verlust, der, je nachdem, wie man psychisch so aufgestellt ist, einem wirklich, ja, also gar nicht zu verkraften erscheint.
Das wäre dann noch schmerzhafter als alles, was man sich da zufügt.
Theo ist die Freundschaft mit Vincent so wichtig, dass er sich in den folgenden Wochen auf immer neue Mutproben einlässt, die zunehmend schwieriger werden. Vincent bestimmt, was getan wird, und lässt weder ein Zögern noch ein Nein gelten. Trotzdem macht Theo weiter und will zeigen, wie viel Kraft und Geschicklichkeit in ihm steckt. Und vor allem, wie mutig er ist. Obwohl Theo die Aufgaben meistert, verändert sich mit den Mutproben aber etwas. Anfangs sind sie noch eine ungewöhnliche und auch vielleicht aufregende gemeinsame Beschäftigung, die Theo ja auch offenbar bei seiner Entwicklung helfen soll.
Doch mit jeder neuen Aufgabe rückt der Spaß daran merkbar in den Hintergrund. Die Mutproben werden gefährlicher und verlangen Theo immer mehr ab. Schon bald blickt Theo den Treffen mit Vincent nicht länger unbeschwert entgegen. Stattdessen rechnet er jetzt damit, sich immer wieder erneut beweisen zu müssen. Und so nisten sich langsam Bedenken in ihm ein, die sich auch bald nicht mehr ignorieren lassen. Irgendetwas an der Sache fühlt sich nicht richtig an. Doch darüber mit Vincent ein offenes Gespräch zu führen, traut sich Theo nicht.
Die Mutproben sind längst zu einem festen Ritual geworden. Sie abzulehnen, könnte deshalb auch bedeuten, die Freundschaft aufs Spiel zu setzen. Und ausgerechnet den Menschen zu verlieren, der Theo so lange gefehlt hat. Aber weitermachen kann Theo auch nicht. Dafür finden die Mutproben inzwischen zu häufig statt, und die Gefahr, dass ihm bei einer davon tatsächlich etwas passiert, wird mit jeder neuen Aufgabe größer. Also sucht Theo nach einem Weg, auf Abstand zu gehen, ohne direkt mit der Tür ins Haus zu fallen.
Theo nimmt sein Handy und schreibt seinem Freund, dass sie sich künftig vielleicht nur noch alle zwei Wochen sehen sollten, statt wie bisher jede Woche. Dann habe er auch wieder mehr Zeit für andere, erklärt Theo. Ob Theo jetzt vielleicht wirklich neue Bekanntschaften gemacht hat, mit denen er auch tatsächlich mehr Zeit verbringen wollte, oder dahinter jetzt allein der Gedanke steckte, vorsichtig Abstand zu Vincent schaffen zu wollen, das wissen wir nicht. Aber nachdem die Nachricht abgeschickt ist, hat Theo jedenfalls Sorge davor, wie Vincent reagieren wird. Doch Vincents Antwort fällt überraschend gelassen aus.
"Kein Problem", sagt er. Dann war das alles wohl doch keine große Sache und ist offenbar halb so wild. Von Ärger und Enttäuschung ist jedenfalls keine Rede. Auf gemeinsame Unternehmungen muss Theo also trotz seines eingeforderten Abstands nicht verzichten. Am letzten Märzsonntag 2019 führt die beiden einen Ausflug ins Tessin, in die Sonnenstube der Schweiz, ganz in den Süden des Landes an die Grenze zu Italien, wo zwischen Bergen und Seen kleine Dörfer liegen und im milden Klima sogar Palmen wachsen.
Theo und Vincent zieht es an diesem Tag hoch hinaus. Sie wollen die mehr als 1500 Meter hohe Cimetta besteigen. Von ihrem Gipfel öffnet sich der Blick über die umliegenden Berge bis hinunter auf den Lago Maggiore. Als sie nach dem langen Aufstieg oben angekommen sind, machen sich die beiden Freunde erst am Nachmittag auf den Weg zurück ins Tal. Ihr Abstieg führt sie über einen schmalen Bergrad. Direkt neben dem Weg fällt der Hang mehrere hundert Meter steil ab. Vorsichtig folgen Theo und Vincent dem schmalen Pfad.
Doch dann passiert etwas, das den gemeinsamen Ausflug beinahe in einer Katastrophe enden lässt. Theo stürzt vom Weg und rutscht den steilen Hang hinab. Wie durch ein Wunder kommt Theo weiter unten im steilen Gelände zum Liegen. Unter ihm setzt sich der Abhang fort, etwa 270 Meter sind es von hier bis zur Baumgrenze. Wenn er also jetzt wieder ins Rutschen kommt, könnte er noch viel weiter in die gefährliche Tiefe stürzen. Theo ist leicht verletzt, schafft es aber, vom Hang aus sein Handy aus der Tasche zu ziehen.
Über die App der Schweizerischen Rettungsflugwacht setzt er einen Notruf ab und übermittelt seinen Standort. Wenig später ist das rhythmische Wummern eines Helikopters zu hören, das vom immer lauter werdenden Rauschen der Rotoren begleitet wird. Doch landen kann er in dem abschüssigen Gelände nicht. Theo muss direkt aus dem Hang geborgen werden. An der Seilwinde wird er nach oben zum Helikopter gezogen und schließlich gemeinsam mit Vincent, der auf dem Grat zurückgeblieben ist, ins Tal geflogen. Ein Ausflug, der mit einer gemeinsamen Wanderung begonnen hat, endet für Theo mit einem Schreck und einer spektakulären Rettungsaktion aus der Luft.
Theo hatte unfassbares Glück. Von seinem Sturz bleiben ihm nur ein paar Schürfwunden. Allerdings auch einige Fragen. Wie war das eigentlich passiert? Hatte er einen falschen Schritt gemacht? War er gestolpert? Oder was hatte ihn dazu feigebracht? So sehr Theo auch versucht, die letzten Sekunden auf dem Bergrad zusammenzubekommen, mit Sicherheit kann er am Ende nicht sagen, was dort passiert ist. Aber sein ungutes Bauchgefühl kann er nicht ignorieren. Nachdem Theo eine Woche Zeit hatte, den Schreck des Sturzes zu verarbeiten, schaut er am Sonntagmorgen, den 7.
April 2019, auf die vergangene Arbeitswoche zurück. Vor ihm liegt einer seiner freien Tage, die er mit Vincent verbringen wird. Ganz unbeschwert blickt er dem heutigen Treffen aber nicht entgegen. Denn heute steht mal wieder eine Mutprobe an. Spätestens seit dem Sturz auf der Cimetta weiß Theo, wie schnell eine harmlose Situation gefährlich werden kann. Und schon längst hat Theo nicht mehr das Gefühl, dass es darum geht, sein Selbstbewusstsein zu stärken. Inzwischen scheint an den Mutproben mehr dranzuhängen. Als müsste er Vincent immer wieder beweisen, dass er nicht nur den Herausforderungen, sondern auch der Freundschaft zu ihm gewachsen ist.
Nur was passiert, wenn er die nächste Mutprobe nicht besteht? Ist es dann vorbei mit ihnen? Noch in diesem Moment nimmt Theo sein Handy in die Hand und schreibt Vincent: "Ich sage dir jetzt schon, es war schön, dich kennengelernt zu haben. Den heutigen Tag", fügt er hinzu, "müssten Sie noch einmal genießen." Dann schickt Theo seine Zugverbindung gleich hinterher, damit Vincent weiß, wann er am vereinbarten Treffpunkt ankommt. Von dort aus soll es gemeinsam weitergehen. Gegen 10:40 Uhr fährt Theos Zug in den Bahnhof ein, an dem Vincent bereits auf ihn wartet.
Zusammen brechen die beiden zu ihrem Ausflug auf. Zu diesem Zeitpunkt rechnet Theos Familie zu Hause noch damit, dass er an diesem Abend, wie gewohnt, zurückkehren wird. Einige Stunden später, an diesem 7. April 2019, geht bei der Kantonspolizei eine Vermisstenmeldung ein. Familie Raubach wartet seit Stunden darauf, dass ihr Sohn nach Hause kommt. Theo, so schildern es die Eltern, sei am Morgen zu einer Verabredung aufgebrochen und hätte längst wieder zurück sein müssen. Ist er aber nicht. Den Tag, das wissen die Eltern, wollte Theo mit Vincent verbringen.
Also wendet sich die Polizei an den 19-Jährigen. Vincent bestätigt, dass die beiden gemeinsam unterwegs gewesen seien. Gegen 15:00 Uhr, so erzählt er, hätten sie sich in einem Nachbarort der Stadt, in der Theo am Morgen angekommen war, voneinander verabschiedet und seien dann getrennte Wege gegangen. Wo Theo anschließend hinwollte und was er noch vorhatte, wisse Vincent nicht. Zwei Tage nach seinem Verschwinden, am 9. April, wendet sich die Polizei schließlich mit einem Suchaufruf an die Öffentlichkeit. Gesucht wird der 24-jährige Theo Raubach, 1,72 Meter groß, schlank, mit kurzen dunkelblonden Haaren.
Jede Beobachtung könnte dabei helfen, nachzuvollziehen, wo er sich seit Sonntag aufhält. Die Ermittlungen führen zunächst in den Ort, in dem sich Theos Spur verloren haben soll. Gleichzeitig suchen die Polizist*innen auch bei den Raubachs zu Hause nach Hinweisen auf Theos Verbleib. Sie durchsuchen sein Zimmer und überprüfen den Computer. Vielleicht findet sich hier ein Anhaltspunkt dafür, wohin er an diesem Sonntag wollte und was er noch vorhatte. Doch auch das bringt sie nicht weiter. Nichts, was sie finden, erklärt, wo Theo geblieben sein könnte.
Und so gründlich die Ermittelnden auch vorgehen, Theo bleibt verschwunden. Für Theos Familie beginnt eine Zeit des Wartens. Zunächst klammern sich seine Eltern und Schwestern an die Hoffnung, dass es eine einfache Erklärung für sein Verschwinden gibt. Dass Theo vielleicht schon am nächsten Tag gefunden wird. Dass er anruft oder vor der Tür steht und ihnen endlich erzählen kann, wo er gewesen ist. Denn solange niemand weiß, was ihm zugestoßen ist, kann auch niemand ausschließen, dass er plötzlich wieder nach Hause kommt. Doch genau das passiert nicht.
Ein Tag vergeht, dann noch einer. Aus der ersten Woche werden zwei, dann drei. Und mit jedem weiteren Tag wird es schwieriger, sich weiter an die Hoffnung zu klammern. In den kommenden Wochen ruft Vincent öfter bei Theos Schwester an. Er erkundigt sich danach, ob die Familie irgendwas von Theo gehört oder die Polizei inzwischen etwas herausgefunden hat. Doch die Antwort bleibt jedes Mal dieselbe. Es gibt nichts Neues. Der Frühling geht in den Sommer über, dann kommt der Herbst. Schließlich beginnt ein neues Jahr. Und während sich um die Familie herum das Leben weiter bewegt, bleibt für sie eine Frage unverändert: Wo ist Theo?
Fast zwölf Monate fehlt von ihm jede Spur. Knapp ein Jahr, nachdem Theo wie vom Erdboden verschluckt ist, hält in den Wäldern im Norden der Schweiz langsam der Frühling Einzug. An den Bäumen öffnen sich die ersten Knospen, während sich zwischen dem feuchten Boden bereits frisches Grün zeigt. Für eine Familie beginnt der 1. Aprilsonntag 2020 mit einem Ausflug in die Natur. Sie wandert durch einen Wald und folgt den schmalen Wegen hinauf auf den Berg. Doch was als gewöhnlicher Sonntagsausflug beginnt, nimmt schon bald eine unerwartete Wendung.
Weiter oben am bewaldeten Hang stößt die Familie zwischen dichtem Gestrüpp auf eine schräge, graue Felswand. Die Familie sucht hier nach einer der kleinen Sandsteinhöhlen, die sich im Gestein verbergen, und möchte einen Blick hineinwerfen. Doch dort, wo sich direkt über dem Boden eine Öffnung befinden sollte, ist keine zu erkennen. Geäst, Steine und Erde versperren den Zugang vollständig. Also beginnen die Familienmitglieder, Äste beiseite zu ziehen, Steine wegzuräumen und die Erde abzutragen.
Es ist so viel Material, dass es eine Weile dauert, bis sich nach und nach ein schmaler Spalt im Gestein öffnet. Gerade einmal 30 Zentimeter hoch und einen halben Meter breit, ungefähr so groß wie ein Gästehandtuch. Viel Platz, um ins Innere zu gelangen, bleibt also nicht. Wer durch diese Öffnung will, muss sich flach auf den Bauch legen und Zentimeter für Zentimeter in die Dunkelheit hineinschieben. Im Inneren erwarten die Familienmitglieder nichts als nackten Fels und dunkle Erde. Doch als einer von ihnen mit einer Taschenlampe durch die Öffnung leuchtet, zeichnet sich in der Dunkelheit etwas ab, das dort nicht hingehört.
Ein menschlicher Körper. Er liegt bäuchlings und regungslos auf dem Boden. Der Oberkörper ist nackt und daneben liegt ein T-Shirt. Vor ihm liegen die sterblichen Überreste eines jungen Mannes. Mit einem Schlag ist der so schön geplante Ausflug vorbei. Die Familie alarmiert die Polizei. Kurz darauf sperrt die das Gebiet rund um die Höhle großräumig ab. Die Spurensicherung beginnt mit ihrer Arbeit. Die sterblichen Überreste werden vorsichtig aus dem engen Hohlraum geborgen und zur Untersuchung ins Institut für Rechtsmedizin gebracht.
Noch ist unklar, wer der Tote ist. Doch der Fundort liegt nur wenige Kilometer von dem Ort entfernt, an dem ein Jahr zuvor ein junger Mann verschwunden sein soll. Die Ermittelnden gehen daher einem möglichen Zusammenhang nach. Zehn Tage nach dem Fund folgt schließlich die schreckliche Gewissheit. Bei dem Toten handelt es sich um Theo Raubach. Der 24-Jährige war fast auf den Tag genau ein Jahr lang verschwunden. Die Suche nach ihm ist damit beendet. Für Theos Familie endet damit auch fast ein Jahr quälende Ungewissheit, aber auf die schlimmstmögliche Weise.
Bis zuletzt konnte sie hoffen, dass Theo doch noch gefunden wird. Aber nun steht fest: Das wird nicht passieren. Während seine Eltern und Schwestern mit dieser Nachricht umgehen müssen, stehen die Ermittelnden vor der nächsten Frage: Was ist Theo hier oben zugestoßen? Noch ist völlig offen, wie Theo in die Höhle gelangt ist und vor allem, warum er sie nicht mehr verlassen konnte. Jetzt muss man dazu sagen, vor dem Eingang lagen ja mehrere Gesteinsbrocken und Erde, aber auch ein großer Stein. Und dieser Durchgang zur Höhle, wo man sich so runterrobben musste, der war ja ziemlich eng.
Das heißt, davon geht man zumindest aus, Theo hätte sich da nicht aufrichten können und dann auch nicht wirklich effektiv sein Körpergewicht einsetzen können, um das Material dann nach draußen wegzudrücken, weil man, wie gesagt, da unten im Eingangsbereich liegen musste. Vielleicht ist Theo aber auch beim Erkunden des Hohlraums verunglückt und konnte sich deswegen nicht befreien. Vielleicht aber hat er auch Schutz vor schlechtem Wetter gesucht oder ist aus Neugier hineingekrochen, bevor Erde und Steine von der Felswand hinabfielen und ihm den Ausgang versperrten.
Oder aber, und das wäre weitaus beunruhigender, Theo wurde nicht durch einen unglücklichen Zufall eingeschlossen. Vielleicht hat jemand dafür gesorgt, dass er die Höhle nicht mehr verlassen konnte. Was Theo tatsächlich zugestoßen ist und woran er gestorben ist, soll nun die Obduktion klären. Doch nach fast einem Jahr hat die Verwesung viele der Spuren zerstört, die von seinen letzten Stunden erzählen könnten. An Theos Körper lassen sich keine äußeren Gewalteinwirkungen feststellen. Ob er Verletzungen hatte, die inzwischen nicht mehr erkennbar sind, kann die Rechtsmedizin allerdings auch nicht sicher ausschließen.
Eine traurige Erkenntnis liefert die Untersuchung trotzdem: Theo war in der Höhle nicht sofort gestorben. Die Rechtsmedizin geht davon aus, dass er dort noch 16 bis 24 Stunden ausharren musste. Während seine Familie am Abend auf seine Rückkehr wartete und schließlich die Polizei verständigte, war er demnach noch am Leben. Theo muss der Kälte in der verschlossenen Höhle schutzlos ausgeliefert gewesen sein, bis das Leben langsam aus ihm wich. Im Inneren herrschten zu der Zeit gerade einmal zwischen acht und etwa zwölfeinhalb Grad.
Was in dieser Zeit in Theos Körper passiert sein könnte, ist ein schleichender Prozess. Von einer Unterkühlung spricht man, sobald die Körpertemperatur unter 35 Grad fällt. Aber bevor ein Mensch daran stirbt, versucht der Körper erst mal noch mit allen Mitteln, seine lebenswichtige Kerntemperatur zu halten. Und wie dieser Kampf gegen die Kälte und das Erfrieren abläuft, hat uns Arzt und Medizinjournalist Dr. Christoph Specht erklärt.
Da zittert der Betroffene am ganzen Körper. Der Körper versucht eben, Wärme zu erzeugen. Er atmet sehr schnell und der Puls rast. Also das geht alles schneller. Der Körper kämpft sozusagen panisch gegen die Kälte. Und wenn es dann weiter runtergeht, also unter 32 Grad Celsius, so etwa bis 30 Grad, da spricht man dann vom Erschöpfungsstadium. Da hört das Zittern auf, ganz einfach. Nicht, weil es warm geworden ist, sondern die Muskeln sind einfach leer gepumpt, leer gefeuert.
Da ist keine Energie mehr.
Gleichzeitig fährt auch das Gehirn seine Funktionen runter. Die Sprache wird verwaschen, Gedanken lassen sich kaum noch festhalten und selbst einfache Entscheidungen werden immer schwieriger. Die betroffene Person wird dann teilnahmslos und so müde, dass sie die Augen kaum noch offen halten kann. Und das ist auch diese Phase, in der man immer sagt, dass man auf gar keinen Fall einschlafen darf, weil man dann nämlich in die nächste Phase der Unterkühlung übergehen würde, der Bewusstlosigkeit. Atmung und Herzschlag werden dann immer langsamer, bis sie schließlich komplett aussetzen.
Bei Theo ist ja in dieser Zeit niemand, der ihn wach hält, seinen Zustand beobachtet oder Hilfe holen kann. Und irgendwann muss er dann halt das Bewusstsein verloren haben. Und offenbar hatte er davor noch sein T-Shirt ausgezogen. Das einzige Kleidungsstück, das nachher neben ihm lag, was ihm ja noch ein wenig Schutz vor der Kälte hätte bieten können. Und eine mögliche Erklärung liefert ein Phänomen, das vollkommen widersinnig klingt. Kurz vor dem Kältetod können Menschen nämlich plötzlich das Gefühl bekommen, ihnen sei unerträglich heiß. Das hatten wir gerade erst in einer der vergangenen Folgen mal kurz angerissen.
Man spricht da vom paradoxen Entkleiden oder der Kälte-Idiotie. Bis zu diesem Zeitpunkt versucht der Körper noch, die Wärme in seinem Inneren zu halten, indem er die Blutgefäße in Armen und Beinen eng stellt. Aber wenn die Kraft der Muskeln nachlässt, dann kann auch dieser Mechanismus versagen, sagt Dr. Specht.
Die Blutgefäße in der Haut können dann nicht mehr eng gestellt werden, sondern die stellen sich dann ganz plötzlich sehr weit. Das bedeutet, dass warme Blut aus dem Körperkern, da hat der Körper ja versucht, die Temperatur zu halten, dieses warme Blut schießt jetzt zurück in die Haut und in die Gliedmaßen. Und das bedeutet, der Betroffene empfindet eine extreme Wärme dadurch. Ihm wird glühend heiß. Er denkt, er ist in der Sauna. Und dieses massive Hitzegefühl, obwohl er kurz vor dem Erfrieren steht, führt eben dazu, dass er sich entkleidet.
Gleichzeitig ist ja das Gehirn nicht mehr in der Lage, logisch zu denken. Da ist ja auch schon eine starke Einschränkung zu sehen. Und in diesem Wahn zieht er sich aus. Das ist die Kälte-Idiotie.
Ob Theo das jetzt wirklich so erlebt hat, lässt sich im Nachhinein nicht mehr feststellen. Dass er sein T-Shirt ausgezogen hat, passt natürlich dazu. Aber sicher ist nur: Theo starb in der Höhle an Unterkühlung. Für Theos Familie beginnt nun, nachdem seine Leiche gefunden wurde, ein neues Warten. Fast ein Jahr lang wusste sie nicht, wo Theo war. Jetzt weiß sie es, aber noch immer nicht, wie er in diese Höhle kam und weshalb er dort sterben musste. Polizei und Staatsanwaltschaft lassen ein rechtsmedizinisches Gutachten erstellen und untersuchen die Höhle und die Beschaffenheit des verschütteten Eingangs genauer.
Knapp elf Monate nach dem Fund wenden sich die Behörden schließlich mit einer entscheidenden Erkenntnis an die Öffentlichkeit. Theo ist nicht durch einen Unfall ums Leben gekommen, sondern wurde Opfer eines Verbrechens. Die Ermittlungen haben ergeben, dass die Höhle von außen verschlossen worden sein musste. Die Kantons-Polizei setzt nun eine 15-köpfige Sonderkommission ein und bittet die Bevölkerung um Mithilfe. Wer hat Theo am 7. April 2019 gesehen? Mit wem war er an diesem Sonntag unterwegs?
Und wem sind an diesem Tag oder in den Tagen danach verdächtige Personen oder ungewöhnliche Handlungen am Berg aufgefallen? Gleichzeitig gehen die Ermittelnden noch einmal alles durch, was sie bereits über Theos letzten Tag wissen. Und dabei führt eine Spur zurück zu einem jungen Mann, den die Polizei schon kurz nach seinem Verschwinden befragt hatte: Vincent Jahn. Der mittlerweile 22-Jährige ist noch immer der letzte, von dem die Ermittelnden wissen, dass er Theo lebend gesehen hat. Damals hatte Vincent erzählt, die beiden hätten sich gegen 15:00 Uhr in einem Ort in der Nähe des Berges voneinander verabschiedet und seien danach getrennte Wege gegangen.
Von einem Ausflug auf dem Berg aber oder einem Besuch bei den Höhlen hatte er damals nichts erzählt. Dabei kennt Vincent sich in der Gegend bestens aus. Das Zuhause seiner Eltern liegt nur wenige Gehminuten vom besagten Berg entfernt. Fast zwei Jahre nach Theos Verschwinden fragt sich die Polizei nun, ob Vincent wirklich alles erzählt hat, was er über Theos letzten Tag wusste. Etwa vier Wochen später rückt die Polizei zu einer Hausdurchsuchung an, in der Hoffnung, dort etwas zu finden, das Vincent mit dem Tod seines Freundes in Verbindung bringen könnte.
Tatsächlich stoßen die Ermittelnden auf einen Brief, den Vincent an seine Eltern geschrieben hat. Und die Zeilen, die sich darin lesen, lassen keinen Zweifel daran, dass seine bisherige Darstellung des Ausflugs nicht der Wahrheit entspricht. Als Vincent wenig später zum ersten Mal als Beschuldigter vor den Ermittelnden sitzt, kann er nicht länger leugnen, dass er der Polizei fast zwei Jahre lang etwas Entscheidendes verschwiegen hat. Diesmal erzählt er eine andere Geschichte. Eine, die auch die Freundschaft zwischen Theo und ihm in einem neuen Licht erscheinen lässt.
Oder das, was Theo für eine Freundschaft gehalten hatte. Es ist der 17. Oktober 2022. Zweieinhalb Jahre sind vergangen, seitdem Theo tot in der Höhle gefunden wurde. Nun beginnt der Prozess gegen den Mann, der sich für den Tod verantworten muss. Das öffentliche Interesse ist so groß, dass beinahe jeder Platz im Verhandlungssaal besetzt ist. Neben den Zuschauer*innen sind fast alle großen Schweizer Medien vertreten. Aber auch Theos Eltern sind vor Ort.
In den kommenden Tagen werden sie mit anhören müssen, was ihrem Sohn in der Höhle angetan wurde. Sie verfolgen den Prozess nicht nur als Angehörige, sondern treten darin auch als Privatkläger*innen auf. Das ist quasi das Schweizer Äquivalent zur deutschen Nebenklage. Dann wird Vincent Jahn in Hand- und Fußfesseln in den Saal geführt. Von seinem Gesicht ist kaum etwas zu erkennen. Eine große Brille, die Maske vor Mund und Nase und seine langen Haare verdecken es fast vollständig. Ein unscheinbarer 23-Jähriger, dessen Anblick nur schwer mit dem Vorwurf in Einklang zu bringen ist, den die Staatsanwaltschaft gegen ihn erhebt.
Vincent soll seinen vermeintlich besten Freund ermordet haben. Doch der Mord ist nicht der einzige Vorwurf, über den das Gericht verhandeln wird. Die Staatsanwaltschaft ist unter anderem davon überzeugt, dass Vincent bereits eine Woche zuvor versucht hatte, Theo zu töten. Und damit ist die Wanderung im Tessin gemeint, die für Theo mit einem Sturz vom Bergrat und einer spektakulären Rettungsaktion geendet hatte. Dieser Sturz, so die Anklage, sei kein Unfall gewesen. Vincent soll seinen Freund aus Wut vom schmalen Pfad gestoßen haben, direkt in den mehrere hundert Meter steil abfallenden Hang.
Das ergibt sich aus den Angaben, die Vincent nach seiner Festnahme selbst machte. In mehreren Vernehmungen erklärte er, Theo sei damals nicht aus Versehen abgestürzt. Als die beiden auf dem Bergrat unterwegs gewesen seien, hätten sie darüber gesprochen, dass Theo künftig lieber mehr Zeit mit anderen verbringen wolle. Vincent sei daraufhin wütend geworden und habe seinen Freund geschubst, sodass dieser den Hang hinunterfiel. Tatsächlich hatte auch Theo damals schon so einen Verdacht. Nach der Wanderung erzählte er seinen Eltern, er habe das Gefühl gehabt, Vincent könnte ihn gestoßen haben.
Doch kaum hatte Theo diesen Gedanken zugelassen, verwarf er ihn auch schon wieder. Vermutlich sei es doch nur ein unglücklicher Zufall gewesen. Dass sein Freund ihm absichtlich etwas antun könnte, konnte er sich offenbar nicht wirklich vorstellen. Theos Vater erzählt vor Gericht aber, dass Vincent seinem Sohn kurz vor dem Stoß gedroht haben soll, ihn umzubringen. Aber ernst genommen hatten weder Theo noch seine Eltern diese Worte damals. Zu unvorstellbar erschien ihnen, dass Vincent sie tatsächlich in die Tat umsetzen könnte.
Theo habe aus heutiger Sicht den Vorfall im Tessin sicherlich verharmlost, auch um Vincent nicht zu verlieren und sich weiterhin mit ihm treffen zu können. Doch nun ist das, was Theo damals schon als Verdacht äußerte, Teil der Anklage. Vincent muss sich nicht nur wegen Mordes, sondern auch wegen versuchten Mordes verantworten. Das Problem ist nur: Als Vincent an diesem Oktobermorgen vor Gericht sitzt, will er von seinem früheren Geständnis nichts mehr wissen. Und das, obwohl er zuvor in mehreren Vernehmungen eingeräumt hatte, Theo absichtlich den Hang hinuntergestoßen zu haben.
Doch schon Monate vor Prozessbeginn hatte er diese Aussagen zurückgenommen. Theo sei auf einem lockeren Stein ausgerutscht, heißt es jetzt. Er selbst könne sich nicht vorstellen, so etwas getan zu haben. Und warum er zuvor angegeben hatte, Theo geschubst zu haben, könne er heute auch nicht mehr sagen. Anders verhält es sich mit dem Geschehen in der Höhle eine Woche später. Davon rückt Vincent nicht ab. Ganz aus freien Stücken ist dieses Geständnis allerdings nicht entstanden. Bei der Hausdurchsuchung fand die Polizei ja einen Brief an seine Eltern.
Und darin hatte Vincent aufgeschrieben, dass er Theo in der Höhle, Zitat, "vergraben" hatte. Als Vincent sich nun vor Gericht zu den Geschehnissen äußern soll, bittet er schon nach kurzer Zeit darum, den Saal verlassen zu dürfen. Zurück kommt er allerdings nicht. Die vielen Menschen würden ihm Angst machen, lässt er ausrichten. Schließlich wird seine Befragung in einen Nebenraum verlegt und per Video in den Gerichtssaal übertragen. Ja, und man kommt irgendwie nicht umhin, dass einem hier ein Widerspruch ins Auge fällt.
Also Vincent hatte Theo ja immer dazu gedrängt, seine Ängste zu überwinden und ist auch über seine Grenzen hinausgegangen. Aber vor Gericht kriegt er das jetzt nicht hin, sich den kritischen Blicken von den Anwesenden darzustellen. Das ist schon absurd, denn wenn Theo damals gezögert hatte, dann hatte Vincent das ja nie gelten lassen und gar nicht auf die Bedürfnisse seines Freundes Rücksicht genommen. Und trotzdem hatte Theo nie aufgehört, mit Vincent befreundet sein zu wollen. Er unternahm weiter Dinge mit Vincent, bezahlte die Ausflüge und ließ sich auf die nächste Mutprobe ein.
Was also hatte Vincent gegen einen Menschen, der so viel dafür tat, ihn nicht als Freund zu verlieren? Gegenüber den Ermittelnden hatte Vincent darauf als Antwort gegeben, dass Theo in seinen Augen ein, Zitat, "perfektes Leben" geführt habe. Er hatte eine liebevolle Familie, eine feste Arbeit und ein eigenes Einkommen. All das, was Vincent selbst fehlte. Er hatte einen großen Teil seiner Kindheit in Heimen verbracht, keinen Schulabschluss und keine abgeschlossene Ausbildung. Er war arbeitslos, hatte kaum Geld und bezeichnete sich selbst als einen einsamen Wolf.
Ein Leben, wie das von Theo, sagte Vincent, hätte er sich auch für sich selbst gewünscht. Ja, und der Gedanke, dass man sich immer nur für seine Freund*innen freut, der ist zwar schön, aber tatsächlich auch ein bisschen realitätsfern. Seitdem ich wieder Therapie mache und sehr genau darauf achte, was ich wann warum fühle, würde mir jetzt auch kein Beispiel einfallen, wo ich zuletzt mal so richtig neidisch war. Aber ich erinnere mich noch total an meine Schulzeit. Und da war ich neidisch auf alles: Noten, Klamotten, Ausgangszeiten, was auch immer.
Das Ding ist, Neid, auch in Freundschaften, ist erst mal nichts Ungewöhnliches und kann auch ein Hinweis sein, sagt die Psychotherapeutin Franka Cerutti. Also Neid ist ja erst mal eine Emotion. Und so wie alle Emotionen oder alle Gefühle, ist das ja erst mal eine interessante Information, die ich da über mich selber bekomme. Und wenn ich in einer Freundschaft neidisch bin, ist das erst mal per se gar nichts Schlimmes, sondern das zeigt ja eigentlich nur, dass im Vergleich zu meiner Freundin oder meinem Freund ich etwas wahrnehme, was ich cool finde, wo ich den Eindruck habe, ach, das fehlt mir selber vielleicht ein bisschen oder ich finde das auch erstrebenswert.
Also das heißt, ich habe einen kleinen innerlichen Peaks aufgrund eines Aufwärtsvergleiches. Ich fühle mich vielleicht in diesem Aspekt, den ich da gerade beobachte, irgendwie unterlegen.
Jetzt ging es bei Vincent ja nicht um Kleinigkeiten. Also Theo hat ja für ihn das Leben verkörpert, das er gerne geführt hätte. Und damit hat Theo Vincent auch immer einen Spiegel vorgehalten, der ihm ständig vor Augen geführt hat, was ihm selbst fehlt. Und das passiert besonders häufig bei Menschen, die uns nahestehen. Wenn man dadurch, und damit meine ich jetzt natürlich durch die eigene Sicht auf diese Dinge, allerdings permanent seine Schwachstellen vorgeführt bekommt, dann kann sich auch der Blick auf sich selbst ändern.
Dann ist vielleicht auch bei ganz vielen Menschen irgendwann der Punkt erreicht, wo man sich nicht mehr einfach mitfreuen kann oder stolz ist auf die Freundin oder den Freund, sondern wo man, wenn man immer den Kürzeren zieht, wirklich auch so ein Unterlegenheitsgefühl entwickelt, wo man denkt, ich bin tatsächlich minderwertig, also wo man da ein Urteil über die eigene Person draus strickt oder wo das dann wirklich auch den eigenen Selbstwert angreift.
Dabei könnte man, sagt Franka, dieses unangenehme Gefühl auch loswerden, und zwar indem man versucht, selbst zu der anderen Person aufzuschließen. Das wäre die gesunde Option. Oder aber man macht das Gegenteil.
Wir unterscheiden zwischen Leveling up. Das ist, wenn der Neid mich motiviert, genauso gut zu werden oder genauso toll zu werden, wie ich die andere Person empfinde. Oder Leveling down. Und das bedeutet, dass ich die andere Person runterziehe. Und das kann ich zum Beispiel machen, indem ich die Person abwerte, indem ich hintenrum schlecht über sie spreche, indem ich sie zum Beispiel auch sabotiere oder aktiv daran hindere, weiterhin so gut zu sein oder was auch immer ich eben mit dieser Person so verbinde, worauf auch immer ich so neidisch bin.
Manche würden dann versuchen, diese gefühlte innerliche Bedrohung so zu kompensieren, dass sie nach außen hin dann dominant auftreten, um irgendwie wieder auf Augenhöhe zu kommen. Vincent könnte also durch die Mutproben und sein Pushen versucht haben, das Machtverhältnis zwischen ihnen wieder umzudrehen. Auch weil er ja dann derjenige war, der bestimmt hat, ob Theo gut genug ist. Ob das jetzt tatsächlich seine Absicht war, das wissen wir nicht. Vincent hatte vor der Polizei nämlich nur erklärt, dass die Mutproben für mehr Action bei ihren Treffen sorgen sollten.
Nach Auffassung der Anklage ging es ihm aber auch darum, Theo an seine Grenzen zu bringen und zu plagen. Er habe erkannt, wie leicht er seinen Freund beeinflussen konnte und genau dort Druck ausgeübt, wo Theo besonders verletzlich war. Bei seiner Angst, diese Freundschaft wieder zu verlieren, die er sich so sehr gewünscht hatte. Wenn Theo eine Aufgabe nicht bewältigte, sich weigern wollte und damit keinen Einsatz zeigte, dass er der Freundschaft würdig war, soll Vincent damit gedroht haben, den Kontakt zu beenden.
Dabei hatte Theo längst versucht, sich vorsichtig aus dieser Dynamik zu lösen. Er wollte Vincent ja seltener treffen, aber nicht als Freund verlieren. Wie sehr ihn dieses mögliche Ende beschäftigte, zeigen seine Nachrichten vom Morgen des Tattages. Es sei schön gewesen, Vincent kennengelernt zu haben, schrieb er. Den gemeinsamen Tag müssten sie noch einmal genießen. Schließlich könnte es ihr letzter als Freunde sein. Was hier erst mal wie ein ungewöhnlich dramatischer Abschied klingt, erscheint vor Gericht jetzt in einem anderen Licht.
Theo ging offenbar davon aus, dass an der bevorstehenden Mutprobe ihre gesamte Freundschaft hing. Theo wurde also schon in die Enge gedrängt, lange bevor er sich durch den schmalen Eingang der Höhle zwängte. Aus dem Nebenraum zugeschaltet soll Vincent dem Gericht schildern, wie der Ausflug in der Höhle am Nachmittag des 7. April 2019 endete. Es scheint, als falle es Vincent schwer, über die Tat zu sprechen. Vieles wisse er nicht mehr, aber wenn er heute daran denke, sagt er, sei sie schrecklich.
Was sich an jenem letzten gemeinsamen Nachmittag von Vincent und Theo am Berg zugetragen hat, lässt sich anhand Vincents früherer Aussagen und den Ergebnissen der Ermittlungen nachvollziehen. Als sich die beiden am Sonntag gegen 10:40 Uhr vom Bahnhof aus auf den Weg machen, lassen sie die Stadt schon bald hinter sich. Ihr Ziel ist ein bewaldeter Höhenzug direkt oberhalb der Stadt, aus der Vincent kommt. Er hat den Ausflug vorgeschlagen und führt Theo zu einer der kleinen Höhlen. Dort wartet bereits die nächste Mutprobe auf ihn.
Theo soll zehn Minuten allein im Dunkeln verbringen, ohne Handy, ohne Uhr und ohne Jacke. Dabei räumt Vincent jetzt vor Gericht ein, dass er selbst, wie er es nennt, Platzangst habe. Enge Höhlen und ähnliches könne er nicht ertragen. Das mag jetzt kleinkariert sein, aber genau genommen meint er damit eigentlich Klaustrophobie. Platzangst heißt eigentlich was anderes. Jedenfalls finde ich, haben wir es da wieder. Also das, was er selbst nicht aushält, das verlangt Vincent aber an diesem Tag von Theo. Er soll sich durch den schmalen Eingang zwängen und allein in der dunklen Höhle ausharren.
Doch auch Theo scheint beim Anblick der Höhle nicht ganz wohl bei der Sache zu sein. Vor ihm öffnet sich ein schmaler, dunkler Spalt im Fels, gerade einmal so hoch wie die lange Seite eines DIN-A4-Blattes. Theo zögert. Um dort hineinzukommen, reicht es nicht, sich zu bücken oder auf die Knie zu gehen. Er muss sich flach auf den Boden legen und durch die enge Öffnung schieben. Dass Theo Bedenken hat, macht Vincent wütend. Und anstatt auf ihn einzugehen, setzt er seinen Freund so lange unter Druck, bis der schließlich nachgibt.
Theo legt sein Handy, seine Uhr und seine Jacke vor der Höhle ab. Dann legt er sich auf den Bauch und schiebt sich Stück für Stück durch den schmalen Spalt, bis sein Körper in der Dunkelheit verschwindet. Hinter dem schmalen Eingang muss sich der Hohlraum zumindest so weit öffnen, dass Theo vollständig darin liegen kann. Aber wie groß oder tief die Höhle genau ist, das geht aus den öffentlichen Unterlagen nicht hervor. Sicher ist aber, es gibt keinen zweiten Ausgang. Also der Spalt, durch den Theo gerade hineingekrochen ist, der ist auch der einzige Weg zurück ins Freie.
Während Theo in der Höhle auf das Ende der zehn Minuten wartet, sprechen die beiden durch den schmalen Eingang noch eine Weile miteinander. Dann fällt Vincents Blick offenbar auf loses Gestein oberhalb der Öffnung. In diesem Moment, so hatte er es bei der forensisch-psychiatrischen Begutachtung geschildert, habe er spontan den endgültigen Entschluss gefasst, Theo einzuschließen. Allerdings sei ihm der Gedanke schon am Vorabend gekommen. Nach etwa sechs Minuten nimmt Vincent einen Ast und beginnt, einen schweren Stein aus dem Hang zu lösen.
Dann rollt er ihn vor die Öffnung. Was eben noch eine Mutprobe war, wird zur Falle. "Hilf mir, lass mich frei!", ruft die Rettungsflugwacht. Soll Theo aus der Höhle gefleht haben. Er begreift offenbar, dass sein einziger Weg nach draußen versperrt ist und gerät in Panik. Doch Vincent denkt gar nicht daran, ihm zu helfen. Während Theo laut nach ihm ruft, schafft Vincent weitere Steine und Erde heran. Tatsächlich habe er sich in diesem Moment überhaupt nichts dabei gedacht, sagt er vor Gericht. Er wisse nicht, was ihm damals durch den Kopf gegangen sei, und schnalle es bis heute noch nicht.
Zitat: "Ich habe einfach weiter zugemacht, bis man nichts mehr von ihm gehört hat." Über Stunden schüttet er den Eingang immer weiter zu und begräbt seinen Freund bei lebendigem Leib. Nachdem aus der Höhle nichts mehr zu hören ist, verlässt Vincent den Berg aber nicht sofort. Nur wenige Meter vom Eingang entfernt lässt er sich nieder, macht ein Feuer und brät sich einen Servilat, eine typische Schweizer Brühwurst. Während Theo hinter Stein und Erde eingeschlossen in der kalten Höhle liegt, sitzt Vincent draußen am Feuer und isst.
"Warum?", will der Gerichtspräsident von ihm wissen. "Ich hatte wohl Hunger", antwortet der 23-Jährige. Dann kümmert er sich um die Dinge, die Theo vor der Höhle zurücklassen musste. Das Handy wirft er ins Feuer, die Jacke vergräbt er im Wald. Nur die Armbanduhr nimmt er mit, als Andenken, wie er erklärt. Erst danach verlässt Vincent den Berg. Theo bleibt allein in der Höhle zurück, und er ist zu diesem Zeitpunkt aller Wahrscheinlichkeit nach noch am Leben. Am nächsten Tag geht Vincent noch einmal zur Höhle.
Nicht aber, um den Eingang zu öffnen und Theo zu befreien. Nach eigenen Angaben will er sich vergewissern, dass noch immer alles verschlossen ist. Er hat Angst, seine Tat könnte sonst entdeckt werden. Seine Sorge gilt also nicht Theo, der hinter der zugeschütteten Öffnung zurückgeblieben ist, sondern der Frage, ob sein Verbrechen im Verborgenen bleibt. Dass Vincents Schwierigkeiten weit über seine Freundschaft mit Theo hinausgehen, zeigt die Einschätzung des forensischen Psychiaters, der ihn untersucht hat. Er diagnostiziert bei dem 23-Jährigen eine kombinierte Persönlichkeitsstörung mit dissozialen und unreifen Anteilen.
Offenbar hat Vincent Schwierigkeiten, die Gefühle und Bedürfnisse anderer zu berücksichtigen, Enttäuschungen auszuhalten und angemessen mit problematischen Situationen umzugehen. Bereits in seiner Kindheit und Jugend war Vincent durch aggressives Verhalten aufgefallen. Er verbrachte viel Zeit in verschiedenen Einrichtungen, geriet dort immer wieder in Konflikte und hatte Schwierigkeiten, Regeln zu akzeptieren. Seine psychischen Probleme stehen nach Einschätzung des Sachverständigen auch mit seinen Taten in Zusammenhang. Sie erklären sein Verhalten jedoch nicht vollständig, ebenso wenig wie seine unterdurchschnittliche intellektuelle Leistungsfähigkeit.
Vincents IQ liegt bei 71. Doch weder seine psychischen Probleme noch sein IQ haben ihn erheblich darin beeinträchtigt, das Unrecht seiner Taten zu erkennen und sein Handeln entsprechend zu steuern. Vincent, so der Gutachter, konnte erkennen, dass sein Handeln falsch war und war auch in der Lage, damit aufzuhören. Auch für die Zukunft fällt die Einschätzung beunruhigend aus. Ohne eine intensive Behandlung bestehe die Gefahr, dass Vincent erneut ähnliche Straftaten begeht. Am Ende der Verhandlung erhält Vincent noch einmal das Wort.
Noch immer sitzt er mit seinem Anwalt in einem Nebenraum, während sein Bild in den Gerichtssaal übertragen wird. Mit einem Zettel in der Hand wendet er sich an Theos Familie. "Es tue ihm von tiefstem Herzen leid", liest er vor. Er entschuldigt sich dafür, ihren Sohn auf brutalste Art und Weise umgebracht zu haben. Er bereue die Tat und wünsche sich, die Zeit zurückdrehen zu können. Es sind Worte der Reue, aber vorgetragen in einem so emotionslosen Ton, dass davon kaum etwas zu spüren ist.
Dann beendet Vincent seine Erklärung mit den Worten: "Gut, das wär es dann, glaub ich, gewesen." Ein beiläufiger Schlusssatz nach der Entschuldigung für den Tod eines Menschen. Als hätte er gerade einen Punkt auf einer Tagesordnung abgehakt. Die Antwort von Theos Familie kommt ohne ein einziges Wort aus. Im Saal schütteln die Angehörigen fassungslos den Kopf. Am 20. Oktober 2022 verkündet das Bezirksgericht sein Urteil. Beide zentralen Vorwürfe sieht das Gericht als erwiesen: der Mord in der Höhle und der versuchte Mord im Tessin.
Bei dem Sturz folgt das Gericht Vincents ursprünglichen Geständnissen. Seine spätere Behauptung, Theo sei auf einem lockeren Stein ausgerutscht, hält es nicht für glaubhaft. Auch, weil Theos Schilderungen gegenüber seinen Eltern zu den früheren Aussagen passen. Vincent wird unter anderem wegen Mordes und versuchten Mordes schuldig gesprochen. Der 23-Jährige nimmt die Entscheidung regungslos entgegen. Mit verschränkten Armen hört er sich die Begründung an, wieso seine Tat als Mord bewertet wird.
Anders als die Verteidigung geht das Gericht nicht von einem spontanen Entschluss aus. Vincent habe bereits am Vorabend entschieden, Theo in der Höhle einzuschließen. Seine Beweggründe seien Neid, Eifersucht, Missgunst und Rache gewesen. Besonders schwer wiege aber, dass Vincent über Stunden hinweg immer wieder die Möglichkeit gehabt hätte, aufzuhören und Theo zu befreien, sich aber jedes Mal trotz seiner Hilferufe und Klopfgeräusche dagegen entschied. Darin erkennt das Gericht ein außerordentlich großes Maß an Skrupellosigkeit.
Der Gerichtspräsident richtet seine Worte direkt an Vincent: "Sie sind dafür verantwortlich. Sie sind der Totengräber von Theo." Sein Handeln sei unfassbar, unbegreiflich, grausam, bestialisch und unmenschlich gewesen, sagt der Richter. Auch die Entschuldigung des 23-Jährigen überzeugt ihn nicht. "Ich sehe keine Reue. Nicht einen Millimeter weit." Das Gericht verurteilt Vincent zu 19 Jahren und zwei Monaten Freiheitsstrafe.
Fast drei Jahre mehr, als die Staatsanwaltschaft gefordert hatte. Zusätzlich ordnet es eine stationäre therapeutische Maßnahme an. Die Freiheitsstrafe wird zunächst zugunsten dieser Behandlung aufgeschoben. Nach der Urteilsverkündung wird Vincent in Hand- und Fußfesseln aus dem Saal geführt. Doch an dem Verlust, den Theos Familie erlitten hat, kann auch dieses Urteil nichts ändern. "Er fehlt uns", sagt Theos Vater vor Gericht. "Er ist einfach weg." Doch das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.
Eineinhalb Jahre später verhandelt das Obergericht über Vincents Berufung. Der Mord in der Höhle steht dabei nicht mehr infrage. Vincent wehrt sich hier gegen die Verurteilung wegen versuchten Mordes im Tessin und gegen die Art seiner therapeutischen Unterbringung. Und deshalb spielt das psychiatrische Gutachten weiterhin eine entscheidende Rolle. Denn seit dem ursprünglichen Gutachten aus dem Jahr 2021 hat sich Vincents Prognose weiter verschlechtert. In Haft griff er einen Mitgefangenen mit einem Messer an, und verschiedene Therapieangebote blieben ohne Erfolg.
Und dann kam später auch noch mal die Diagnose einer hebelphrenen Schizophrenie, einer Erkrankung, bei der vor allem Denken, Gefühlsleben und Antrieb verändert sein können. Der Gutachter, der Vincent bereits im ersten Prozess beurteilt hatte, sieht darin jedoch keinen Grund, seine damalige Einschätzung zu ändern. Zum Zeitpunkt der Taten war Vincent voll schuldfähig. Auch am versuchten Mord hat das Obergericht keine Zweifel. Theo ist im Tessin nicht ausgerutscht, sondern von Vincent gestoßen worden.
Die Berufung wird daher abgewiesen. Es bleibt bei 19 Jahren und zwei Monaten Freiheitsstrafe und der stationären therapeutischen Maßnahme. Theo war ein junger Mann, der viel zu geben hatte. Er war hilfsbereit, offen und begegnete den Menschen mit jenem Lächeln, was viele an ihm schätzten. Er mochte sein Leben und wünschte sich sehnlichst jemanden, mit dem er es teilen konnte. Einen Freund. Und er glaubte, den in Vincent gefunden zu haben. Theo schenkte ihm seine Zeit, seine Großzügigkeit und vor allem sein Vertrauen.
Selbst als er spürte, dass ihm die Freundschaft nicht guttat, versuchte er nicht, Vincent einfach aus seinem Leben zu streichen. Er wollte lediglich etwas Abstand gewinnen, ohne den Freund zu verlieren, der ihm so viel bedeutete. Doch Vincent nutzte genau dieses Vertrauen gegen ihn, um ihn lebendig zu begraben. Und nahm damit Theo das, worum er ihn so sehr beneidete: sein Leben. Ja, ich möchte bei dem Fall jetzt so einem Impuls vorweggreifen, zu sagen: Na ja, da gab es ja jetzt total viele Anzeichen, diese Mutproben, dann Vincents Drohungen, dieser Sturz, bei dem Theo ja auch damals schon den Verdacht hatte, dass er vielleicht geschubst wurde.
Das deutet so im Nachhinein alles recht eindeutig darauf hin, dass da was ganz schief lief. Und ja, jetzt in dem Moment fällt mir auch gerade ein, dass er ihm ja auch gesagt hat, dass er ihn töten wird. Das Ding ist, nur für Theo war das ja damals nicht so. Und ich musste hier so ein bisschen daran denken, wie das vielleicht manche vom Dating kennen oder aus romantischen Beziehungen, dass man jemanden kennenlernt und dann Warnsignale ignoriert. Und das alles immer mit dem Hintergrund, dass man in solchen Situationen dann auch gewillt ist, die Augen vor der Realität zu schließen für etwas, was aus so einer Verbindung werden kann.
Und Theo hat sich ja um alles in der Welt einen Freund gewünscht. Und er hat seine Entscheidungen damals natürlich nicht mit dem Wissen, was wir heute haben, getroffen. Also dass so was am Ende dabei rauskommen wird, das ist ja total unwahrscheinlich. Und da würde vermutlich auch niemand erst mal dran denken, dass so etwas passiert. Vor allem, weil Theo ja in Vincent offenbar irgendwas gesehen hat. Und das finde ich daran auch so tragisch. Ihm hat diese Beziehung so viel bedeutet, obwohl sich abgezeichnet hat, dass Vincent ihm nicht so gut tat.
Und versucht dann sogar, Abstand zu gewinnen und Grenzen zu setzen, aber in der Hoffnung, Vincent damit nicht zu verstoßen. Da muss ich natürlich an People Pleasing denken, aber auch daran, was man teilweise bereit ist, aufzugeben oder wie sehr man bereit ist, Grenzen zu verschieben. Teilweise bis zur Selbstaufgabe, weil einem ein anderer Mensch wichtiger ist. Und hier bei deren Beziehung, die ja nur freundschaftlich war, finde ich das Fiese an der Geschichte, dass diese Sachen, die ja eigentlich gefährlich waren für Theo, gelabelt wurden als: "Ich möchte etwas Gutes für dich und ich bringe dir etwas bei.
Ich bin jemand, der dir hilft, über dich hinauszuwachsen." Und das schmeichelt einem natürlich auch. Also gerade, wenn man das nicht gewohnt ist und das nicht kennt, dass jemand was Gutes für einen tut oder was Gutes für einen will. Und das finde ich an dieser Geschichte wirklich so traurig. Also nicht, dass Theo hier irgendwie vermeintlich zu schwach gewesen ist oder auch zu gutgläubig, sondern dass er halt versucht hat, für sich einzustehen, aber trotzdem eine ihm wichtige Freundschaft zu bewahren, die der Vincent gar nicht verdient hat.
Nächste Woche erzählen Laura und ich von einem Fall, bei dem es um einen einzigen Moment von Unachtsamkeit geht, der eine riesige Katastrophe auslöst. Es geht um eine kleine Entscheidung, die nur wenige Sekunden dauert und später mehrere Menschen das Leben kostet. Bis dahin. Das war ein Podcast der Partner in Crime in Zusammenarbeit mit Studio Bomance. Hosts: Paulina Krasa und Laura Wohlers. Redaktionelle Leitung: Jon Hantschin und wir.
Redaktion: Marisol Mercado und wir. Schnitt: Pauline Korb. Rechtliche Abnahme und Beratung: Abel und Kollegen.
Lange hat sich der 24-jährige Theo einen Freund gewünscht, mit dem er gemeinsam durchs Leben gehen kann. Als er Vincent kennenlernt, geht dieser Wunsch endlich in Erfüllung. Doch bald schon verlangt sein neuer Freund von ihm, sich zu verändern. Mit Mutproben soll Theo über sich hinauswachsen – beweisen, dass er stark und unerschrocken ist und so ein „richtiger Mann“ werden. Die Aufgaben werden gefährlicher, die Freundschaft zur Bewährungsprobe. Als Theo vorsichtig versucht, auf Abstand zu gehen, ahnt er nicht, was er damit bei Vincent auslöst. Bis eine Mutprobe schließlich zur tödlichen Falle wird.
In dieser Folge von „Mordlust – Verbrechen und ihre Hintergründe“ sprechen wir über ein Gefühl, das wohl jeder kennt: Neid. Darüber, was er mit Freundschaften, aber auch mit einem selbst machen kann. Und wir erzählen von einer Freundschaft, in der Neid letztendlich tödliche Zerstörung anrichtete.
Expert:innen in dieser Folge: Psychotherapeutin, Podcasterin und Autorin Franca Cerutti
Allgemeinmediziner und Medizinjournalist Dr. Christoph Specht
**Credit**
Hosts: Paulina Krasa, Laura Wohlers
Producer: Paulina Krasa, Laura Wohlers und Jon Handschin
Redaktion: Paulina Krasa, Laura Wohlers, Marysol Mercado
Schnitt: Pauline Korb
Rechtliche Abnahme: „Abel und Kollegen“; Benedikt Müller
**Quellen (Auswahl)**
Das Berufungsurteil und die Prozessberichterstattung liegen uns vor. Wir haben uns in diesem Fall aber aus persönlichkeitsrechtlichen Gründen dazu entschieden, die Quellen hier nicht zu verlinken.
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